UnternehmerNEXT

Erik
Reintjes

Im Interview mit André Patrzek
Erik Reintjes

Schluss mit Farben-Muff im Baumarkt: Wie Erik Reintjes den Farbenmarkt emotionalisiert

Wandfarbe kaufen? Klingt für die meisten nach einem Ausflug in den Baumarkt und einer Bratwurst auf dem Parkplatz. Für andere nach einer millionenschweren Marktlücke. Mit MissPompadour haben Erik Reintjes und seine Mitgründer*innen eine der stärksten D2C-Brands im Home-Improvement-Bereich gebaut – und das mitten in einem Segment, das jahrzehntelang als eher unsexy galt. Während der Rest der E-Commerce-Branche auf automatisierte KI-Bots setzt, investiert Erik radikal in echte menschliche Beratung. Ein Gespräch über das Abenteuer Geschwister-Business, harte Learnings nach dem Pandemie-Boom und seine Lieblingsfarbe.

[André Patrzek] Erik, wie können wir uns eine Kindheit im Hause Reintjes vorstellen? Wie bist du aufgewachsen?

[Erik Reintjes] Handel war bei uns eigentlich immer Thema, und Selbstständigkeit haben wir zu Hause immer als etwas Positives erlebt – als Freiheit, selbst etwas aufzubauen und zu gestalten. Mein Vater war in der Textilindustrie, wir sind deshalb sechsmal umgezogen und ich habe früh mitbekommen, dass Arbeit und Veränderung irgendwie zusammengehören. Wahrscheinlich kommt daher auch mein Antrieb für ständige Veränderung.

[André Patrzek] Du hast gemeinsam mit deiner Schwester gegründet. War in der Kindheit schon klar, dass ihr gut zusammenarbeiten könnt?

[Erik Reintjes] Astrid ist zwölf Jahre älter als ich, wir waren also nicht die Geschwister, die jeden Nachmittag zusammen Lego gebaut haben. Unsere Rollen große Schwester und kleiner Bruder waren bei uns eigentlich nie ein Thema. Heute ist genau dieser Alters- und Erfahrungsunterschied ziemlich wertvoll.

[André Patrzek] Du hast Einzelhandelskaufmann gelernt und anschließend Design- und Modemanagement studiert. Was waren die größten Vor- und Nachteile daran, einen klassischen Beruf von der Pike auf zu lernen?

[Erik Reintjes] Ich habe dort vor allem gelernt, zu verkaufen und wirklich zu verstehen, was der Kunde möchte. Und ich habe gelernt, was es heißt, hart zu arbeiten: Das Geschäft lag im Skigebiet Winterberg im Sauerland, in der Saison haben wir drei Monate praktisch ohne freien Tag durchgearbeitet. Diese Zeit hat mich definitiv geprägt.

[André Patrzek] Du bist im stationären Handel groß geworden. Wie hast du diese traditionelle Welt erlebt – und wann kam der Moment, in dem du dachtest: Das geht digital viel besser, so kann das nicht bleiben?

[Erik Reintjes] Meine ersten Berührungspunkte mit E-Commerce hatte ich bei Sporthaus Schuster, genau in der Zeit, als der Handel massiv auf E-Com gesetzt hat. Da habe ich gesehen, was digital möglich ist. 2016 habe ich dann für meine Abschlussarbeit den Laden meiner Mutter und meiner Schwester online gebracht, eigentlich nur als Experiment. Daraus ist MissPompadour entstanden.

[André Patrzek] Gemeinsam mit deiner Schwester Astrid und eurem Freund Niklas habt ihr MissPompadour gegründet. Wie kam es zu dieser Konstellation – und wer hat damals wen überzeugt?

[Erik Reintjes] Eigentlich war das ein glücklicher Zufall: Astrid kam aus dem stationären Handel, ich hatte das Online- und Marketingwissen und Niklas die technische Kompetenz. Als ich Niklas gefragt habe, ob er einsteigen will, war er sofort dabei. So hatte jeder von Anfang an seinen eigenen Bereich – und genau diese Mischung funktioniert bis heute.

