Tech & Trends Datenbasierte Bewertungen verändern den Kfz-Markt

Datenbasierte Bewertungen verändern den Kfz-Markt

Der Wert eines Fahrzeugs entscheidet über Leasingraten, Kaufpreise, Versicherungsleistungen – und kann je nach Einschätzung erheblich schwanken. Doch obwohl Milliarden auf dem Spiel stehen, fehlt es in der Branche oft an einem klaren, objektiven Bewertungsstandard. Noch immer sind viele Prozesse geprägt von subjektiven Einschätzungen, manuellen Abläufen und schwer nachvollziehbaren Gutachten. Die Folgen: Intransparenz, Streitfälle und Milliardenkosten. Doch ein Blick auf die Branche zeigt, wie neue Technologien einen Ausweg bieten könnten.

Jedes Jahr entstehen in Deutschland Schäden in Milliardenhöhe durch unklare Fahrzeugbewertungen: bei Leasingrückgaben, im Gebrauchtwagenhandel oder durch manipulierte Gutachten im Kfz-Bereich. Versicherungen, Händler und Endkunden zahlen den Preis – oft ohne es zu merken.

Und das in einer Branche, die eigentlich von Präzision lebt. Ein Paradox: Noch immer läuft die Bewertung von Fahrzeugen in vielen Betrieben manuell ab. Mit bloßem Auge, Lineal und Erfahrung. Ein System, das nicht nur fehleranfällig ist, sondern auch Manipulationen Tür und Tor öffnet.

Das Problem in der Branche

In einem Milliardengeschäft wie dem Gebrauchtwagenmarkt entscheiden diese subjektiven Einschätzungen maßgeblich über Kosten und Werte. Ob ein Kratzer als Bagatelle oder als teurer Schaden gewertet wird, hängt vom Gutachter ab – und genau dort entstehen Intransparenz und Reibungsverluste. Die Folgen tragen nicht nur Autohäuser. Versicherungen sehen sich mit überhöhten Schadenmeldungen konfrontiert, Fuhrparks müssen unklare Restwerte akzeptieren, und Endkunden fühlen sich im Zweifel benachteiligt. Aus kleinen Abweichungen summieren sich jährlich enorme Kosten, die das Vertrauen aller Beteiligten belasten. Besonders kritisch ist hierbei, dass die Strukturen der Branche über Jahrzehnte gewachsen sind und noch immer stark auf manuellen Prüfungen und traditionellen Gutachten basieren. Damit fehlt eine einheitliche, objektive Basis – ein Problem, das den gesamten Markt betrifft und Innovationen umso dringlicher macht.

Arndt Hüsges, Geschäftsführer der Hüsges Gruppe, die größte unabhängige und inhabergeführte Gutachterorganisation in Deutschland mit Schwerpunkt auf Fahrzeugbewertungen, Unfall- und Schadengutachten, kennt diese Problematik aus jahrzehntelanger Praxis:„Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung – und dennoch beruhen viele Bewertungen noch immer auf subjektiven Einschätzungen“, so der Experte.

Grauzone Schadenfall: Wo Missgeschick endet und Betrug beginnt

Gerade in der Hochsaison wechseln Mietautos am laufenden Band den Besitzer und die Versicherungen bearbeiten mehr Schadensmeldungen als sonst. Nicht selten geht es dann um die Frage: Handelt es sich einfach um ein Missgeschick – oder versucht jemand, auf Kosten anderer Profit zu machen? Versicherungsbetrug kann im Raum stehen – und dies ist gerade im Kfz-Bereich ganz unabhängig von der Jahreszeit keine Seltenheit. Im Gegenteil. „Wir erleben immer wieder, dass die Abgrenzung zwischen tatsächlichem Schaden und bewusster Manipulation schwierig ist – vor allem, wenn Bewertungen auf subjektiven Einschätzungen beruhen“, sagt Arndt Hüsges und ergänzt: „Je mehr Menschen und manuelle Schritte in den Prozess eingebunden sind, desto größer ist das Risiko für Fehler oder Missbrauch.“

Eine Sonderauswertung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) über den Zeitraum von drei Jahren zeigt: Von über 600.000 Schadenmeldungen – darunter zwei Drittel Schäden an Kraftfahrzeugen – sind zehn Prozent verdächtig und damit prüfwürdig. Das bedeutet, dass Auffälligkeiten vorliegen, die rein statistisch selten vorkommen.

