Startup & Scaling US-Health-Invest in Germany Teil 1 – wird Seamless das neue BioNTech?

US-Health-Invest in Germany Teil 1 – wird Seamless das neue BioNTech?

US-Investmensts sichern sich scheinbar immmer schneller deutsches Know-how. Eli Lilly pumpt bis zu 1,12 Milliarden Dollar in Seamless Therapeutics aus Dresden. Gene-Editing gegen Hörverlust – oder das nächste deutsche Biotech-Märchen mit US-Kapital? Die Parallelen zu BioNTech sind verblüffend.

Ein Dresdner Startup mit 20 Mitarbeitern sichert sich einen Milliarden-Deal mit einem US-Pharmariesen. Die Technologie steckt noch in der präklinischen Phase, doch das Geld fließt bereits. Wer jetzt an BioNTech denkt, liegt nicht falsch. Seamless Therapeutics wiederholt gerade das erfolgreichste Playbook der deutschen Biotech-Geschichte – nur diesmal geht es nicht um mRNA, sondern um programmierbare Rekombinasen. Und statt Pfizer heißt der Partner Eli Lilly.

Dresden trifft Indianapolis

Die Rechnung ist simpel: Deutsches Know-how trifft auf amerikanisches Kapital und Infrastruktur. Seamless entwickelt am Standort Dresden die Technologie zur Programmierung von Rekombinasen – Enzyme, die große DNA-Segmente präzise ins Genom einbauen können. Lilly übernimmt alles andere: präklinische Tests, klinische Studien, Zulassung, Vermarktung. Das Ziel: Therapien gegen genetisch bedingten Hörverlust, ein Markt mit erheblichem medizinischen Bedarf. Das Konstrukt erinnert frappierend an die BioNTech-Pfizer-Partnerschaft.

Auch dort blieb die Plattformentwicklung in Deutschland, während der US-Partner die industrielle Skalierung übernahm. Der Unterschied: BioNTech hatte bereits klinische Daten vorgelegt, als Pfizer einstieg. Seamless befindet sich noch in der präklinischen Phase – und kassiert trotzdem Zusagen über 1,12 Milliarden Dollar.

Gene-Editing jenseits von CRISPR

Während CRISPR-Systeme das Genom an bestimmten Stellen schneiden und auf zelleigene Reparaturmechanismen hoffen, funktionieren Rekombinasen anders. Sie tauschen DNA-Sequenzen direkt aus – ohne Umweg über die zelluläre Maschinerie. Das macht sie präziser, aber auch komplexer in der Entwicklung. Klassische Rekombinasen brauchten laut VC Magazin bis zu zwei Jahre Entwicklungszeit pro Zielsequenz.

Seamless gibt an, diesen Prozess auf sechs Monate verkürzt zu haben. Die Technologie stammt aus der TU Dresden, entwickelt von Prof. Frank Buchholz und Dr. Felix Lansing. Letzterer ist heute Chief Technology Officer bei Seamless und hält sieben Patente auf dem Gebiet. Das akademische Fundament ist solide – die Frage ist, ob sich daraus tatsächlich marktreife Therapien entwickeln lassen.

Hörverlust als Einstiegsmarkt

Warum ausgerechnet Hörverlust? Die Indikation war kein internes Schwerpunktprogramm von Seamless. CEO Albert Seymour erklärt die Wahl pragmatisch: Die Plattform sei indikationsagnostisch, Lilly habe den Bereich als strategisch relevant identifiziert. Anders formuliert: Seamless liefert die Technologie, Lilly bestimmt die Anwendung.

Genetisch bedingter Hörverlust betrifft weltweit Millionen Menschen. Bisherige Behandlungsoptionen beschränken sich auf Hörgeräte und Cochlea-Implantate – kausale Therapien existieren nicht. Wenn Seamless und Lilly tatsächlich funktionierende Gen-Therapien entwickeln, wäre das ein Durchbruch. Wenn nicht, bleibt es bei einem gut finanzierten Forschungsprojekt.

Das BioNTech-Playbook 2.0?

Die Parallelen sind offensichtlich: Deutsches Biotech-Startup, US-Pharmapartner, Milliarden-Deal, Technologie bleibt in Deutschland. Doch es gibt entscheidende Unterschiede. BioNTech hatte vor der Pfizer-Kooperation bereits mehrere klinische Programme laufen. Seamless präsentiert bislang keine öffentlichen Daten – interne Ergebnisse sollen laut Unternehmesangaben erst im Laufe des Jahres folgen. Zudem: Der mRNA-Impfstoff gegen Corona war ein Glücksfall, der niemand vorhersehen konnte.

