Startup & Scaling · Deutschland

Smart City Index: Stuttgart entthront München um 0,8 Punkte

München
Shutterstock München
Erschienen
Lesezeit5 Min · 1.037 Wörter

Stuttgart ist neue Nummer eins im Smart City Index, München verliert die Krone nach Jahren an der Spitze. Der Grund: Breite schlägt Einzeldisziplin und das Feld rückt gefährlich eng zusammen.

Stuttgart holt sich mit 92,8 von 100 Punkten die Krone im Smart City Index und beendet damit Münchens Dominanz an der Tabellenspitze. Zwischen Platz eins und Platz drei liegen im aktuellen Ranking nur noch 1,3 Punkte, im Vorjahr waren es noch 2,2. Was nach Ranking-Trivia klingt, ist tatsächlich ein handfestes Signal: Deutschlands Großstädte digitalisieren sich schneller, aber auch gnadenloser gegeneinander.

Für eine Top-10-Platzierung waren in diesem Jahr 85,5 Punkte nötig, im Vorjahr reichten noch 84,7 und 2023 genügten sogar 76,6 Punkte. Der Notendurchschnitt aller 83 untersuchten Großstädte klettert von 70,8 auf 73,8 Punkte, laut Bitkom. Das gesamte Feld zieht also mit an, was die Konkurrenz an der Spitze zusätzlich verschärft.

Stuttgart gewinnt nicht, weil die Stadt in einer Kategorie glänzt, sondern weil sie überall liefert. Als einzige der 83 untersuchten Großstädte landet die baden-württembergische Landeshauptstadt in allen fünf Themenbereichen unter den Top Ten, laut Bitkom: Platz eins bei Energie und Umwelt, Platz drei bei der Verwaltung, Rang sechs bei IT und Kommunikation, Rang sieben bei Gesellschaft und Bildung, Rang acht bei Mobilität. München (92,0 Punkte) und Hamburg (91,5 Punkte) komplettieren das Podium, bleiben aber bei einzelnen Highlights stehen, während Stuttgart die Fläche bespielt. Neu in den Top 10 ist Aachen, das sich um sechs Plätze auf Rang zehn verbessert, während Heidelberg mit 84,7 Punkten aus der Spitzengruppe herausfällt und auf Rang 13 abrutscht.

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt Stuttgarts Erfolgsrezept auf den Punkt: „Stuttgart liegt beim Smart City Index vorn, weil sie Digitalisierung in aller Breite angeht und als einzige Großstadt in allen Bereichen liefert: in der Verwaltung ebenso wie bei Mobilität, Energie, Infrastruktur und Bildung“, so Wintergerst laut Bitkom. München und Hamburg bezeichnet er dabei ausdrücklich nicht als Verlierer: „Sie sind bei der Digitalisierung ebenfalls weitergekommen und sind in vielen Bereichen Vorreiter.“.

Breite schlägt Glanzleistung

Genau hier liegt die eigentliche Tech-Story des Index: Einzelne Leuchtturmprojekte reichen nicht mehr, um oben mitzuspielen. Krefeld teilt sich mit Nürnberg den Verwaltungs-Spitzenplatz mit voller Punktzahl, landet im Gesamtranking aber nur auf Platz 45. Darmstadt gewinnt die Kategorie Gesellschaft und Bildung mit 98,8 Punkten, kommt insgesamt aber nur auf Rang 28, weil die Stadt bei der Verwaltung gleichzeitig 34 Plätze verliert.

Auch andere Städte zeigen dieses Muster einer Einzeldisziplin ohne Gesamtwirkung: Osnabrück erreicht bei IT und Kommunikation Platz drei, gesamt aber nur Platz 24. Braunschweig landet bei Energie und Umwelt auf Platz drei, in der Gesamtwertung auf Platz 23. Magdeburg verbessert sich bei Gesellschaft und Bildung sogar um 40 Plätze auf Rang zwölf, bleibt im Gesamtranking aber auf Platz 73 hängen. Wer nur in einer Disziplin brilliert, wird von Städten überholt, die konsequent in Breite investieren, in Verwaltungs-Workflows, KI-gestützte Verkehrssteuerung und Sensorik gleichermaßen.