[André Patrzek] Gründen mit der eigenen Familie – das hat ja durchaus „Konfliktpotenzial“. Wie ist das bei euch? Gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das Streitereien verhindert?

[Erik Reintjes] Wir sind drei sehr unterschiedliche Typen und genau das hilft. Niklas ist der Analytiker, ich bin eher der emotionale Verkäufer und Astrid bringt sehr viel unternehmerische Erfahrung mit. Vor allem wissen wir, was wir können und reden uns nicht permanent gegenseitig in unsere Bereiche rein.

[André Patrzek] Mal für ganz Dumme in 3 Sätzen: Was ist euer Geschäftsmodell?

[Erik Reintjes] Wir produzieren und verkaufen Farben und alles, was man braucht, um sein Zuhause selbst zu verändern. Dabei geht es längst nicht nur um Wände: Mit unseren Farben werden Küchen, Bäder, Türen oder Möbel gestrichen, eigentlich alles, was man zu Hause farblich verändern kann. Dazu kommen Inspiration und persönliche Beratung, damit aus einer Idee auch wirklich ein Projekt wird.

[André Patrzek] Ihr habt es geschafft, im eigentlich stinknormalen Baugewerbe-Segment eine Lovebrand aufzubauen. War das im Nachgang betrachtet mehr strategisches Kalkül oder pure Naivität?

[Erik Reintjes] Eher eine Mischung aus Zufall und gutem Zuhören. Wir hatten am Anfang kein großes Marketingbudget, also haben wir eine Facebook-Gruppe aufgebaut und gesehen, wie stark sich die Leute dort gegenseitig helfen und inspirieren. Daraus ist die Community entstanden und die Art, wie wir verkaufen. Einen Masterplan für eine „Lovebrand“ gab es definitiv nicht.

[André Patrzek] Viele D2C-Startups schießen schnell hoch und scheitern dann an der Skalierung oder den Logistikkosten. Was habt ihr von Anfang an richtig gemacht?

[Erik Reintjes] Wir haben sehr früh wichtige Dinge selbst gemacht: Tech, Content, Beratung und Logistik. Dadurch konnten wir schnell reagieren und mussten nicht für jede Änderung erst drei Dienstleister anrufen. Und wir sind lange komplett eigenfinanziert gewachsen. Das zwingt einen automatisch dazu, ziemlich genau aufs Geld zu schauen.

„DIY muss nicht kompliziert, grau und technisch sein, sondern kann Spaß machen und emotional sein.“
Erik Reintjes
Erik Reintjes

[André Patrzek] Gab es in den Anfangstagen Momente, in denen du ernsthaft gezweifelt hast, ob der Weg vom Fachhandel zur eigenen digitalen Brand der richtige ist?

[Erik Reintjes] Klar, vor allem weil uns am Anfang wirklich jeder Branchenexperte gesagt hat: Farbe kann man nicht online verkaufen. Irgendwann denkst du natürlich: Wissen die vielleicht etwas, was wir nicht wissen? Zum Glück haben wir trotzdem weitergemacht und unsere Kunden haben uns ziemlich schnell die Antwort gegeben.

[André Patrzek] Wie gehst du mit dem Spagat um: Emotionale Community-Marke sein – und gleichzeitig knallharte D2C-Kennzahlen steuern?

[Erik Reintjes] Für mich widerspricht sich das überhaupt nicht. Community, Beratung und guter Content sind emotional – am Ende müssen sie aber natürlich auch funktionieren und verkaufen. Wir messen sehr viel, aber nicht alles, was eine starke Marke ausmacht, passt sauber in eine Excel-Tabelle.

[André Patrzek] Der Farbenhandel war lange geprägt von kühlen Baumärkten und staubigen Baumarkt-Websites. Kann man diese altbackene Branchen-DNA wirklich jemals ganz abschütteln?

[Erik Reintjes] Davon bin ich überzeugt. DIY muss nicht kompliziert, grau und technisch sein, sondern kann Spaß machen und emotional sein. Entscheidend ist, vom Projekt der Kundin aus zu denken und nicht vom Regal voller Produkte.

