Sachsen-Anhalt-Wahl: AfD gewinnt die Jungen – CDU verliert eine Generation
Bei der Sachsen-Anhalt-Wahl holt die AfD 61 Prozent der Arbeiterstimmen und dominiert bei jungen Wählern. Was das für Fachkräftemarkt und Mittelstand im ältesten Bundesland bedeutet.
Sachsen-Anhalt hat gewählt und das Ergebnis liest sich wie ein Weckruf für jeden, der über Fachkräftemangel und Standortattraktivität spricht. Die AfD holt über 40 Prozent, bei Arbeitern sogar 61 Prozent.
Die CDU ist im Vergleich zur vergangenen Landtagswahl halbiert, die bislang mitregierende FDP fliegt aus dem Landtag und auch das BSW musste bis zuletzt um den Einzug zittern. Das ist kein Randphänomen mehr, sondern eine wirtschaftspolitische Zäsur im ältesten Bundesland Deutschlands.
Junge Wähler stimmen deutlich häufiger für die AfD
Bei den 18- bis 24-Jährigen kommt die AfD auf 42 Prozent, die Linkspartei auf 18 Prozent. Die CDU rangiert bei gerade einmal 5 Prozent. Für Unternehmen, die in Sachsen-Anhalt Nachwuchs rekrutieren wollen, ist das eine Kennzahl mit Sprengkraft: Wer junge Fachkräfte binden will, trifft auf eine Generation, die etablierten Parteien und damit oft auch etablierten Wirtschaftsstrukturen misstraut.
Auch bei den mittleren Altersgruppen setzt sich das Bild fort: Bei den 35- bis 44-Jährigen sowie den 45- bis 59-Jährigen kam die AfD auf jeweils 53 Prozent, während die CDU bei den 35- bis 44-Jährigen nur 9 Prozent erreichte und die Grünen mit 12 Prozent sogar zweitstärkste Kraft wurden. Laut dem Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 ist das Vertrauen in politische Institutionen bei Jüngeren deutlich schwächer ausgeprägt als bei Älteren.
Wie Deutschlandfunk berichtet, sehen über vier Fünftel der AfD-Wähler grundlegende Veränderungswünsche an die Politik. Das liest sich weniger wie ein Protest von gestern, sondern eher wie eine strukturelle Ablehnung des Status quo, die sich möglicherweise auch in Betriebsraeten, Ausbildungsmessen und Kommunalpolitik fortsetzen duerfte.
Auch der BR dokumentiert diese Stimmung anschaulich: In Wittenberg bildete sich am AfD-Wahlstand eine lange Schlange für Selfies mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, junge Erstwählerinnen wie die 24-jährige Jessica sympathisieren mit Positionen, die etwa Inklusion an Schulen zurückdrehen wollen. Die AfD selbst formuliert das in ihrem Regierungsprogramm unverblümt: Das „Experiment Inklusion“ solle „unverzüglich beendet“ und Förderschulen ausgebaut werden.
Arbeiter, Angestellte, Selbstständige: Die AfD dominiert jede Berufsgruppe
Bei den Selbstständigen wählte jeder Zweite die AfD, die CDU kommt hier nur auf 19 Prozent, die Grünen auf 14 Prozent. Bei Angestellten liegt die AfD mit 46 Prozent vorn, CDU (13 Prozent) und Grüne (12 Prozent) kommen kaum hinterher. Einzig die Beamten widerstehen dem Trend: Dort wählte nur jeder Fünfte die Partei. Auffällig ist zudem, dass ausgerechnet die SPD als traditionelle Arbeiterpartei bei den Arbeitern nur auf 10 Prozent kommt und damit hinter Linkspartei und BSW landet, gleichauf mit den Grünen. Für den Mittelstand ist das eine unbequeme Erkenntnis.
Wer glaubt, wirtschaftsliberale Wählerschaften seien automatisch AfD-resistent, irrt. Selbstständige und Angestellte, also genau jene Gruppen, die Unternehmen jeden Tag am Laufen halten, haben sich in Sachsen-Anhalt mehrheitlich von CDU und Grünen abgewandt. Auch beim Geschlechtervergleich zeigt sich ein Muster mit betrieblicher Relevanz: Männer wählten mit 50 Prozent deutlich häufiger AfD als Frauen mit 39 Prozent, bei nahezu allen anderen Parteien schneiden Frauen etwas besser ab. Für Personalverantwortliche bedeutet das, dass politische Polarisierung entlang von Geschlecht und Berufsgruppe künftig auch innerbetrieblich stärker sichtbar werden dürfte.
