briefing · Bundespräsident

Über die Freude an der Freiheit

Über die Freude an der Freiheit
Photo: Marc Conzelmann/Ludwig-Erhard-Gipfel Joachim Gauck delivers a speech at the Ludwig Erhard Summit, standing at a podium with the summit's logo. His expressive gesture emphasizes his point, while a backdrop displays his image. The event captures a moment of engagement and discourse. Photo: Marc Conzelmann/Ludwig-Erhard-Gipfel
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Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat eine große Rede gehalten: über die Freiheit und die Pflicht einer Nation, sie täglich zu nutzen.

In der zum festlichen Saal umgebauten Scheune auf Gut Kaltenbrunn am bayerischen Tegernsee, genau dort, wo der „Wohlstand für alle“-Minister Ludwig Erhard einst viel Zeit verbrachte, wird es mucksmäuschenstill. Die knapp 1000 Zuschauer richten ihre Augen auf die Bühne. Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat dort eben von der ehemaligen litauischen Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė, der Präsidentin des bayerischen Landtags Ilse Aigner und der Verlegerin Christiane Götz-Weimer den „Freiheitspreis der Medien“ erhalten. Wenn Populismus, Desinformation und autoritäre Tendenzen Hochkonjunktur haben, komme es auf Menschen wie Gauck an, den ehemaligen Pfarrer aus Ostdeutschland, der ins höchste Amt aufstieg, sagt Verlegerin Götz-Weimer. Dann tritt der 85-Jährige ans Rednerpult, der unter der Riege der deutschen Bundespräsidenten einer der Herausragenden war. Wir dokumentieren den Mitschnitt seiner frei gehaltenen Rede.

Frau Präsidentin des Bayerischen Landtages, liebe Frau Präsidentin Dalia Grybauskaitė, liebe Frau Weimer,

ich bin bewegt und dankbar, dass sie mir diesen Preis verliehen haben. Als Frau Weimer eben diese große Schöpfkelle voll Lob aus der Preisbegründung auf den Tisch getan hat, da habe ich mich ein wenig geschämt, denn ich sehe mich weniger als Apostel, denn als Bürger, der seinen Mund aufzumachen hat.

Man soll es auch nicht übertreiben mit dem Lob, aber dankbar bin ich und bewegt bin ich, gerade auch durch die Laudatio und die Begegnung mit einer Frau wie Präsidentin Grybauskaitė, die jede Art von Staatsterrorismus zu lesen vermag, die durch die eigenen und die Erfahrungen ihres Landes genau weiß, in welcher historischen Epoche wir gerade leben. Und dass Bedrohungen auf uns zukommen, von denen wir 1990 gemeinsam gedacht haben, sie seien endgültig vorbei.

Sie würdigen mich für meine Freude an der Freiheit, für meinen Kampf für Freiheit und für meine – ja, wie soll ich das sagen: Es ist es nicht eine Besessenheit, aber eine tiefere innere Überzeugung davon, dass wir unser Leben verfehlen, wenn wir die Freiheit nicht nutzen. Und ich spreche nicht von einer Freiheit, wie sie jeder ersehnt, die Freiheit von Unterdrückung, von Einengung, von Zwang, auch von Not. Sondern ich spreche von jener Dimension der Freiheit, die wir in langen geschichtlichen Abständen immer wieder auch entdeckt und beschrieben haben als Freiheit für etwas und zu etwas.

Und eben diese Freiheit ist es, die vielen Menschen, egal in welchem Zeitalter man lebt, nicht selbstverständlich ist. Während wir die eine Form immer ersehnen können, das vermag jeder, ist die andere Form der Freiheit zu etwas und für etwas, für manchen zu anstrengend. Es ist so, als würden sie überfordert und ziehen sich zurück und warten darauf, dass andere für sie Entscheidungen treffen, die sie selber nicht vermögen oder glauben nicht vermögen zu können. Und eben davon haben wir auch im Zusammenhang mit unseren Zeiten und unserem Land zu reden.

