Tech & Trends Wenn Rechte nicht mehr durchsetzbar sind: Die stille Krise des Rechtsstaats und der KI-Ausweg

Wenn Rechte nicht mehr durchsetzbar sind: Die stille Krise des Rechtsstaats und der KI-Ausweg

Deutschlands Rechtssystem steht vor dem Kollaps: Ein dramatischer Mangel an Fachkräften lähmt Kanzleien. KI-Lösungen könnten den Zugang zum Recht retten – wenn die Branche ihre Scheu vor Technologie überwindet.

Deutschland hat ein Problem, über das erstaunlich wenig gesprochen wird, obwohl es den Kern unseres Rechtsstaats trifft: In vielen Kanzleien fehlen schlicht die Menschen, um die anfallende Arbeit noch bewältigen zu können. Wir steuern damit auf ein massives strukturelles Problem zu, das jeden Einzelnen früher oder später betreffen wird: Wer rechtliche Unterstützung braucht, muss warten, suchen oder bleibt ganz ohne anwaltliche Hilfe. Damit reicht es häufig nicht mehr, Recht zu haben – man muss auch noch das Glück haben jemanden zu finden, der sie noch durchsetzen kann. Diese Entwicklung ist kein kurzfristiger Engpass, sondern verschärft sich Jahr für Jahr.  Der Grund dafür liegt weniger in einem Mangel an Juristinnen und Juristen, sondern in einem immer größer werdenden Engpass bei denjenigen, die juristische Arbeit überhaupt erst möglich machen: den Rechtsanwaltsfachangestellten (ReFas). Während sich die Anzahl der Anwältinnen und Anwälte in den vergangenen 30 Jahren nahezu verdreifacht hat, ist die Zahl der neuen Rechtsanwaltsfachangestellten im selben Zeitraum um rund siebzig Prozent gesunken (laut aktueller Erhebung der Bundesrechtsanwaltskammer).

ReFas sind das organisatorische und administrative Rückgrat jeder Kanzlei: Sie koordinieren Fristen und Termine, führen Akten, bereiten Schriftsätze vor, kommunizieren mit Mandanten und Mandantinnen, Gerichten und Behörden, überwachen Zahlungseingänge und sorgen dafür, dass Verfahren form- und fristgerecht ablaufen. Ohne ihre Arbeit können Anwältinnen und Anwälte ihre juristische Expertise faktisch nicht einsetzen. Ein Beispiel, das die Lage, in der wir uns hier befinden, nochmals weiter verdeutlicht: 2022 haben in Berlin 89 Personen die Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten begonnen – für insgesamt 10.000 Anwälte in der Hauptstadt. Jede Kanzlei, die heute noch kein Personalproblem hat, wird in den nächsten Jahren eines bekommen. Wer erst handelt, wenn der Engpass spürbar wird, handelt zu spät. Deutschland steuert so auf eine massive Versorgungslücke im Rechtsstaat zu.

Bundesweit existieren rund 50.000 Anwaltskanzleien, von denen neunzig Prozent klein oder mittelgroß sind. Dabei handelt es sich häufig um Ein- bis Fünf-Personen-Kanzleien, die die rechtliche Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen. An sie wenden sich Menschen, wenn sie gekündigt wurden, Probleme mit dem Vermieter oder der Vermieterin haben oder vor einer Scheidung stehen. Gerade diese Strukturen trifft der Fachkräftemangel mit voller Wucht. In der Praxis bedeutet das Folgendes: Fehlt auch nur eine einzige Rechtsanwaltsfachangestellte oder ein Rechtsanwaltsfachangestellter, kann eine kleine Kanzlei ihren Betrieb kaum aufrechterhalten. Anwältinnen und Anwälte müssen immer mehr organisatorische Aufgaben selbst übernehmen und können dadurch immer weniger Zeit in juristische Arbeit investieren. Die Konsequenz ist einfach und gravierend zugleich: Diese Kanzleien können immer weniger Fälle annehmen.  Selbst einfache Anfragen bleiben liegen oder werden abgelehnt – nicht aus mangelndem Willen, sondern aus Überlastung. Am Ende konzentriert sich die anwaltliche Tätigkeit zunehmend auf die lukrativsten Mandate. Zeitintensive, schlecht vergütete, aber gesellschaftlich zentrale Fälle, fallen durchs Raster. Für Betroffene heißt das, dass sie zwar Rechte haben, diese aber immer häufiger nicht mehr durchsetzen können. Damit schwindet das, was einen Rechtsstaat ausmacht: der gleichberechtigte Zugang zum Recht.

