Podcast Transformation braucht Skin in the Game oder: Warum wir unsere Marktführerschaft freiwillig aufgeben

Transformation braucht Skin in the Game oder: Warum wir unsere Marktführerschaft freiwillig aufgeben

Ein Finanzbeamter baut mit seinem Co-Founder ein Start-up auf. Nach zehn Jahren gibt ihr mittlerweile marktführendes Scale-up freiwillig seine Marktführerschaft auf. Warum TAXDOO radikal transformiert– und was andere Unternehmen daraus lernen können.

Wir schreiben das Jahr 2026 und alle sprechen über Transformation. Ist das ein Hype? Die Antwort ist einfach: Nein. Sie ist hier, um zu bleiben. Das wissen wir im Prinzip alle, auch wenn man sich manchmal dagegen sträubt.

Aber ich fange lieber von vorn an. Als ehemaliger Finanzbeamter müsste mich das alles nicht groß kümmern. Ich war der Dude, der Steuererklärungen prüfte, und das, mit einer lebenslangen Einstellung bei Vater Staat. Ich war Anfang zwanzig, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Ich musste mich nicht transformieren, um gut zu leben. Aber ich tat es.

Ich hing meine Urkunde an den Nagel, zog mit meiner Familie nach Hamburg, um zu promovieren, und fand mich Jahre später als Startup-Gründer wieder. Seitdem hat mich die Transformation nicht mehr losgelassen, beruflich wie privat.

Zu Hause bin ich immer noch in der Steuerwelt. Am wohlsten fühle ich mich an der Schnittstelle zwischen Regulierung und Technologie. Auch wenn Regulierung uns so oft in den Weg steht, ebnet Technologie den Weg zu weniger Bürokratie, zu schnelleren Prozessen, zu mehr Überblick. Wie sehr das Dinge verändert, haben viele Branchen erlebt. Transformation durch Digitalisierung. Beide Konzepte sind in der Zeit, in der wir leben, praktisch Synonyme. Ob Logistik, Produktion, Medien oder Bildung – die Wirtschaftszweige und Branchen, die sich nach und nach transformieren, sind unzählig.

Einige waren damit schneller, andere langsamer. Auf die Steuerberatung traf die Transformation erst 2025 mit voller Wucht. Zunehmende Use Cases für Künstliche Intelligenz und der fast zeitgleiche Einstieg von Private Equity Unternehmen, auch aus dem Ausland, versetzten viele der alteingesessenen Player in Schockstarre. KI und externes Kapital und das damit verbundene Know-how sind nun die Treiber einer Transformation, die bitter nötig war. Wofür? Damit, dass die Branche seit Jahren unter Fachkräftemangel und Veralterung litt, dass immer weniger Mandate angenommen werden konnten, weil Steuerberater:innen in repetitiven Aufgaben erstickten, hatte ein Großteil der Akteure sich abgefunden. Private Equity Gesellschaften bringen das nötige Geld, um Prozesse dank KI zu automatisieren, die Branche endlich zu modernisieren und die Mandanten – also die vielen mittelständischen Unternehmen – zu entlasten. Und Steuerberater:innen haben jetzt die Zeit, um sich um den Kern ihrer Tätigkeit zu kümmern: ihre Mandanten beraten.

Wir geben bewusst unsere Marktführerschaft auf.“

Mitten vor diesem Szenario: Wir von TAXDOO, Dienstleister für Steuerberatungskanzleien und E-Commerce-Unternehmen. Als wir 2016 mit einer SaaS-Lösung für die Automatisierung von Umsatzsteuer-Erklärungen für E-Commerce-Unternehmen gestartet sind, waren wir Pioniere und Technologietreiber. Diese Marktführerschaft haben wir bis heute behalten. Nun schalten wir unsere Umsatzsteuer-Services Ende April 2026 ab. Damit geben wir bewusst unsere Marktführerschaft auf. Warum? Die EU-Initiative VAT in the Digital Age (ViDA) schafft den größten Teil der Mehrwertsteuer-Bürokratie ab 2028. Somit werden unsere Umsatzsteuer-Compliance-Services überflüssig.