Wir leben in einer nicht perfekten Demokratie

Wir haben heute vielfältig darüber gehört und in den Privatgesprächen uns ausreichend ausgetauscht darüber, dass wir in einer nicht perfekten Demokratie leben, ja. Alle Institutionen sind vorhanden, so wie man sie sich wünscht. In einer liberalen, offenen Demokratie. Aber gleichwohl sind die Menschen, die in diesen Institutionen wirken und die die Menschen wählen, die zu regieren haben, Menschen wie sie sind. Und sie sind immer auch zu einem Teil unwillig, das zu tun, was Ihnen als Lebensmöglichkeit offenkundig angeboten wird: Nämlich in einer freiheitlichen Gesellschaft ein Citoyen, ein selbständiger Bürger zu sein. Diese tiefsitzende Furcht vor Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit ist gar nicht so sehr von politischen Familien oder politischen Prägungen abhängig, sondern sie ist ein Grundproblem der menschlichen Existenz.

Erich Fromm, der von den Nazis verfolgte Psychologe und Psychotherapeut, würde sagen, es ist die Furcht vor der Freiheit, die uns Menschen begleitet, die wir doch uns alle nach Freiheit sehnen und gleichzeitig vielfach davor fürchten, sie wirklich als Gestaltungsraum der eigenen Möglichkeiten auch zu leben.

Das wird uns also begleiten. Wir können das nur Abmindern dadurch, dass wir immerfort zeigen, dass es in dieser offenen Gesellschaft der Demokratie Räume der Möglichkeiten für jeden gibt. Sie ist nicht nur eine Gesellschaft der Möglichkeiten für die Begabten und besser Gestellten, für die, die angekommen sind. Nein, sie ist auch ein Raum der Möglichkeiten für jene, die ganz frisch zu uns gekommen sind oder die von einem niedrigen sozialen Level aus starten. Eine Vielzahl unserer leitenden Politikerinnen und Politiker ist in dieser freiheitlichen Gesellschaft von unten gestartet, sie haben nicht große Mitgift erworben als Jugendliche, Studentin oder Student, sondern sie haben sich hart ihre politische Karriere erarbeitet.

Wirtschaft ermöglicht Verantwortung

Im Unternehmerischen ist es genauso, wir haben einen Raum der Möglichkeiten geschaffen, der alle einlädt, aber nicht alle sind bereit, und willens die Risiken, die mit der Selbstverantwortung einhergehen, auch anzunehmen. Und wenn sie mich heute auszeichnen dafür, dass ich zu ihnen gehöre und zu diesem Ludwig Erhard-Denken gehöre als ein Vertreter einer Form des – sagen wir – wirtschaftlichen Denkens, dem soziale Verpflichtungen nicht fremd sind, dann fühle ich mich irgendwie zu Hause. Nicht, weil ich ein Fachmann für Wirtschaftliches wäre, aber weil der Raum der Wirtschaft jedem Menschen auch die Möglichkeit eröffnet, das, wovon ich eben sprach, nämlich Verantwortung zu übernehmen, zu erlernen von der Pike auf in seinem Handwerksbetrieb, in seinem Unternehmen, in einer Leitungstätigkeit in Großunternehmen oder Dax-Firmen. Alle diese Möglichkeiten der Selbstermächtigung bietet unsere offene Gesellschaft.

Nun sagen sie vielleicht zu mir: Hey Alter, das ist doch selbstverständlich.

Nein, antworte ich ihnen. Das ist genauso wenig selbstverständlich, wie es freie Wahlen sind und die Menschen und Bürgerrechte sind, denn, siehe: Ich brauchte 50 Jahre als Ostdeutscher, ehe ich dieses Selbstverständliche wiedererlangen konnte. Ich weiß: Man kann verlieren, was man besitzt, und dieses Bewusstsein, dass Verlust, eine Möglichkeit unserer aktuellen Existenz ist, gehört zum Wachwerden einer Nation.

Ich habe in meiner Präsidentschaft versucht, den Deutschen Mut zuzusprechen und sie dazu zu veranlassen, doch wenigstens daran zu glauben, was sie schon errungen haben. Mir schien es manchmal, als würde eine Nachkriegs Gesellschaft so tun, als wäre das Verweilen in Zurückhaltung und Ohnmacht schon eine politische Tugend. Und diese Gefahr, die sah ich.

Wir waren der letzte Dreck

Ich weiß, woher es kommt. Wir sind eine Nation, die zutiefst geschlagen ist von Hybris und Übermut. Wir wollten Herrenmenschen sein und sind dabei gescheitert und waren, als ich Kind war zu Kriegsende, der letzte Dreck, politisch und moralisch. Aus diesem tiefen Loch unserer Geschichte ist unter Mühen eine Nation entstanden. Sie ist gekennzeichnet von viel anfänglicher Nostalgie, anfangs von einer Verweigerung Schuld als Schuld zu benennen. Aber danach kam Schritt für Schritt die wirtschaftliche Ertüchtigung. Einher ging moralische Ertüchtigung, die dazu führte, dass niemand es mehr nötig hatte, die Schuld der Vergangenheit zu leugnen, sondern sich sagen konnte: Das sind wir, aber wir sind nicht nur das, sondern wir können Besseres.

