Tech & Trends EU bietet zehn Milliarden für die KI-Unabhängigkeit & keiner will mitspielen

EU bietet zehn Milliarden für die KI-Unabhängigkeit & keiner will mitspielen

Europa startet die Ausschreibung für sieben KI-Gigafabriken. Budget: zehn Milliarden Euro öffentlich, 20 Milliarden privat. Das Ziel: Weniger Microsoft, mehr Souveränität. Das Problem: Deutschland bekommt die „Deutschland AG“ nicht auf die Reihe.

Die EU-Kommission hat heute das offizielle Bietverfahren für bis zu sieben KI-Gigafabriken eröffnet. Mit zehn Milliarden Euro öffentlichen Geldern plus erwarteten 20 Milliarden privater Investitionen soll Europa im globalen KI-Rennen aufholen und nebenbei die Abhängigkeit von US-Tech-Giganten wie Microsoft, Google und Amazon reduzieren. „Der Zugang zu massiver Rechenleistung innerhalb von KI-Gigafactorys ist eine strategische Notwendigkeit für Europa“, erklärt Exekutivvizepräsidentin Henna Virkkunen laut heise. Ein Jahr nach Ursula von der Leyens Ankündigung wird’s also ernst. Die Frage ist nur: Wer baut sie und wo?

Das Konzept klingt ambitioniert: Spezialisierte Großrechenzentren sollen europäischen Start-ups, Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen Zugang zu den Rechenkapazitäten ermöglichen, die für sogenannte Frontier-Modelle nötig sind, also die wirklich großen, rechenintensiven KI-Systeme. Im ersten Vergabelos sollen vier Konsortien Zentren mit der Leistung von 75.000 Nvidia-H100-Beschleunigern aufbauen. Später folgen drei weitere. Binnen 18 Monaten müssen die Zentren stehen. Pro Projekt gibt’s zunächst 100 Millionen Euro Startkapital, später bis zu 400 Millionen.

Deutsche Tech-Zersplitterung statt geeinter Front

Doch während die EU-Kommission den großen Wurf plant, scheitert Deutschland an sich selbst. Ursprüngliche Pläne, mit einer „Deutschland AG“ aus SAP, Siemens und anderen Schwergewichten geschlossen anzutreten, zerschellten an mangelndem Interesse der Konzerne, so n-tv. Jetzt bewerben sich Deutsche Telekom, Schwarz Digits (IT-Sparte von Lidl/Kaufland), Ionos gemeinsam mit Hochtief und diverse kleinere Player getrennt und konkurrieren damit gegeneinander. Bayern wirbt mit „Blue Swan“ für Schweinfurt, während Frankreich gleich zwei Standorte plant und Spanien ein Mehrstandortmodell verfolgt. Insgesamt gingen 76 Interessensbekundungen für 60 mögliche Standorte in 16 Mitgliedstaaten ein, wie Trending Topics berichtet.

Die Bewerber stellten die Beschaffung von mindestens drei Millionen KI-Prozessoren in Aussicht. Auch Wien prüft noch eine Bewerbung, allerdings mit Vorbehalten. Die Stadt will die Abwärme der Gigafabrik ins Fernwärmenetz einspeisen, ist aber mit den Ausschreibungsbedingungen nicht vollständig zufrieden.

Nvidia-Chips von gestern als Benchmark

Bemerkenswert: Als Messlatte dienen ausgerechnet Nvidias H100-Beschleuniger — Chips, die bereits vier Jahre alt sind. Seitdem erschienen zwei neue Generationen, zuletzt Rubin. Die Erklärung der Kommission: Man wolle realistische, vergleichbare Leistungswerte.

Kritiker dürften darin ein Symbol für Europas strukturelles Problem sehen, während die USA bereits mit der übernächsten Generation experimentieren, plant Europa mit Hardware von vorgestern. Die Finanzierung steht zudem unter doppeltem Vorbehalt: Erst müssen sich private Investoren finden, die den Löwenanteil stemmen. Ein Teil der EU-Mittel hängt am künftigen Haushalt, über den Mitgliedstaaten, Parlament und Kommission noch streiten. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte zuletzt „massive Änderungen“ an den EU-Finanzplanungen [heise].

Business Punk Check

Europa will digitale Souveränität, aber kann sie nicht bezahlen, geschweige denn organisieren. Zehn Milliarden klingen nach viel, sind gemessen an den Investitionen amerikanischer Tech-Konzerne in KI-Infrastruktur jedoch Peanuts. Microsoft, Google und Amazon pumpen jeweils zweistellige Milliardenbeträge jährlich in ihre Cloud-Rechenzentren. Während die USA einfach bauen, streitet Europa über Haushalte & Standortverteilungen.

Der deutsche Sonderweg, Telekom gegen Schwarz gegen Ionos, zeigt exemplarisch, woran europäische Tech-Ambitionen regelmäßig scheitern: mangelnde Koordination sowie fehlendes strategisches Denken. Statt einen starken europäischen Player zu formen, zersplittert man die Kräfte. Die Frage ist nicht, ob Europa die Gigafabriken braucht, sondern ob 18 Monate Bauzeit und Nvidia-Chips von 2021 ausreichen, um im globalen KI-Rennen relevant zu bleiben. Vermutlich nicht. Aber immerhin: Es ist ein Anfang. Besser spät als nie gilt auch in der Technologiepolitik, solange das „nie“ nicht doch noch kommt.

Quellen: heise, Trending Topics, n-tv

Das könnte dich auch interessieren