Auf rund sechs Milliarden Euro wird der jährliche Schaden geschätzt, der durch Versicherungsbetrug bei Schaden- und Unfallversicherung entsteht – Tendenz steigend. Ganz vorn ist dabei die Kfz-Versicherung, gefolgt von privaten Haftpflicht- und Hausratversicherungen. An sich ist die Zahl der Verdachtsfälle langfristig zwar stabil. Da die Leistungen der Versicherungen aber steigen, fallen die Aufwände für Betrugsfälle mehr ins Gewicht. Versicherungen sind nun bemüht, in der Betrugsabwehr Software und KI einzusetzen, um Muster in Schadensmeldungen zu erkennen und verdächtige Vorgänge schnell zu identifizieren. Mitarbeiter werden geschult, um in der Plausibilitätsprüfung festzustellen, ob die Schilderung des Schadens stimmig ist und ob Schadenshöhe und Wert des beschädigten Autos zusammenpassen.

Transparenz per Knopfdruck

Nachdem deutlich wurde, wie groß die strukturellen Probleme in der Branche sind – von unklaren Restwerten bis zu teuren Streitfällen – stellte sich die Frage: Wer bringt den Mut auf, ein solches System von Grund auf zu verändern? Arndt Hüsges war dabei einer der Vorreiter: „Es gab ja bereits die Möglichkeit, die Fahrzeugzustände präzise, reproduzierbar und transparent erfassen zu können. Genau das war für uns der Anstoß, neue Wege zu gehen.“  Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er die Idee, eine Technologie einzusetzen, die nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern das Machtverhältnis zwischen Händlern, Versicherern und Kunden neu austariert. Mit Instavalo hat er ein Unternehmen ins Leben gerufen, das Autohäuser, Leasinggesellschaften und Fuhrparkbetreiber bei der digitalen Fahrzeugbewertung unterstützt. Die technologische Lösung basiert auf vier unabhängigen KI-Systemen, die Fahrzeugschäden automatisch erkennen und erfassen. Der Clou: Anschließend werden die Ergebnisse von einem zertifizierten Sachverständigen geprüft und validiert. So entsteht nicht nur ein digitales Schadens- und Zustandsprotokoll innerhalb weniger Minuten, sondern am Ende auch ein rechtlich belastbares Gutachten, das sowohl für die Kalkulation von Restwerten, die Vermeidung von Streitfällen bei Leasingfahrzeugen als auch für eine transparente Kostenkontrolle in Fuhrparks genutzt werden kann.

Doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Die Vision einer objektiven, KI-gestützten Bewertung stand am Anfang. Doch erst mit gesicherter Finanzierung, belastbaren Algorithmen und einer Hardware, die dem rauen Werkstattalltag gewachsen ist, wurde aus der Idee ein marktreifes Produkt. Dass dieser Schritt gerade jetzt gelingt, ist kein Zufall. Die Branche erlebt durch den Digitalisierungsschub, verschärfte Kostendebatten und die hohe Zahl von Betrugsfällen einen enormen Druck zur Veränderung. „Wir haben gesehen, dass die Nachfrage nach Transparenz größer ist als je zuvor“, sagt Hüsges. Damit trifft die Innovation auf einen Markt, der Milliarden bewegt.

Der Vorgang ist denkbar einfach: Das Fahrzeug passiert einen Kfz-Scanner, der eine 360-Grad-Außenansicht mit hochauflösenden Spiegelreflexkameras erzeugt. Die Scanner nehmen in einem Scanvorgang pro Auto 400 Bilder auf – ein Volumen von vier Gigabyte. Dabei können Felgen genauso dokumentiert werden wie das Dach oder die Profiltiefe. Die Aufnahmen werden im Anschluss von künstlicher Intelligenz (KI) ausgewertet: Sie basiert auf verschiedenen Modulen und kann rund 80 Prozent möglicher Schäden wie Dellen, Kratzer oder Lackschäden erkennen. Ein Sachbearbeiter prüft im Nachgang die Ergebnisse und stellt so sicher, dass kein Schaden übersehen wird. „Mit dem Scanner wird aus einem manuellen, oft subjektiven Vorgang ein standardisierter Prozess. Innerhalb weniger Minuten analysiert das System ein Fahrzeug vollautomatisch“, erklärt Hüsges.

