Startup & Scaling Google, RWE und 411 Millionen Euro: Proxima Fusion wird Europas Fusions-Hoffnung

Google, RWE und 411 Millionen Euro: Proxima Fusion wird Europas Fusions-Hoffnung

Proxima Fusion sammelt 411 Millionen Euro ein und wird mit 2,4 Milliarden bewertet. Google und RWE steigen als strategische Investoren ein. Das Münchner DeepTech-Startup will noch in diesem Jahrzehnt das erste kommerzielle Fusionskraftwerk bauen.

Ein Münchner Startup, fünf Gründer, ein ambitioniertes Ziel: die unbegrenzte Energie der Sonne auf die Erde holen. Was nach Science-Fiction klingt, bekommt jetzt ernsthafte Rückendeckung aus dem Silicon Valley. Proxima Fusion hat die größte private Finanzierungsrunde für Kernfusion in Europa abgeschlossen: 411 Millionen Euro, Bewertung 2,4 Milliarden Euro.

Mit Google und RWE sind erstmals Tech-Gigant und Energieversorger gemeinsam in einem europäischen Fusion-Unternehmen investiert. Die Runde wurde angeführt von XTX Ventures und East X Ventures, mit an Bord sind außerdem KfW Capital, SPRIND, Plural, Balderton, Cherry Ventures und über ein Dutzend weitere VCs, wie deutsche-startups berichtet. Damit steigt das 2023 von Francesco Sciortino, Lucio Milanese, Jorrit Lion, Martin Kubie und Jonathan Schilling gegründete Max-Planck-Spin-off zum Unicorn auf – und ist nun das bestfinanzierte Fusionsunternehmen Europas.

Warum Google auf Kernfusion setzt

Dass ausgerechnet Google einsteigt, ist kein Zufall. Der Konzern betreibt weltweit Rechenzentren, deren Energiehunger exponentiell wächst, getrieben durch KI-Training und generative Modelle. Fusionsenergie verspricht, was erneuerbare Energien allein nicht leisten können: grundlastfähige, CO2-freie Stromerzeugung in gigantischem Maßstab. Konkurrent OpenAI-Chef Sam Altman hat bereits 375 Millionen Dollar in US-Wettbewerber Helion gesteckt.

Google zieht jetzt nach, laut Trending Topics mit strategischem Fokus auf den enormen Strombedarf seiner Infrastruktur. RWE wiederum hat ein anderes Interesse: Der Energiekonzern sucht nach dem Kohleausstieg nach neuen Kraftwerksstandorten. Das erste kommerzielle Fusionskraftwerk „Stellaris“ soll auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Gundremmingen entstehen – dort, wo einst Kernspaltung Strom lieferte. Die Symbolik könnte kaum stärker sein.

Stellarator statt Tokamak: Der technische Unterschied

Während die meisten Fusion-Startups weltweit auf das Tokamak-Design setzen, eine donutförmige Plasmakammer, verfolgt Proxima das Stellarator-Konzept. Der Unterschied: Stellaratoren halten das über 100 Millionen Grad heiße Plasma in einer komplexen, spiralförmigen Magnetfeldgeometrie stabil. Das macht sie technisch anspruchsvoller in der Konstruktion, verspricht aber stabileren Dauerbetrieb ohne die gefürchteten Plasma-Instabilitäten von Tokamaks. Kernstück der Technologie sind Hochtemperatur-Supraleiter (HTS), die extrem starke Magnetfelder erzeugen. Proxima baut dabei auf den Erkenntnissen des Wendelstein-7-X-Experiments am Max-Planck-Institut in Greifswald auf, einem der weltweit fortschrittlichsten Stellaratoren.

Das frische Kapital fließt primär in „Alpha“, einen Demonstrator nahe München, der erstmals einen Netto-Energiegewinn nachweisen soll. Partner sind Bayern, das Max-Planck-Institut und RWE. Zeitplan: kommerzieller Strom noch in diesem Jahrzehnt, so deutsche-startups.

Business Punk Check

Größte Privatfinanzierung, Unicorn-Status, Google an Bord – die Zahlen beeindrucken. Doch Vorsicht vor Fusion-Hype 2.0: Seit 70 Jahren ist die Technologie „immer 30 Jahre entfernt“. Zwar gelang dem US-Labor NIF 2022 erstmals ein wissenschaftlicher Netto-Energiegewinn, doch wirtschaftliche Stromproduktion ist eine völlig andere Liga. Ungelöst bleiben Material-Verschleiß durch Neutronenbeschuss, Tritium-Beschaffung und die simple Kostenfrage: Kann Fusionsstrom jemals mit Wind, Solar und Batteriespeichern konkurrieren, deren Preise weiter fallen? Proximas ambitionierter Zeitplan – kommerzielles Kraftwerk bis 2030 – steht und fällt mit „Alpha“.

Gelingt der Demonstrator nicht, waren 650 Millionen Euro Wagniskapital ein teures Experiment. Gelingt er, könnte das Münchner Startup tatsächlich Geschichte schreiben. Für Investoren heißt das: All-in auf eine Technologie, die entweder alles verändert – oder gar nichts liefert. Riskanter geht Venture Capital nicht.

Quellen: deutsche-startups, Trending Topics, BR

Das könnte dich auch interessieren