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So geht Meditation im Office: „Unser Geist ist ein Werkzeug“

So geht Meditation im Office: „Unser Geist ist ein Werkzeug“
Johanna Walderdorff für BUSINESS PUNK
Erschienen
Lesezeit10 Min · 2.034 Wörter

Es ist einer dieser Tage, an denen alles gleichzeitig brennt und man keine Ideen fürs Feuerlöschen hat. Der eine Text, der seit Wochen liegen geblieben ist, die nächste virtuelle Besprechung zur Strategie, und dann klingelt erst mal das Telefon. Stress breitet sich in meinem Körper aus. Als Anspannung, ja Verkrampfung, ich kann es spüren. Aber nichts dagegen tun. Verheddere mich in einer Liste aus Hunderten To-dos. Mache alles nur noch schlimmer, indem ich mich deswegen unter Druck setze.

Abhilfe muss her: Ich brauche so etwas wie einen Zauberspruch, um mich wieder auf den Boden zu bringen. Und von den legalen Methoden erscheint mir Meditation am praktikabelsten. Sicher, lange galt gerade das Brennen als erstrebenswert, zelebrierten Jungmanager:innen und Gründer:innen die Kultur des Niemals-zur-Ruhe-Kommens. Aber viele brannten dabei tatsächlich aus. Und merkten, dass sie mit sich selber nachhaltiger umgehen müssen. Denn wer will schon eine fossile Ressource sein, die irgendwann verbraucht ist? An diesem Punkt stand auch Peter Beer.

Der Regensburger hat gerade ein Buch zur Meditation veröffentlicht. Er ist Psychologe und Trainer. Heute jedenfalls, wie er mir im Videocall erzählt. Denn mit Mitte 30 hat Beer schon eine andere Karriere hinter sich. Und eine ganz schön harte Zeit.

Von außen betrachtet führte Beer ein erfolgreiches Leben, arbeitete als Ingenieur in der Autoindustrie, verdiente gut. Aber es fühlte sich an wie die Hölle. Er sagt: „Ich war völlig ausgebrannt. Bis zu einem Punkt, an dem ich nachts schweißgebadet aus Panikattacken aufgewacht bin.“

Foto: Promo

Peter Beer ist studierter Ingenieur und Autor des Buches „Meditation“. Als er merkte, dass ihm der tägliche Nine-to-five-Job zu schaffen machte, begann er, sich intensiv mit Meditation zu befassen.

Irgendwann steht er morgens vor dem Spiegel, hat dunkle Ringe unter den Augen und sagt, dass er sich selbst nicht mehr erkannt hätte. Beer merkt, dass er etwas ändern muss, entscheidet sich damals, seine Stelle auf Teilzeit zu reduzieren. Die frei gewordenen Stunden nutzt er, um Psychologie zu studieren, liest Bücher über Meditation, besucht Seminare. „Ich habe gemerkt, da bewegt sich was. Meine alten Vorstellungen, wie die Welt funktioniert, wie man glücklich wird, sind zerbröselt, und etwas Neues hat begonnen.“

Tatsächlich strahlt Beer heute eine erstaunliche Ruhe aus. Als ich mich in den Videoanruf einschalte, sitzt er vor der Kamera wie eine Statue, die Augen geschlossen, völlig in Ruhe. Zugleich erkennt man in Beer immer noch ein klein wenig von dem Autoingenieur, der er vor gar nicht so langer Zeit war. Zusammen mit dem süddeutschen Einschlag in der Sprache kommt das jedweden unguten Guru-Assoziation zuvor.

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Aber direkt in die Praxis. „Du kannst genau dort sitzen, wo du jetzt bist“, sagt Beer. Das heißt in meinem Fall auf einem Bürostuhl vor dem Laptop in einer sehr heißen Nordberliner Hinterhauswohnung. Es ist nicht der beste Ort, um aus dem Alltag auszusteigen und zur Ruhe zu kommen.

„Einfach einen tiefen Atemzug nehmen“, redet Beer weiter. „Du kannst die Augen schließen, um in dir diesen Moment wahrzunehmen. Was ist da gerade bei dir los?“ Ich merke, dass ich schon wieder an die nächsten Aufgaben denke, mich damit beschäftige, welche Fragen ich nach der Übung noch stellen will, wie ich diesen Text schreiben werde.

Illustration: Johanna Walderdorff für BUSINESS PUNK

„Vielleicht Emotionen, vielleicht etwas Unangenehmes“, vermutet Beer. „Erlaube das, du musst nichts verändern. Vielleicht merkst du noch, wie sich dein Gehirn mit Themen beschäftigt, die wir besprochen haben, oder aus deinem Alltag. Erlaub deinem Geist, dass er denken darf.“

Das Erstaunliche dabei ist, dass ich mich wirklich schnell wohler mit meinen Gedanken fühle, sobald ich sie nicht mehr zu unterdrücken versuche. Ich habe sie mir vorher nicht aktiv verboten. Aber sich bewusst zu erlauben, dass im Kopf ein ständiges Feuerwerk abgeht, ersetzt das Gefühl von Überforderung durch den Eindruck „Wow, krasses Spektakel, lass mal beobachten“.