Der Wandel von Bauchgefühl zu Berechenbarkeit

Zahlreiche Prozesse erforderten bislang stundenlange Handarbeit und es lagen ganze Tage zwischen Begutachtung, Dokumentation und Rückmeldung. Dies lässt sich nun in wenigen Minuten erledigen. Fahrzeugbewertungen werden damit nicht nur schneller, sondern auch präziser und vergleichbarer. Doch Geschwindigkeit ist nur ein Teil der Entwicklung. Mit der neuen Transparenz verändert sich auch die Rolle der Akteure: Händler und Werkstätten können nicht länger allein auf ihre Erfahrung oder ihr Bauchgefühl verweisen – Kundinnen und Kunden erwarten nachvollziehbare, datenbasierte Ergebnisse. Das verschiebt die Verantwortlichkeiten und fordert ein Umdenken im Umgang mit Serviceleistungen. „Die Innovation liegt weniger in einem bestimmten Gerät als in der Art, wie es Transparenz in einen Milliardenmarkt bringt“, so Hüsges. „Jeder Scan liefert objektive Datenpunkte, die sich in großem Maßstab erfassen, vergleichen und auswerten lassen.“ Was früher von Gutachtern unterschiedlich interpretiert wurde, wird nun in eine messbare und nachvollziehbare Sprache übersetzt. Damit wird nicht nur Effizienz geschaffen, sondern ein neuer Standard: Automatisierung, Skalierbarkeit und Vergleichbarkeit machen Fahrzeugbewertungen so verlässlich wie nie zuvor. Für Händler, Versicherer und Fuhrparks bedeutet das: Entscheidungen lassen sich schneller treffen, Kosten präziser kalkulieren – und das Vertrauen zwischen allen Beteiligten wächst.

Dadurch eröffnen sich ganz neue Geschäftsmodelle. Anstatt nur Fahrzeuge zu prüfen, rücken Daten in den Vordergrund: Sie werden zur Grundlage für Zusatzservices, für neue Formen der Kundenbindung und für digitale Geschäftsmodelle, die weit über die klassische Fahrzeugdurchsicht hinausgehen. Autohäuser und Werkstätten können Dienstleistungen anbieten, die bisher Dritten vorbehalten waren, für Fuhrparkbetreiber entstehen Chancen, große Fahrzeugbestände effizienter zu managen. Damit verschieben sich Rollen: Der Händler wird zum Anbieter datengetriebener Services, der Werkstattbetrieb zum Partner für digitale Fahrzeugbewertung, Versicherungen können Risiken präziser kalkulieren. Klassische Grenzen verschwimmen, Wertschöpfungsketten werden neu verteilt.

Parallelen finden sich in anderen Märkten: In der Immobilienbranche haben digitale Bewertungs-Tools den Gutachtermarkt verändert, in der Logistik sorgt Echtzeit-Tracking für völlig neue Geschäftsmodelle. Ähnlich könnte die Automobilbranche durch Scannertechnologien zu einer datenbasierten Plattformökonomie werden, in der Transparenz und Geschwindigkeit den Ausschlag geben.

Die Resonanz zeigt, dass die Branche die Lösung aufnimmt: So wurde Instavalo kürzlich bei der mo:re Konferenz von mobile.de in Berlin mit dem What’s hot Award ausgezeichnet – vor einem Fachpublikum von 700 Autohausentscheidern. „Wir haben uns sehr über die Auszeichnung gefreut, weil sie zeigt, dass unser Ansatz für datenbasierte Transparenz genau den Nerv der Branche trifft“, so Hüsges. Denn wer sich ausschließlich auf traditionelle Gutachten verlässt, läuft Gefahr, nicht nur den Anschluss an effizientere Wettbewerber zu verlieren, sondern auch das Vertrauen der Kundschaft zu verspielen.

Fazit

Die Digitalisierung der Fahrzeugbewertung markiert einen Wendepunkt für die gesamte Kfz-Branche. KI-gestützte Systeme schaffen die Grundlage für schnellere, präzisere und skalierbare Prozesse und eröffnen neue Geschäftsmodelle entlang der Wertschöpfungskette. Wer jetzt in datenbasierte Lösungen investiert, kann Abläufe optimieren, Kosten senken und Wettbewerbsvorteile sichern. Damit wird aus der reinen Begutachtung ein strategischer Erfolgsfaktor: Effizienz, Transparenz und Wirtschaftlichkeit wachsen erstmals zusammen.

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