Wir haben ein Demokratiewunder erlebt

Und dieses bessere, dieses neue Zutrauen eine Gesellschaft des Rechts zu schaffen und dem Recht eine neue Heimat zu bieten, das ist unsere Geschichte. Wir haben eben nicht nur ein Wirtschaftswunder erlebt im Westen nach dem Kriege, sondern wir haben auch ein Demokratiewunder erlebt.

Die Deutschen haben aber darüber nicht gesprochen, weil sie fanden, dass es sich nicht gehört, stolz zu sein auf das, was man politisch errungen hat. Oder auf die neuen rechtlichen Standards, die im Land herrschten. Wohl war man stolz, wenn man Fußballweltmeister wurde oder schöne Autos baute, aber im Ganzen war es immer noch eine Nation, die es als Tugend ansah, sich nicht wirklich selbst zu vertrauen.

Und das hat mich gestört, als ich nun endlich nach den langen Jahren der Diktatur in der DDR in einem wiedervereinigten, freien Deutschland leben durfte. Ich meinte, es sei an der Zeit zu sagen: Aufgewacht, wir müssen nicht stolz darauf sein, Deutsche zu sein. Aber wir dürfen nach so langen Jahren der Errichtung der Herrschaft des Rechts Stolz auf dieses Deutschland sein, auf dieses so geschaffene, erneuerte Deutschland und auf dieses Deutschland zu blicken. Das würde doch bedeuten, dass wir tiefe Dankbarkeit empfinden müssen, wenn wir dieses Deutschland vergleichen mit jenem, dass in den vielen Generationen vor uns immer anderen Ländern um uns herum Angst gemacht hat, und den Anständigen und Rechten und den Menschen, die dem Recht zugeneigt waren, auch Angst gemacht hat. Das alles hat sich doch geändert. Mir fehlte diese Freude daran, dass dieses Land ein Land des Gelingens ist.

Land des Gelingens

Ich spreche über diese Themen, weil es für mich zu oft nicht nur in den Salons der Gebildeten, sondern irgendwie auch im täglichen Diskurs eher nicht gehört, in Dankbarkeit und Freude auf dieses Land zu blicken, sondern hoch bedrückt die Probleme dieses Landes in den Mittelpunkt zu rücken und ein gepflegtes Unbehagen als Nationalkultur auszuweisen.

Nationalkultur des gepflegten Unbehagens

Ich kann damit wenig anfangen. Solches Unbehagen, könnte man, wenn man flüchtig hinschaut, als Demut betrachten. Ich aber sehe es eher als ein verspätetes Ankommen bei dem, was uns an Gutem möglich und tatsächlich gelungen ist. Und ich weiß genau, woher das kommt. Aber niemand würde Kinder erziehen zu einem kleinen Ich. Es nützt uns auch nichts, wenn wir unsere Bürgerinnen und Bürger erziehen zu einem kleinen Ich, das sich selber nicht genug vertraut. Das deswegen verharrt in einer Kultur der hoffnungsgestützten Ohnmacht, statt zu sagen: Ja, wir wollen einkehren bei einer Haltung bewaffneter Friedfertigkeit.

Da ist noch eine Menge zu tun. Wir brauchen nicht nur in der Politik von unserem Bundeskanzler und der neuen Koalition eine neue Entschlossenheit innerhalb dieser Bedrohungsszenarien, die wir erleben. Sondern wir brauchen so etwas wie einen umfänglichen Mentalitätswandel hin zu dem Bewusstsein, wir haben Werte geschaffen, die es wirklich wert sind, sie zu verteidigen. Und nicht abzuwarten und mit freundlichen Blicken einem Feind gegenüberzustehen, den wir nicht zum Feind erklärt haben, der aber selber durch seine Handlungen sich zum Feind der Freiheit gemacht hat. Und dieses zögerliche und abwartende Anschauen und Hinblicken auf etwas, was möglicherweise uns erspart bleibt, wenn wir nur stillhalten, das halte ich für eine friedensgefährdende Politik.