Beer sagt: „Allein diese Erlaubnis hilft, körperliche Empfindungen, Emotionen, Gedanken da sein zu lassen. Und dann können wir ganz langsam unsere Aufmerksamkeit auf den Atem richten. Das ist kein Hexenwerk. Einfach schauen, wo fühle ich den Atem gerade. An der Nasenspitze, wo er ausströmt. Wie der Bauch sich hebt.“

Ich konzentriere mich darauf. Merke, wie sich mein Fokus weiter verschiebt, wie ich nicht mehr jedem Gedanken nachjage, sondern sie an mir vorbeiziehen wie Landschaften vor dem Fenster eines fahrenden Zuges.

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Diese Übung lässt sich einfach in einen Tag integrieren. Beer empfiehlt, sich alle zwei Stunden fünf Minuten zu nehmen und vor dem Schreibtisch zu meditieren. „Das kannst du überall machen, außer beim Autofahren.“ Es kostet nicht mehr Zeit als eine Raucherpause. „Du hast Input, Output, Input, Output, und dann hältst du für einen kurzen Moment inne. Durch den bewussten Atem kann sich dein Nervensystem beruhigen und regulieren. Eine wahre Pause.“

Dass solche Pausen möglich sind, ist schon lange bekannt. Das Interesse an Meditation erlebte in den 70er-Jahren einen ersten Höhepunkt. Harvard-Professor Herbert Benson prägte damals den Begriff der „Relaxation Response“ – also der Entspannungsreaktion auf die Übungen. Er sah sie als das Gegenstück zu „Fight or Flight“, dem adrenalingesteuerten Umgang mit Gefahren. Genau dieser Kampfmodus war es, der gerade im Berufsleben als Normalzustand galt.

Prinzip Zinseszins

Solche meditativen Minutenpausen in den Alltag zu integrieren ist ein erster Schritt. „Je mehr wir praktizieren, desto tiefer kommen wir in diesen Entspannungszustand. Dann aktiviert sich das auch in unserem Alltag, und wir können in einem Meeting entspannen.“ Das klingt verlockend. Für die Möglichkeit, in langweiligen Besprechungen in eine Art virtuellen Strandurlaub zu fliehen, dabei dann auch noch konzentriert auszusehen, dafür würde ich viel geben.

Beer berichtet, dass er es mittlerweile sogar in Vorträgen mit Tausenden von Onlinezuschauer:innen schafft, seinen Atem zu verlangsamen und sich zu entspannen. An diesen Punkt zu kommen ist mit Fünf-Minuten-Übungen schwierig. Sie sind für Beer wie das Aufladen eines Akkus. „Längere Retreats sind gleichzeitig eine Inspektion. Ein Reinigungsprozess unserer Psyche.“ Er berichtet, dass er dabei mit emotionalem Ballast aufräumen konnte. Denn am Ende ist Meditation eben das Gegenteil von übernatürlich: Der Mensch lernt sich einfach besser kennen.

Es sind ganz unterschiedliche Bilder, die man bei der Meditation im eigenen Kopf projiziert. Bei mir ist es ein japanischer Garten. Frische Luft, plätscherndes Wasser, Stille. Aus irgendwelchen Gründen spuken mir immer die Worte „Urlaub fürs Gehirn“ durch den Kopf. Und so gut sich das auch anfühlt, macht es mir etwas Sorgen. Ist es nicht gefährlich, sein Gehirn in eine Art Standby-Modus zu schalten? Für die Arbeit brauche ich es schließlich noch.

Peter Beer beschwichtigt. Meditation heiße nicht, dass man die eigenen Gedanken ignoriert. „Unser Geist ist ein Werkzeug, das wir nutzen lernen können. Er kann Wunderwerke vollbringen. Aber er kann auf der anderen Seite selbstzerstörerisch wirken.“ Er ist schließlich geprägt von unseren Erfahrungen, von unserer Umgebung. Ständig entstehen daraus „Gedankenangebote“, wie Beer sie nennt.

Denn er findet: Man kann den Gedanken annehmen und etwas daraus machen. Oder man lässt ihn einfach wieder wegziehen. Der eine fiese Lehrer aus der Schule fällt dir immer dann ein, wenn du gerade unter Druck bist? Wenn es nach Beer geht, kann man sich davor schützen, sich davon verfolgen und kleinmachen zu lassen.

Radikale Toleranz

Nach der Übung fühle ich mich regeneriert. Es ist ein sanfter Effekt, trotzdem deutlich zu spüren. Ein wenig wie nach einem Spaziergang, bei dem man sich der Schönheit des Waldes bewusst wird. Oder wie im Urlaub, wenn man eine versteckte Bucht findet und der Eindruck einen alles andere kurz vergessen lässt. Kurz gesagt: ein Moment, in dem man komplett fokussiert ist. Ich erzähle Beer davon. Er hat eine Erklärung für das Gefühl.