Ein historisches Zeitfenster für einen überfälligen Wandel

Der Rechtsmarkt zählt zu den traditionsreichsten und zugleich konservativsten Branchen der Welt. Seine Strukturen sind hierarchisch, seine Prozesse gewachsen, und Veränderungen setzen sich nur zögerlich durch. Über Jahrzehnte hinweg wurden digitale Lösungen eher halbherzig eingeführt – und oft auch wieder verworfen. Das hatte Gründe: Viele juristische Abläufe sind komplex, individuell und schwer in starre digitale Systeme zu pressen.

Gleichzeitig besteht ein großer Teil des Kanzleialltags aus organisatorischen und administrativen Aufgaben – etwa die Mandatsaufnahme, die Terminkoordination, das Dokumentenmanagement oder die laufende Kommunikation mit Mandantinnen und Mandanten. Diese Tätigkeiten sind essenziell, erfordern jedoch enorme Ressourcen. Zahlreiche Kanzleien verlieren dadurch bis zu fünfzig Prozent ihrer Arbeitszeit an Prozesse, die theoretisch automatisierbar wären. Klassische „Digitalisierung“ konnte diese Probleme jedoch bislang nie lösen, weil sie versuchte, starre Software über hochspezielle Tätigkeiten zu legen.

Was sich nun grundlegend verändert hat, ist die technologische Ausgangslage.  Die neuesten KI-Modelle sind exzellent in der Verarbeitung von Sprache. Sie sind erstmals in der Lage, Sprache in all ihren Facetten zuverlässig zu verstehen, zu verarbeiten und zu strukturieren. Und genau diese Fähigkeit trifft auf einen Markt, dessen tägliche Arbeit nahezu vollständig aus Sprache besteht.

Genau hier entsteht nun ein historischer Moment. Zum ersten Mal trifft hochentwickelte künstliche Intelligenz auf einen Markt, dessen gesamte Kernarbeit aus Sprache besteht. Es geht nicht mehr darum, einzelne Arbeitsschritte digitaler zu gestalten, sondern die Organisation des Kanzleialltags grundlegend neu zu denken.

KI stärkt das Zwischenmenschliche, weil sie den Raum dafür schafft.

Angesichts eines sich weiter verschärfenden Fachkräftemangels führt an Künstlicher Intelligenz kein Weg mehr vorbei. KI ist kein Effizienz-Upgrade, sondern notwendig, um den Zugang zum Recht heute aufrechterhalten und morgen wieder auszubauen.

Niemand möchte, dass eine KI Gerichtsverhandlungen führt oder komplexe Rechtsfragen entscheidet. Gerade in der juristischen Arbeit wird der menschliche Austausch weiterhin unersetzlich bleiben. Und das ist auch gut so. Recht lebt von Vertrauen, Einordnung, Empathie und Verantwortung. Was wir verstehen müssen, ist, dass Künstliche Intelligenz der einzige realistische Weg sein wird, um genau diesen wichtigen menschlichen Austausch künftig für alle zu ermöglichen und ihn sogar zu verbessern.

KI kann verstehen, strukturieren, priorisieren und kommunizieren. Und das ist nicht länger Theorie. Bereits heute zeigt sich, dass KI in Kanzleien reibungslos funktioniert. Sie kann Abläufe übernehmen, die früher tagelangen Personalaufwand erforderten. Künstliche Intelligenz kann diesen Aufwand auf unter eine Stunde reduzieren. Kanzleien, die diese Technologien bereits einsetzen, gewinnen monatlich bis zu siebzig Arbeitsstunden zurück und können ihre Fallkapazität ohne zusätzliches Personal verdoppeln oder sogar verdreifachen. Der persönliche Austausch beginnt dadurch früher, gezielter und besser vorbereitet – und bleibt dort, wo er hingehört: beim Menschen. Genau deshalb stärkt KI nicht das Unpersönliche, sondern im Gegenteil das Zwischenmenschliche, weil sie in einem überlasteten System den Raum schafft, den echte juristische Arbeit zwingend braucht.

Wenn wir wollen, dass Menschen auch in Zukunft bei rechtlichen Problemen Unterstützung erhalten, müssen wir heute den Mut haben, gewachsene Strukturen im Rechtsmarkt neu zu denken. Künstliche Intelligenz ist dabei kein Trend und kein nettes Zusatztool, sondern die einzige realistische Möglichkeit, die juristische Versorgung in Deutschland überhaupt aufrechtzuerhalten. Der Rechtsmarkt wird sich wandeln, ob man möchte oder nicht. Entscheidend ist, ob wir diesen Wandel aktiv gestalten oder zusehen, wie bestehende Strukturen immer schlechter funktionieren und der Zugang zum Recht für viele Menschen verloren geht.

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