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Unser blaues Wunder

Unser blaues Wunder
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit3 Min · 577 Wörter

Magic: Wen wir auch wählen, die Politik bleibt die gleiche.

Einmal in vier Jahren hängen wir nicht vor der Wahlbude rum, qualmen eine und trinken eine Tasse Tee oder Flaschenbier, sondern gehen ganz staatsmännisch hinein und entscheiden über den nächsten Bundestag in unserer schönen Hauptstadt Berlin. Stolze 82,5 Prozent von uns haben das neulich gemacht. Das ist deutlich mehr Volk, als es im europäischen Demokratie-Musterland Schweiz regelmäßig an die Wahlurne treibt. 

Wir wählen dabei mal links und mal rechts, wir strafen mal die Mitte ab und manchmal lieben wir sie. Mal entscheiden wir uns für mehr Geld fürs Klima und mal dagegen, mal setzen wir die Regierung danach zusammen, ob die mit dem Geld, was wir ihr überweisen, sorgsam umgehen oder es zum Fenster rauswerfen. Wir legen Schwerpunkte fest, wenn es um die Europapolitik geht oder den Krieg vor der Haustür. Manche von uns wollen einen starken Staat und manche lieber einen, der sich zurückhält. Manche wollen im Alter ihr statalich garantiertes Auskommen haben, andere von uns sind bereit, auch dann noch dazu zu verdienen. Unterm Strich wägen wir wirklich sehr genau ab, wen wir wählen. Oder?

Doch dann passiert unser blaues Wunder: Denn wen wir auch wählen – die Politik bleibt die gleiche. Knappe 30 Prozent von uns haben die Partei eines Friedrich Merz gewählt, der versprochen hatte, die Finanzen in Ordnung zu halten und mit den ständig steigenden Steuereinnahmen sorgsam umzugehen. Stattdessen erklärt er jetzt DIE staatliche Ausgabe par excellence, nämlich die Finanzierung der Infrastruktur, zu seinem besonderen Anliegen, das nur mit außerplanmäßigen Schulden gelingen kann. Das gleiche gilt natürlich auch für die Verteidigung. 

Wir haben uns gedacht, als wir wählen gingen, dass der nächste, den wir wählen, vor dem großen Geldausgeben, sagt, wie sich das vorhandene besser einsetzen ließe: Beispielsweise, wenn Planungsverfahren für Straße, Brücken und Schienen nicht Jahrzehnte, sondern vielleicht nur Jahre dauerten. Oder wenn Bürgergeld nicht vor allem dafür bezahlt würde, dass die Bürgergeldverwalter ein Auskommen haben. Oder wenn die Ministerialbürokratie sich zum Ziel setzte, kleiner zu werden, anstatt weiter zu wuchern.

Wegen einer überbürokratisierten Klimapolitik haben wir die Grünen aus der Regierung geschmissen und stellen nun fest, dass ausgerechnet diese Partei als erstes der sich bildenden neuen Regierung ein milliardenschweres Klimapaket abtrotzt. Wir haben der SPD eine historische Wahlschlappe verpasst, um dann zu erleben, dass die Migrationsweichspüler in der Partei, die nach jedem Attentat mit Migrationshintergrund gerufen haben, dass das natürlich nicht hätte passieren dürfen, weiter ihre Vorstellungen in der Regierung durchsetzen. 20 Prozent haben gleich die AfD gewählt und die sind schon mal außen vor, weil ihre Partei von den anderen als undemokratisch gemieden wird.

Das alles haben wir uns so nicht gedacht, als wir die Zigarette ausgedrückt, die Tasse oder die Flasche zur Seite gestellt haben und entschlossen und zahlreich zur Wahl gegangen sind. Jetzt fragen wir uns, wie das passieren konnte. Meine Antwort: Da ist eine politische Elite am Werk, die jede Bodenhaftung verloren hat. Eine, die sich nicht einmal die Mühe macht, das, was wir wollten, anzugehen. Immerhin weiß ich das jetzt schon, bevor die überhaupt angetreten ist. Für uns Punks ist damit klar: Wir bleiben euch an der Hacke.

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Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.