Tech & Trends Kernfusion: Was bedeutet der Durchbruch aus den USA?

Kernfusion: Was bedeutet der Durchbruch aus den USA?

Südfrankreich. Die Kernforschungsanlage Cadarache. Hier entsteht etwas, das „Forbes“ einst als „teuerstes wissenschaftliches Experiment der Geschichte“ bezeichnete. Kostenschätzungen fangen bei 18 Mrd. Euro an, und selbst diese Mindestsumme hätte gereicht, um den neuen Berliner Flughafen BER gleich noch zwei weitere Male zu bauen. Aber hier passiert mehr, als dass Flugpassagier:innen abgefertigt werden: Der Versuchsreaktor ITER soll demonstrieren, wie ein Fusionskraftwerk aussehen könnte. Er ist ein erstaunliches Beispiel internationaler Zusammenarbeit. Die EU arbeitet dort mit China zusammen, die USA mit Russland. Aber wo so viele Staaten mitmischen, wo so viel Geld im Spiel ist, dauert der Bau lange. Schon seit 2007 wird an der Anlage gewerkelt. Es soll laut Plan noch mindestens vier Jahre dauern, bis hier das erste Plasma erzeugt wird. Und noch mal zehn Jahre bis zur vollen Leistung.

Ein gigantisches Vorhaben. Dass es eines so großen Ausmaßes bedarf, um die Anwendbarkeit der Fusion zu demonstrieren, hat etwas mit kleinen Mäusen zu tun. So erklärt es jedenfalls Klinger. „Es geht um das Verhältnis von Volumen und Oberfläche“, sagt der Forscher. Das ist umso günstiger, je größer ein Objekt ist. „Die Spitzmaus ist der kleinstmögliche Warmblüter.“ Ein noch kleineres Tier würde auskühlen. Und wegen des besseren Oberfläche-Volumen-Verhältnisses wird der ITER zehnmal so viel Volumen umfassen wie alle Vorgänger seines Bautyps, des sogenannten Tokamak.

Wenn Marvel Fusion sein ambitioniertes Versprechen einlösen kann, dann wäre die Firma von Heike Freund schon ein Vierteljahrhundert früher mit einem Reaktor am Markt, als sie es beim ITER erwarten. Wie geht man vor, wenn man Millionen eingesammelt hat, um die Energie der Zukunft anbieten zu können? Heike Freund hat klare Schritte im Kopf: „Wir haben zunächst in Simulationen gezeigt, dass unser Ansatz funktioniert“, sagt sie. „Jetzt planen wir, einen bestehenden Laser auf unsere Parameter upzugraden, um unsere Technologie weiter zu schärfen und weiter in Richtung Nettoenergiegewinn hin zu entwickeln. Denn wir finden auf der ganzen Welt keinen einzigen Laser, der genau unseren Anforderungen entspricht.“

Und auch wenn es nicht an großen Versprechen und an Mut mangelt, bei einer Aufgabe wie dieser geht es nicht ohne die Unterstützung aus anderen Bereichen der Gesellschaft. Freund wirbt deswegen auch um politische Unterstützung.

Denn Deus ex Machina, die Lösung aus dem Nichts, kann es nur in Geschichten geben. In der Realität sind es viele kleine Schritte, viele mühsam errungene Innovationen, die zur Lösung führen. Es braucht sie alle dafür: die idealistischen Forscher:innen, die riesigen Aufwand betreiben, für Erkenntnisse, die allein kaum jemand ohne Dissertation zu verstehen vermag. Die Mahnenden und die Mutigen. Und die Hoffnung, den Rahmen des Möglichen zu erweitern.

Ein Text aus Business Punk 5/2021. Auch im Heft: Rap-Legende Marteria gibt BWL-Nachhilfeunterricht und im Dossier beschäftigen wir uns mit „Moon Shots“. Business Punk gibt es hier im Abo!

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