„In der Natur schaffen wir es unbewusst, diesen Moment einfach so sein zu lassen. Der Wald, die Vögel, der Wind. Das ist im Alltag oft anders. Da haben wir eine Vorstellung, wie die Dinge sein sollten, und da ist die Welt, wie sie tatsächlich ist. Das erzeugt eine Diskrepanz, einen Druck in uns.“ Wir sind ständig damit beschäftigt, diese Lücke zwischen Wahrheit und Vorstellung zu verkleinern. Mit dem Ergebnis, dass wir uns unzufrieden fühlen und nie zur Ruhe kommen.

Anschließend versuche ich, in meinen Arbeitstagen immer wieder die Fünf-Minuten-Meditation einzubauen. Es gelingt mir nicht oft. Auch weil ich es einfach vergesse. Wenn ich doch daran denke, frage ich mich manchmal, ob ich alles richtig mache. Denn nicht immer schaffe ich es, mich zu entspannen.

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Ich bin zu ungeduldig, warte auf einen Effekt und setze mich selbst unter Druck. Entspannungsstress, das ist wirklich Next Level. Dann aber erinnere ich mich an Beers Worte: Meditation bedeutet, sich einfach so sein zu lassen. Kein Druck, keine Erwartung, keine Optimierung. Und das hilft mir. Plötzlich ist er wieder da, der Urlaub fürs Gehirn.

Wissenschaft statt Eso

Stress ist nicht bloß mein subjektives Problem. Wenn er eine ansteckende Krankheit wäre, dann müsste man von einer Pandemie sprechen. Wissenschaftler von der Universität Illinois haben sogar ermittelt, dass Stress unsere Persönlichkeit verändert. Jarvis Smallfield und Donald H. Kluemper sehen einen Zusammenhang von Stress und dem Persönlichkeitsmerkmal des Neurotizismus. Ein Teufelskreis: Denn neurotische Menschen können sich auch schlechter gegen Stress wehren. Nicht nur Lifestyle-Optimierer, auch die Wissenschaft spornt zum Vorbeugen an.

Denn wem die Versprechen zu oft ins Esoterische kippen, kann sich damit trösten, dass sich seit vielen Jahren auch die empirischen Wissenschaften mit Meditation beschäftigen. Positive Wirkungen für Menschen mit Depressionen, chronischem Schmerz oder Angsterkrankungen sind vielfach belegt. Psychologe und Neurowissenschaftler Ulrich Ott hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit wissenschaftlichen Studien zu erklären, warum Meditation wirkt.

In seinem Buch „Meditation für Skeptiker“ zitiert der Psychologieprofessor von der Uni Gießen zum Beispiel eine wissenschaftliche Befragung von 40 Meditationslehrern. Es gibt ihnen zufolge so etwas wie fünf Stufen, die man mit den Übungen erreichen kann. Schon Stufe zwei hört sich nach genau dem an, was ich haben will: „Wohlbefinden, ruhige Atmung, wachsende Geduld“ soll sie bringen. Aber es geht noch viel weiter. Stufe fünf verspricht „Einssein, Leerheit, Grenzenlosigkeit“, ja sogar „Transzendenz von Subjekt und Objekt“.

Groß angelegte Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Lockdown zwar Angst und Depression befördert, Stress aber immerhin nicht. Das mit der Meditation ist im Homeoffice schließlich auch leichter umsetzbar als im Office.

Dass sich heute so viele Menschen die Möglichkeit wünschen, abzuschalten, hat auch mit Reizüberflutung zu tun. Selbst Beer, mit Mitte 30 noch lange kein Dino, erinnert sich, dass es in seiner Kindheit noch viel weniger Reizüberflutung gab: „Als ich vier, fünf Jahre alt war, habe ich immer meinen Opa beobachtet. Wie er sich nach Feierabend ein Bier und eine Zigarre genommen hat.“ Beer wuchs in einem bayrischen Dorf auf, hinter dem Haus lag ein großes Feld mit einer Eiche.

„Auf die Bank darunter hat er sich immer gesetzt. Es sah ein bisschen aus wie der Windows-Hintergrund mit dem Grasland. Er setzt sich einfach auf die Bank, nippt an seinem Bier und schaut, wie die Sonne untergeht. Im Grunde eine Form von Meditation.“

Wenn bayrische Großväter als Meditationsvorbilder dienen, lassen sich vielleicht auch die härtesten Kritikerinnen überzeugen, dass Meditation kein New-Age-Hokuspokus ist. Sondern das kühle Feierabendbier, das man immer im Kopf dabeihat.

Im Dossier der vierten Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Sales & Retail. Mit Blick auf unsere Titelgeschichte sei gesagt: Wir brauchen eine OnlyFans-Strategie! Außerdem ist es eine sehr musik- und kunstlastige Ausgabe geworden: Drangsal, Kool Savas, Ju Schnee, Simon Lohmeyer, Rapperin Little Simz – alle dabei. Dies und noch viel, viel mehr gibt es am Kiosk eures Vertrauens – oder wie immer hier im Aboshop.

Jonas Bickelmann