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Sabotage am Stromnetz: Wer darf Drohnen abschießen?

Deutschland leidet unter Sabotageversuchen
Foto: picture alliance / Rene Traut Fotografie | Rene Traut Deutschland leidet unter Sabotageversuchen
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Lesezeit3 Min · 660 Wörter

Nach Sabotageakten auf Umspannwerke streiten Politik und Betreiber, wer Drohnen abwehren darf: Der Staat oder private Konzerne selbst.

Ein Silvesterböller als Waffe gegen das Stromnetz: So simpel beschreiben Ermittler eine der Methoden, mit denen Unbekannte Anfang September Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen angriffen. Nahe dem Kraftwerk Jänschwalde steuerten Täter selbstgebaute Flugkörper in Richtung Hochspannungsleitungen, um leitfähiges Material zu verteilen. In Bergheim bei Köln legten Unbekannte Kabel über eine Oberleitung und lösten einen Kurzschluss aus.

Ermittler fanden an beiden Tatorten Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik, die offenbar schon länger installiert waren, wie die WirtschaftsWoche berichtet. Die Behörden gehen von verfassungsfeindlicher Sabotage aus. Wer dahintersteckt, bleibt offen, doch die Vorfälle haben eine Frage neu aufgeworfen: Wem gehört die Verantwortung für Anlagen, die weder Zaun noch Kamera allein schützen können.

Das Kritis-Dachgesetz löst die Frage nicht, es verschiebt sie

Der Bundestag hat mit dem neuen Kritis-Dachgesetz Betreiber kritischer Infrastruktur zu Risikoanalysen, Resilienzplänen und besserem physischen Schutz verpflichtet. Erfasst werden grundsätzlich Einrichtungen, die mehr als 500.000 Menschen versorgen, wobei Bundesländer zusätzliche Anlagen einstufen dürfen. Entscheidend ist eine Leerstelle: Aktive Drohnenabwehr bleibt laut Gesetz primär hoheitliche Aufgabe.

Der Brandenburger SPD-Innenpolitiker Erik Stohn bringt das Dilemma auf den Punkt: Wer eine Drohne abschießen dürfe, sei bislang Bundespolizei, Landespolizei oder in bestimmten Fällen der Bundeswehr vorbehalten, so Stohn gegenüber dem RBB-Inforadio, wie die WirtschaftsWoche dokumentiert. Private könnten hier nicht einfach agieren, Haftungsfragen seien ungeklärt.

Betreiber wollen selbst zuschlagen dürfen

Genau das stört Praktiker. NRW-Innenminister Herbert Reul fordert mehr Befugnisse für Betreiber, auch bei der Videoüberwachung rund um sensible Anlagen. Der Verband kommunaler Unternehmen verlangt staatliche Garantien und zusätzliche Drohnenabwehr-Rechte, um schneller reagieren zu können.

Eine Lösung bietet die sogenannte Beleihung: Der Staat überträgt Abwehrbefugnisse an private Akteure, behält aber die Aufsicht, erklärt Michèle Knodt vom Hessischen Drohnenkompetenzzentrum laut WirtschaftsWoche. Der Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen spricht von einer neuen Dimension: Hans-Walter Borries nennt die Vorfälle „hybride Vorkriegsführung“ und rechnet mit einer Vervier- bis Versechsfachung der Sicherheitskosten für Unternehmen, wie die WirtschaftsWoche berichtet.

Zäune allein retten kein Stromnetz mehr

Berlin zeigt, wie teuer Prävention wird: Über 70 Umspannwerke wurden bereits mit 2,40 Meter hohen Zäunen, NATO-Draht und KI-gestützter Videoüberwachung gesichert, ergänzt um eine Autarkiepflicht von 72 Stunden im Notbetrieb. Doch Knodt warnt vor Illusionen: Man müsse sich davon verabschieden, räumlich verteilte Infrastruktur wie Stromnetze allein durch höhere Zäune vollständig zu schützen, so die Direktorin laut WirtschaftsWoche.

Wichtiger seien schnelle Reparaturteams und standardisierte Ersatzteile. Auf europäischer Ebene bestätigt sich das Bild: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik registriert laut t3n eine Zunahme staatlich gelenkter Akteure mit langfristigen Sabotagezielen, ein Muster, das frühere Cyberangriffe wie NotPetya oder den Viasat-Hack bereits andeuteten.

Business Punk Check

Fakt ist: Zwei Umspannwerke wurden binnen eines Tages sabotiert, das Kritis-Dachgesetz existiert, die Rechtsverordnung zur Drohnenabwehr fehlt noch. Interpretation: Die Debatte verläuft entlang einer klassischen Bruchlinie zwischen Betreiberinteressen und staatlichem Gewaltmonopol, nicht entlang einer technischen Notwendigkeit.

Offen bleibt, ob Beleihungsmodelle wie in Hessen diskutiert tatsächlich schneller kommen als die von Borries erwartete Kostenexplosion für Unternehmen. Wer zahlt am Ende die vervier- bis versechsfachten Sicherheitskosten, Steuerzahler oder Stromkunden, ist juristisch wie politisch ungeklärt.

Auf einen Blick

  • Angriffe auf Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen mit selbstgebauten Flugkörpern und Kabelmanipulationen lösten die aktuelle Debatte aus.
  • Das neue Kritis-Dachgesetz verpflichtet Betreiber zu Resilienzplänen und physischem Schutz, ordnet aktive Drohnenabwehr aber weiterhin als hoheitliche Aufgabe ein.
  • Politiker wie Herbert Reul und Verbände wie der VKU fordern mehr Befugnisse für private Betreiber, etwa über Beleihungsmodelle.
  • Berlin hat bereits über 70 Umspannwerke mit verstärkten Zäunen und KI-Videoüberwachung gesichert, Experten warnen jedoch vor der Illusion vollständigen physischen Schutzes.

Quellen: t3n, WirtschaftsWoche, Tagesschau, Ad-hoc-news, Rbb24, Bundestag, Rbb24

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.