Ich habe neulich von Sigmar Gabriel im Fernsehen einen Satz gehört in Bezug auf Putins Aggression gegenüber der Ukraine. Er sagt, wenn man einen Frieden nach Putins Geschmack schließt, dann hat man keine Nachkriegszeit, sondern eine Vorkriegszeit.

Unser Land ist ein Korb mit Früchten

In diesem Sinne lebe ich in einem Land, das dabei ist, gerade wieder neu etwas zu lernen, nämlich das, was sich unsere Väter und Vorväter geschaffen haben. Ein Land, das ich oftmals beschrieben habe, wie einen Korb mit Früchten, den ich ihnen noch einmal vor Augen stellen will und der für mich nach wie vor etwas ganz besonders Schönes ist.

In diesem Korb, den ich ihnen vor Augen stelle, packe ich als erstes rein, mein spät errungenes Recht in freien, gleichen und geheimen Wahlen meine Regierung zu wählen. Als zweites tue ich da hinein, dass ich das Recht habe, jederzeit meine Meinung laut und leise zu sagen und diese zu veröffentlichen. Als drittes tue ich da hinein, dass ich das nicht allein tun kann, sondern ich habe auch Medien, die dies in großer Weite und Vielfalt tun können. Niemand zensiert sie, sie sind frei. Als nächstes tue ich hinein, dass ich in einem Rechtsstaat lebe, in dem Gewaltenteilung existiert und die Macht weder das Recht gestaltet noch bricht, sondern frei gewählte Abgeordnete setzen das Recht. Das Recht und unabhängige Gerichte definieren das, was im Strafrecht recht sein soll, und ein Verfassungsgericht schützt die Rechte aller Bürger.

Dann kommt das Recht in meinen Korb, dass ich glauben kann, was ich möchte – auch darf ich nicht glauben. Und ich tue hinein, dass dieses Land nicht geprägt ist von Figuren, die Kriegslüstern sind, sondern von Menschen, die dem Frieden vertrauen, die den Frieden vertreten, die selbst Menschen des Friedens sind. Wir haben weder wie in der Kaiserzeit Generale, noch Großjuristen, noch Interessenvertreter, die einen Krieg herbeisehnen und unsere Nachbarvölker fürchten sich nicht vor einem Deutschland, das mehr Land braucht, als es hat.

Wenn sie so wollen, könnte ich diesen Korb noch weiter füllen. Ich könnte Ihnen sagen, ich kann jederzeit einen eigenen Verein gründen, eine Bürgerbewegung, sogar eine Partei oder eine Gewerkschaft. Ja und noch mehr passt in diesen Korb und am Schluss würde ich noch immer rein tun, ich habe das Recht, dieses Land zu verlassen, ohne dass mich irgendjemand daran hindern kann.

Manche Abgeordnete laufen nicht ganz rund

Und wenn ich so vor den Leuten stehe und erzähle von diesem Korb, den ich vor mir sehe und der mein Land ist, dann gibt es auch einen anderen Korb, wo all das drin ist, was nicht funktioniert, wo Abgeordnete drin sind, die nicht ganz rund laufen, wo es Defizite gibt im Raum der Wirtschaft, ja überall. Also das kann ich auch alles machen, aber das löscht doch nicht diesen anderen prallen Korb aus! Es ändert doch nichts daran, dass es den gibt und das, was es da gibt, das ist ja kein Traum. Das haben wir ja, unsere Eltern und Großeltern erschaffen. Und wir im Osten haben dies genauso mit erschaffen mit unseren friedlichen Revolutionen. Das ist real. Es ist einfach da, es ist unseres.

Es gibt Menschen, die im Inneren –  wie die in unsere Rechtsaußenpartei – jetzt so tun, als könnte sie vor Kraft nicht laufen. Sie prangern das System an, was sie verändern möchten. Ja, aber was will diese Partei verändern? Welche Zukunftsangebote hat Sie denn?

Wir, die wir dieses System geschaffen haben und unsere Voreltern, die dieses parlamentarische, rechtsstaatliche, soziale System so hingestellt haben, wie es vor unseren Augen steht, wir werden die sein, die es mit neuer Entschlossenheit zu verteidigen haben. Das müssen wir endlich begreifen: Verteidigen heißt nicht zuschauen und abwarten, sondern es heißt Ertüchtigen und Verantwortung wahrnehmen. Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung und wir, die Bürgerinnen und Bürger, sind dazu da, diese Verantwortung zu leben. Los geht es.

                                                                                                                              (aufgezeichnet von Oliver Stock)

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.