Tech & Trends KI statt Köpfe: Döpfner verordnet Springer-Redaktionen den Algorithmus

KI statt Köpfe: Döpfner verordnet Springer-Redaktionen den Algorithmus

Axel Springer verordnet radikalen KI-Kurs: ChatGPT statt Google, KI-Prüfung für alle Inhalte und automatisierte Routineaufgaben. Döpfners Silicon-Valley-Faszination treibt die Transformation – mit ersten peinlichen Fehlern.

Axel Springer vollzieht eine radikale Kehrtwende. Der Medienkonzern setzt künftig komplett auf Künstliche Intelligenz – und zwar in nahezu allen Arbeitsbereichen.

Während die Auflagen der Print-Produkte kontinuierlich sinken, will CEO Mathias Döpfner den Verlag in ein Tech-Unternehmen verwandeln. Seine Faszination für das Silicon Valley treibt dabei eine Transformation, die den Journalismus grundlegend verändern könnte.

KI statt Köpfe: Der 5-Punkte-Plan

Claudius Senst, Chef der „Premium-Gruppe“ mit Marken wie „Business Insider“, „Politico“ und „Welt“, hat einen Fünf-Punkte-Plan verordnet, der es in sich hat. Laut „Tagesspiegel“ müssen Redakteure künftig ChatGPT statt Google für Recherchen nutzen. Sämtliche Inhalte sollen eine KI-Prüfung durchlaufen, und für jeden neuen Arbeitsprozess muss zuerst ein KI-Prototyp erstellt werden.

Erst wenn dieser keine brauchbaren Ergebnisse liefert, werden neue Stellen oder Budgets bewilligt. Die Belegschaft reagiert alarmiert. „Die Stimmung in den Redaktionen ist auf dem Nullpunkt“, zitiert der „Tagesspiegel“ einen Mitarbeiter aus der Premium-Gruppe. Während Stars wie Paul Ronzheimer mit Top-Verträgen gehalten werden, suchen viele andere bereits nach Alternativen.

Döpfners Tech-Obsession

Seit Jahren umwirbt Döpfner die Tech-Elite aus den USA. Er hat den Axel Springer Award ins Leben gerufen, den bereits Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und bald auch OpenAI-Chef Sam Altman erhalten. Der österreichische Wirtschaftsjournalist Alexander Fanta bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, Döpfner wäre am liebsten kein Medien-CEO, er wäre gerne ein Tech-CEO“, so der österreichische Wirtschaftsjournalist Alexander Fanta gegeünder „br.de“. Döpfner selbst hat sein Nutzerverhalten radikal umgestellt.

„Früher habe ich auf Google alles gesucht und gefunden. Das hat sich um 95 Prozent reduziert. Ich benutze jeden Tag, in fast jedem Meeting Perplexity und ChatGPT und Copilot“, erklärt er laut „br.de“.

Erste KI-Pannen

Die KI-Strategie zeigt bereits erste Risse. Bei „Business Insider“ veröffentlichte eine angebliche Autorin namens „Margaux Blanchard“ mehrere Artikel, bevor auffiel, dass sie gar nicht existiert. Wie „br.de“ berichtet, musste das Medium die Artikel zurückziehen. Auch die „Bild“ produzierte eine fehlerhafte Geschichte über einen Casino-Betrug in der Schweiz.

Branchenvertreter sehen die Entwicklung kritisch. „Die Vorstellung, man könne mit KI im redaktionellen Alltag an menschlicher Intelligenz sparen, halte ich für naiv“, warnt Mika Beuster vom Deutschen Journalisten-Verband laut „Tagesspiegel“. Die digitale Revolution erfordere mehr, nicht weniger journalistische Expertise.

Business Punk Check

Die KI-Revolution bei Springer ist kein Zukunftsszenario – sie läuft bereits. Döpfners Strategie könnte brillant oder fatal sein. Während andere Medienhäuser noch experimentieren, setzt er alles auf eine Karte. Die Abhängigkeit von einzelnen KI-Anbietern wie OpenAI birgt enorme Risiken. Gleichzeitig könnte Springer einen Vorsprung gewinnen, wenn die Technologie tatsächlich reif ist.

Die ersten Pannen zeigen jedoch: KI kann recherchieren, aber nicht journalistisch denken. Wer kritischen Journalismus durch Algorithmen ersetzt, riskiert nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern das Kerngeschäft. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI kommt, sondern wie man sie intelligent einsetzt – als Werkzeug für Journalisten, nicht als deren Ersatz.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie realistisch ist Springers KI-Strategie für andere Medienhäuser?
    Die vollständige KI-Integration wie bei Springer ist für kleinere Medienhäuser kaum finanzierbar. Sinnvoller ist ein schrittweiser Ansatz: KI für Recherche und Datenjournalismus nutzen, während die inhaltliche Kontrolle bei Menschen bleibt. Experimentieren ja, aber ohne das Kerngeschäft zu gefährden.
  • Welche KI-Tools sollten Redaktionen wirklich einsetzen?
    Statt blind auf ChatGPT zu setzen, sollten Redaktionen einen Mix aus spezialisierten Tools verwenden: Recherche-KIs wie Perplexity für Hintergrundinformationen, Transkriptions-Tools für Interviews und Fact-Checking-Assistenten. Wichtig: Immer mehrere Quellen prüfen und finale Entscheidungen durch Menschen treffen lassen.
  • Wie verändert KI die Rolle von Journalisten?
    Journalisten werden zu KI-Dirigenten: Weniger Routinearbeit, mehr Konzeptentwicklung, Qualitätskontrolle und exklusive Recherchen. Kritisches Denken, ethische Bewertung und kreative Winkel bleiben menschliche Kernkompetenzen. Die Zukunft gehört Hybrid-Redaktionen, in denen Menschen KI-Tools gezielt steuern.
  • Was kostet die KI-Transformation einer Redaktion wirklich?
    Die Kosten sind dreigeteilt: KI-Lizenzen (5.000-50.000€ jährlich je nach Größe), Schulungen (2.000-5.000€ pro Mitarbeiter) und Prozessanpassungen (oft unterschätzt). Dazu kommen versteckte Kosten für Qualitätskontrolle und KI-Fehlerkorrektur. Realistisch: 10-15% des Redaktionsbudgets für die ersten zwei Jahre.

Quellen: „Spiegel“, „br.de“

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