Mittelfeld überholt mit KI-Tools

Die spannendsten Bewegungen passieren nicht an der Spitze, sondern im Mittelfeld. Erlangen verbessert sich um 19 Plätze auf Rang 56, weil die Stadt inzwischen 100 Prozent der abgefragten OZG-Leistungen digital anbietet, eine verbindliche digitale Terminbuchung in Bürger- und Gewerbeamt eingeführt hat und bei internen Prozessen sowie Bezahlvorgängen die volle Punktzahl erreicht. Hildesheim verbessert sich ebenfalls um 19 Plätze auf Rang 60, unter anderem durch Künstliche Intelligenz in allen Ämtern, eAkte und Dokumentenmanagement, dazu digitale Wärmeplanung und ausgebaute Ladeinfrastruktur.

Mönchengladbach steht mit Rang zwölf erstmals in den Top 20 und verbessert sich in der Kategorie Mobilität um 24 Plätze, angetrieben von KI-basierter Verkehrssteuerung, einem digitalen Verkehrsschildkataster und WLAN im öffentlichen Nahverkehr. Auch Bremen setzt seinen Aufstiegskurs fort und klettert um 13 Plätze auf Rang 29, die beste Platzierung, die die Stadt im Smart City Index je erreicht hat, binnen zwei Jahren ging es von Platz 71 auf Platz 29. Diese Städte zeigen: Digital Disruption in der Verwaltung ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern läuft bereits produktiv.

Wer bremst, verliert Boden

Umgekehrt zeigt der Index, wie schnell Stillstand bestraft wird. Paderborn und Heilbronn verlieren je 16 Plätze, ebenso Koblenz, das um denselben Wert auf Rang 59 zurückfällt. Dresden rutscht binnen weniger Jahre von einem Top-10-Platz 2023 auf Rang 30 ab. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt es auf den Punkt: „Digitalisierung hat in vielen Rathäusern den Sprung von der Projektarbeit zur Daueraufgabe geschafft. Das bedeutet aber auch: Wer ein Jahr nur ein bisschen auf die Bremse tritt, verliert“, so Wintergerst laut Bitkom.

Wichtig für die betroffenen Kommunen: Wintergerst relativiert den Absturz auch, denn „Städte, die zurückfallen, sind in der Regel aber nicht weniger digital als vorher, nur die anderen sind an ihnen vorbeigezogen.“ Schlusslicht bleibt Remscheid mit 47,3 Punkten, knapp davor Salzgitter mit 52,9 Punkten. Viele Best-Practice-Projekte, etwa Dortmunds Klima-Messnetz mit 76 Stationen im gesamten Stadtgebiet oder Solingens Krisen-App SMARTKRIS, entstanden in befristeten Förderprogrammen des Bundes, die nun auslaufen. Ohne dauerhafte Finanzierung drohen genau die Innovationen zu versanden, die aktuell für Aufstiege sorgen.

Business Punk Check

KI in der Verwaltung klingt nach Buzzword-Bingo, ist in Erlangen und Hildesheim aber messbar produktiv: volle Punktzahl bei digitalen Bürgerservices, KI-gestützte Aktenverwaltung im Alltagseinsatz. Das ist kein Hype, das ist Betrieb. Die unbequeme Wahrheit: Der Unterschied zwischen Platz zwölf und Platz 45 entsteht nicht durch spektakuläre Leuchtturmprojekte, sondern durch stures Durcharbeiten aller Themenbereiche. Wer als Kommune oder Unternehmen auf ein einzelnes Prestigeprojekt setzt, wird von Städten überholt, die langweilige Basisarbeit konsequent digitalisieren. Für Entscheider heißt das: Vor der nächsten Digital-Strategie sitzt die härtere Frage, ob befristete Förderlogik durch dauerhafte Infrastruktur ersetzt wird, sonst verpufft der Aufholeffekt in wenigen Jahren wieder.

Auf einen Blick

  • Stuttgart löst München mit 92,8 von 100 Punkten als digitalste deutsche Großstadt ab, laut Bitkom liegt die Stadt als einzige in allen fünf Themenbereichen unter den Top Ten.
  • Erlangen und Hildesheim verbessern sich um je 19 Plätze, unter anderem durch vollständig digitale OZG-Leistungen und den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Ämtern.
  • Paderborn, Heilbronn und Koblenz verlieren jeweils 16 Plätze, Dresden rutscht von einer früheren Top-10-Platzierung auf Rang 30 ab.
  • Viele Vorzeigeprojekte stammen aus befristeten Förderprogrammen des Bundes, die auslaufen, eine dauerhafte Finanzierung gilt als offene Frage.

Quellen: Bitkom, Tagesschau, KI-unterstützt

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.