Tech & Trends Bill Gates’ Atom-Experiment: Der Natrium-Reaktor startet

Bill Gates’ Atom-Experiment: Der Natrium-Reaktor startet

Bill Gates drückt beim Atom-Comeback aufs Tempo. In Wyoming darf TerraPower erstmals seit Jahrzehnten wieder einen nicht wassergekühlten Reaktor bauen – einen natriumgekühlten „Advanced Reactor“ mit Wärmespeicher. Der Meiler soll ein Kohlekraftwerk ersetzen und zugleich Wind- und Solarstrom stabilisieren. Doch Zeitplan, Kosten und Technik zeigen: Der Neustart der Kernkraft bleibt ein Hochrisiko-Projekt.

Pionierreaktor im Kohlegürtel

Die US-Atomaufsicht NRC hat Anfang März 2026 grünes Licht für „Kemmerer Unit 1“ gegeben – einen natriumgekühlten Schnellen Reaktor von TerraPower nahe dem auslaufenden Naughton-Kohlekraftwerk in Wyoming. Für die Branche ist das ein Meilenstein: Zum ersten Mal seit über 40 Jahren genehmigt die Behörde einen kommerziellen Reaktor, der nicht auf der klassischen Leichtwassertechnik basiert.

Strukturwandel im Kohlerevier

Die Sicherheitsprüfung dauerte rund 18 Monate. Schneller als erwartet – aber trotzdem später als TerraPower ursprünglich gehofft hatte. Bereits Anfang 2025 hatte der Bundesstaat Wyoming die industrielle Standortgenehmigung für nicht-nukleare Anlagen erteilt, sodass Bauvorbereitungen vor Ort längst laufen. TerraPower verkauft das Projekt als Modell für den Strukturwandel im amerikanischen Kohlerevier. Der Reaktor soll künftig einen Teil der bisherigen Kohleleistung ersetzen und gleichzeitig vorhandene Netzinfrastruktur weiter nutzen. Für Regionen mit fossiler Vergangenheit könnte Kemmerer zum Testfall werden: Bleiben Jobs, Wertschöpfung und Energieversorgung auch in einer nuklear-erneuerbaren Zukunft erhalten?

Natrium statt Wasser – Atomkraft mit Wärmespeicher

Der Reaktor unterscheidet sich deutlich von klassischen Druckwasserreaktoren. TerraPowers „Natrium“-Design kombiniert einen natriumgekühlten Schnellen Reaktor mit einem großen Wärmespeicher auf Salzbasis. Die Grundlastleistung liegt bei 345 Megawatt. Überschüssige Energie wird als Hitze im Speicher abgelegt. Wenn Strom knapp wird, kann die Anlage ihre Leistung für mehrere Stunden auf bis zu 500 Megawatt erhöhen – eine Art Hybrid aus Atomkraftwerk und Großspeicher.

Flüssiges Natrium als Kühlmittel

Als Kühlmittel dient flüssiges Natrium statt Wasser. Der Vorteil: Natrium hat einen sehr hohen Siedepunkt und kann bei atmosphärischem Druck betrieben werden, wodurch bestimmte Druck- und Siederisiken klassischer Reaktoren reduziert werden sollen. Gleichzeitig ist das Material chemisch hochreaktiv – bei Kontakt mit Luft oder Wasser kann es heftig reagieren. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Technik und Sicherheitskonzepte. Beim Brennstoff setzt TerraPower auf HALEU – höher angereichertes Uran (High-Assay Low-Enriched Uranium). Das ermöglicht kompaktere Reaktoren, doch die Lieferketten für diesen Brennstoff befinden sich erst im Aufbau und gelten geopolitisch als sensibel.

Baustart nach der Genehmigung

Mit der NRC-Genehmigung will TerraPower nun rasch in die nukleare Bauphase starten. Der Demonstrationsreaktor soll nach aktuellen Planungen um das Jahr 2030 ans Netz gehen. Das wäre rund drei Jahre später als ursprünglich im Demonstrationsprogramm des US-Energieministeriums vorgesehen. Verzögerungen bei Atomprojekten sind allerdings eher Regel als Ausnahme – selbst bei neuen Designs. Trotzdem gehört Kemmerer zu den am weitesten fortgeschrittenen „Advanced Reactor“-Projekten weltweit. Viele konkurrierende Konzepte stecken noch im Genehmigungsverfahren oder in frühen Entwicklungsphasen. Genau darin liegt aber auch das Risiko: Sollte TerraPower Zeit- oder Kostenrahmen deutlich reißen, könnte das Vertrauen in die versprochene neue Generation günstiger und schneller baubarer Reaktoren erheblich beschädigen.

Prominente Investoren

Hinter TerraPower steht ein finanzstarkes Konsortium. Gründer Bill Gates gehört weiterhin zu den zentralen Investoren, dazu kommen Industriepartner wie SK Inc. und SK Innovation. 2022 sammelte das Unternehmen mindestens 750 Millionen Dollar frisches Kapital ein. 2025 folgte eine weitere Runde über rund 650 Millionen Dollar, an der sich unter anderem NVentures – der Investmentarm von Nvidia – beteiligte. Parallel unterstützt das US-Energieministerium das Projekt über sein Advanced Reactor Demonstration Program mit bis zu zwei Milliarden Dollar an Fördermitteln, die durch private Investitionen gespiegelt werden sollen. Die Gesamtkosten für den Reaktor in Wyoming werden derzeit auf bis zu vier Milliarden Dollar geschätzt. Für ein Kernkraftwerk ist das relativ günstig, verglichen mit Wind- und Solarparks bleibt es jedoch eine teure Stromquelle.

Atomkraft fürs KI-Zeitalter?

Der Zeitpunkt des Projekts ist kein Zufall. In den USA wächst der Strombedarf stark – vor allem durch den Boom bei Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Politisch wird Atomkraft deshalb wieder als strategische Option diskutiert: als CO₂-arme Grundlastquelle, die unabhängig von Wetter und Tageszeit Strom liefert. Für Tech-Konzerne mit großen Rechenzentren wirkt diese Kombination besonders attraktiv.

Teure Hoffnung der Energiepolitik

Gleichzeitig bleibt Kernenergie eine der kapitalintensivsten Formen neuer Stromerzeugung. Solar-, Wind- und Batteriespeicher sind in den vergangenen Jahren deutlich günstiger geworden. TerraPower und andere Start-ups setzen daher auf ein vertrautes Versprechen der Branche: standardisierte Designs, modulare Bauweise und industrielle Serienfertigung sollen die Kosten langfristig deutlich senken. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich ausgerechnet an einem einzelnen Ort entscheiden – im kleinen Kohle-Städtchen Kemmerer in Wyoming. Der Erfolg oder das Scheitern dieses Natrium-Reaktors könnte darüber bestimmen, ob die Kernkraft im KI-Zeitalter tatsächlich ein Comeback erlebt – oder nur ein weiteres ambitioniertes Experiment bleibt.

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