Hörverlust-Therapien durchlaufen den klassischen Entwicklungspfad – acht bis zehn Jahre bis zur Marktreife, selbst bei seltenen Erkrankungen. Seamless-CEO Seymour macht keine Abkürzungsversprechen. Die Daten werden entscheiden. Trotzdem: Dass Eli Lilly bereits in der präklinischen Phase derart viel Kapital zusagt, zeigt das Vertrauen in die Plattform. Milliarden-Deals waren bislang ausgereiften CRISPR-Technologien vorbehalten. Seamless durchbricht dieses Muster.

Deutschlands Biotech-Dilemma

Der Deal wirft eine unbequeme Frage auf: Warum braucht deutsches Biotech-Know-how amerikanisches Geld, um zu skalieren? Seamless ist durch Forbion, Wellington Partners und UCB Ventures finanziert – europäische Investoren. Doch für die klinische Entwicklung und Vermarktung reicht das nicht. Hier kommt Lilly ins Spiel. Das ist kein Einzelfall. Deutsche Biotech-Unternehmen entwickeln Technologien, US-Konzerne bringen sie zur Marktreife.

BioNTech ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt – und selbst dort war Pfizer entscheidend für die globale Skalierung. Europa fehlt die Infrastruktur und das Risikokapital für späte Entwicklungsphasen. Seamless hat sich bewusst dafür entschieden, die Technologieentwicklung in Dresden zu behalten. Das ist klug. Sobald das Know-how in die USA wandert, verliert Deutschland den Kompetenzanker. Die Frage ist, wie lange diese Struktur hält, wenn Lilly die klinischen Programme vorantreibt.

Häufig gestellte Fragen

Ist Seamless Therapeutics das nächste BioNTech?

Die Parallelen sind verblüffend: Deutsches Biotech-Startup, US-Pharmapartner, Milliarden-Deal. Doch es gibt entscheidende Unterschiede. BioNTech hatte vor der Pfizer-Kooperation bereits klinische Daten und profitierte von einer Pandemie, die den Zulassungsprozess beschleunigte. Seamless befindet sich noch in der präklinischen Phase, und Hörverlust-Therapien durchlaufen den regulären Entwicklungspfad – acht bis zehn Jahre bis zur Marktreife. Der Deal zeigt das Potenzial der Technologie, aber der Erfolg hängt von Daten ab, die noch nicht öffentlich sind.

Warum investiert Eli Lilly 1,12 Milliarden Dollar in eine präklinische Technologie?

Milliarden-Deals waren bislang ausgereiften CRISPR-Plattformen vorbehalten. Dass Lilly bereits in der frühen Phase derart viel Kapital zusagt, unterstreicht das Vertrauen in die Rekombinase-Technologie von Seamless. Diese ermöglicht präzise DNA-Insertionen ohne Abhängigkeit von zellulären Reparaturmechanismen – ein Vorteil gegenüber CRISPR bei größeren genomischen Veränderungen. Lilly sichert sich exklusiven Zugang zu einer Plattform, die potenziell breiter einsetzbar ist als die aktuelle Hörverlust-Indikation.

Was bedeutet der Deal für den deutschen Biotech-Standort?

Der Deal zeigt, dass deutsches Deep-Tech-Know-how internationale Partner anzieht – aber auch, dass Europa die Infrastruktur für späte Entwicklungsphasen fehlt. Seamless behält die Technologieentwicklung in Dresden, während Lilly die klinische Translation übernimmt. Dieses Modell sichert kurzfristig Kapital, birgt aber das Risiko, dass die Wertschöpfung langfristig in die USA abwandert. Für den deutschen Biotech-Sektor ist das ein zweischneidiges Signal: Technologische Exzellenz wird anerkannt, aber die Abhängigkeit von US-Kapital bleibt bestehen.

Wie realistisch sind Gen-Therapien gegen Hörverlust?

Genetisch bedingter Hörverlust betrifft Millionen Menschen weltweit, kausale Therapien existieren bislang nicht. Wenn Seamless und Lilly funktionierende Gen-Therapien entwickeln, wäre das ein medizinischer Durchbruch. Doch die Technologie steckt in der präklinischen Phase, öffentliche Daten fehlen. Selbst bei Erfolg vergehen Jahre bis zur Marktreife. Die Frage ist nicht, ob die Technologie theoretisch funktioniert, sondern ob sie sich in klinischen Studien bewährt und regulatorische Hürden überwindet.

Welche Branchen profitieren von programmierbaren Rekombinasen?

Die Plattform ist indikationsagnostisch – sie lässt sich prinzipiell auf jede genetische Erkrankung anwenden, bei der größere DNA-Segmente ausgetauscht werden müssen. Neben Hörverlust könnten seltene genetische Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder neurodegenerative Krankheiten adressiert werden. Entscheidend ist, ob Seamless die Entwicklungszeit weiter verkürzen und die Technologie industriell skalieren kann. Wenn ja, könnte die Plattform über die Lilly-Partnerschaft hinaus Lizenzdeals mit weiteren Pharmakonzernen ermöglichen.

Quellen: Vc Magazin, Seamless Therapeutics

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