Wir warten nicht bis 2028, sondern bauen unser Unternehmen von Grund auf um. Mein Mitgründer Christian und ich haben seit Mitte 2025 die Transformation unseres Geschäftsmodells vorangetrieben: einen bewussten Schritt weg von reinen Services hin zu einer integrierten, KI-gestützten Buchhaltungsplattform (TAXDOO Accounting). Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir nie kalte Füße hatten.

Denn: Transformation ist nicht nur das Reden über Veränderung, sondern erfordert tatsächlich radikale Entscheidungen wie das Aufgeben der Marktführerschaft in alten Segmenten, bevor diese obsolet werden. Wie schwer uns das gefallen ist, kann jede und jeder nachvollziehen, der im Geschäftsleben mit einer Entscheidung den bisherigen Status quo riskiert hat. Ich spreche in diesem Kontext über „Skin in the Game”. Den Begriff habe ich von einem Ökonomen übernommen, den ich fachlich (nicht unbedingt menschlich) sehr schätze: Nassim Taleb.

Die persönliche Transformation von Gründerinnen und Gründern verdient Raum: Mein Podcast Skin in the Game”

Der Begriff „Skin in the Game“ wird im Business-Jargon vor allem im Zusammenhang mit Talebs Buch Skin in the Game: Hidden Asymmetries in Daily Life verwendet. Dieses Buch definiert den Begriff als das Eingehen von Risiko oder Beteiligung an einer Sache, bei der man selbst auch Nachteile tragen kann oder sogar muss, um langfristig die Früchte zu ernten – so wie wir es mit der Aufgabe unserer Marktführerschaft machen.

Das Thema hat mich so umgetrieben, dass ich einen neuen Podcast gestartet habe (ab dem 15. Januar überall, wo es Podcasts gibt). Ein Format, in dem Gründerinnen und Gründer über Transformation austauschen. Ich nehme dort kein Blatt vor den Mund und teile auch persönliche Themen und Hürden offen. Es geht darum, tiefgehende, echte Geschichten und Einsichten zu teilen, nicht um weichgespülte Inhalte. Gespräche auf Augenhöhe mit Gründerinnen und Gründern, die in ihren Märkten Transformation erlebt, erzwungen oder selbst angestoßen haben – und die bereit sind, offen über die persönlichen Konsequenzen zu sprechen. Nicht als Selbsthilfegruppe. Sondern als Gegenentwurf zur glattgebügelten Business-Kommunikation. Max Honig von Appinio, Lena Jüngst von Airup, Pascal di Prima von Lexemo und Sievert Weiss von Amboss, waren schon bei mir im OMR Podstar Studio.

Denn wenn wir Transformation ernst nehmen wollen, müssen wir anfangen, ehrlicher darüber zu sprechen. Über Entscheidungen, die wehtun. Über Verluste, die dazugehören. Und über den Mut, den es braucht, etwas aufzugeben, das einen erfolgreich gemacht hat.

Transformation ist keine Rolle, die man spielt. Sie ist eine Entscheidung, die man trifft – mit echtem Risiko und auch einem Arsch voll Arbeit.

Über Roger Gothmann

Dr. Roger Gothmann, Co-Founder von Taxdoo: Sein Thema ist Transformation (von Märkten, von Menschen). Im Artikel thematisiert er, was es bedeutet, einen Markt als Pionier zu transformieren, aber auch, was es heißt, wenn der Markt sich so entwickelt, dass du dein Unternehmen anpassen musst (das durchlebt er gerade). Was bringt das außerdem für die Menschen dahinter mit sich? Zu dem Thema beginnt er jetzt einen Podcast, der am 15.1. launcht. Hier und überall, wo es Podcasts gibt.

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