Bildungsschere sorgt für Unruhe in Betrieben
Wer einen hohen Bildungsabschluss hat, wählte laut Infratest dimap zu 31 Prozent AfD, deutlich unter dem Gesamtergebnis. Bei niedrigeren Abschlüssen liegt die Zustimmung dagegen weit höher. Diese Spaltung entlang der Bildungslinie ist für Personalabteilungen mehr als eine soziologische Randnotiz: Sie deutet darauf hin, wie unterschiedlich Belegschaften auf politische Fragen blicken könnten und wie schwer sich Betriebe möglicherweise tun werden, innerbetrieblich Konsens über Zuwanderung, Fachkräftesicherung oder EU-Förderprogramme herzustellen.
Politologe Janek Treiber ordnete das Ergebnis im Deutschlandfunk so ein: „Die CDU ist ohne Zweifel die große Verliererin des Abends, sowohl hinsichtlich ihres Wahlergebnisses als auch wegen des Drucks, der jetzt auf ihr lastet von allen Seiten.“ Sein Kollege Christian Stecker sprach von einer Zeitenwende: Die Brandmauerstrategie sei am Ende.
Sollte die AfD tatsächlich regieren, stehe ihr laut Stecker erstmals die Konfrontation mit der wirtschaftlichen Realität bevor. Dass die Gesellschaft dabei tief gespalten ist, zeigt auch der BR in seiner Reportage aus dem Wahlkampf: Während in Naumburg an der Saale Teilnehmerinnen des Christopher Street Day berichten, politische Gespräche in der Familie seien kaum noch möglich, sorgen sich Mütter beim Heimatfest in Zerbst/Anhalt um Sicherheit im Alltag, während andere sich von der Landespolitik vor allem mehr Investitionen in Kitas und Schulen wünschen.
Parallel werben Kampagnen, wie der BR dokumentiert, für taktisches Wählen, um SPD und Grüne über die 5-Prozent-Hürde zu bringen, ein Vorgehen, das selbst unter jungen Engagierten umstritten ist, weil es nicht alle demokratischen Parteien gleichermaßen berücksichtigt.
Business Punk Check
Die politische Phrase von der Protestwahl greift hier zu kurz. 61 Prozent Arbeiterzustimmung und 50 Prozent bei Selbstständigen sind keine Ausrutscher, sondern ein strukturelles Signal an jeden Betrieb im ältesten Bundesland Deutschlands: Die AfD-Wirtschaftspolitik mit Fokus auf Abschottung trifft auf eine Wählerschaft, die genau jene Jobs besetzt, die von offenen Märkten und Zuwanderung abhängen.
Für Entscheider heißt das: Standortentscheidungen in Sachsen-Anhalt lassen sich nicht mehr ohne politisches Risikoszenario treffen. Für Unternehmen, die dort investieren, stellt sich die Frage, wie stabil Fachkräfteversorgung, Fördermittelzugang und EU-Kooperation unter einer möglichen AfD-Regierung überhaupt bleiben. Früh handelnde Unternehmen könnten sich Klarheit verschaffen, bevor Koalitionsverhandlungen Fakten schaffen. Vorsichtige Beobachter tun gut daran, die nächsten Wochen als Testphase für die tatsächliche Regierungsfähigkeit zu behandeln, nicht als Randnotiz.
Auf einen Blick
- Bei der Sachsen-Anhalt-Wahl holte die AfD 61 Prozent der Arbeiterstimmen, bei Selbstständigen 50 Prozent und bei Angestellten 46 Prozent.
- Junge Wähler zwischen 18 und 24 Jahren stimmten zu 42 Prozent für die AfD, die CDU kam in dieser Gruppe nur auf 5 Prozent.
- Politologe Janek Treiber bezeichnete die CDU laut *Deutschlandfunk* als große Verliererin des Abends, während Christian Stecker die Brandmauerstrategie für gescheitert erklärte.
- Bei hohen Bildungsabschlüssen lag die AfD-Zustimmung mit 31 Prozent deutlich unter dem Gesamtergebnis, was eine wachsende Bildungsspaltung sichtbar macht.
Quellen: WELT, Br, Deutschlandfunk