[André Patrzek] Ihr investiert extrem in menschliche Farbberatung per WhatsApp und App. Was musstet ihr an klassischen E-Commerce-Effizienzregeln bewusst zerstören, um diesen Service bieten zu können?

[Erik Reintjes] Wahrscheinlich zuerst der Gedanke, dass jeder Kundenkontakt möglichst kurz sein muss. Unsere Kundenberatung ist eher ein Umsatzbringer. Es geht um die richtige Farbe in den eigenen vier Wänden, da stecken viele persönliche Geschichten dahinter und die Gespräche münden manchmal fast in Seelsorge. Das kostet Zeit, schafft aber Vertrauen.

[André Patrzek] Was war der riskanteste Moment der bisherigen Reise – der Punkt, an dem alles hätte kippen können?

[Erik Reintjes] Corona war wahrscheinlich die verrückteste Phase. Die Nachfrage ist so explodiert, dass wir teilweise Produkte verkauft haben, bevor wir sie überhaupt auf Lager hatten, Kartons im Supermarkt organisiert und Nachtschichten gemacht haben. Hinzu kam, dass wir in der Phase gerade den Schritt vom Farbenhändler zur Eigenmarke gemacht hatten, mit hohen Investitionen. Das hätte auch ziemlich schiefgehen können.

[André Patrzek] In einer Zeit, in der alle E-Commerce-Brands wegen hoher Personalkosten auf KI-Bots setzen, skaliert ihr echte Menschen im Kundenservice. Widerspruch zur Digitalisierung oder euer größter Wettbewerbsvorteil?

[Erik Reintjes] Überhaupt nicht. Wir nutzen inzwischen selbst KI in der Beratung, aber ganz bewusst dort, wo unser Team nicht verfügbar ist, z. B. sonntags, an Feiertagen oder bei extremem Aufkommen. TONI soll Menschen nicht ersetzen, sondern unser Team ergänzen; persönliche Beratung bleibt für uns ein zentraler Teil des Geschäfts.

[André Patrzek] Ersetzt ihr mit eurer stark visuell geprägten Community auf Social Media alte Heimwerker-Standards einfach durch neue Perfektionsnormen fürs eigene Zuhause?

[Erik Reintjes] Es geht nicht um Perfektionismus. In unserer Community zeigen ganz normale Menschen, was sie selbst geschafft haben und genau das nimmt anderen eher die Angst, einfach anzufangen. Es geht nicht darum, dass am Ende jedes Wohnzimmer Instagram-perfekt aussieht, sondern um dieses: Schau mal, das kannst du auch.

[André Patrzek] Wer entscheidet bei euch eigentlich, welche Farbtöne im Trend sind und ins Sortiment aufgenommen werden – die Daten oder das Bauchgefühl?

[Erik Reintjes] Beides. Wir hören sehr genau hin, was unsere Community will, schauen uns Trends und Daten an – aber am Ende braucht es auch Bauchgefühl. Märkte und Chancen zu sehen, bevor alles in Zahlen bewiesen ist, gehört für mich zum Unternehmertum dazu.

[André Patrzek] Schließt euer Fokus auf eine sehr spezifische, vorrangig weibliche Community nicht auch potenzielle Zielgruppen wieder aus?

[Erik Reintjes] Unsere Kundschaft ist zu rund 90 Prozent weiblich. Es wäre also ziemlich absurd, nicht genau für diese Zielgruppe zu entwickeln. Das heißt aber überhaupt nicht, dass Männer bei uns nichts finden. Wir haben einfach früh erkannt, dass eine sehr männlich geprägte DIY-Branche viele Bedürfnisse unserer Kundinnen lange übersehen hat bzw. de facto 50 Prozent der Bevölkerung in der Kundenansprache ausgeschlossen hat.

[André Patrzek] Welche Verantwortung trägt eine konsumgetriebene Marke wie MissPompadour heute beim Thema Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Inhaltsstoffe?

[Erik Reintjes] Farbe bleibt ein Produkt, für das Rohstoffe und Energie benötigt werden, keine Frage. Deshalb haben wir uns in unserer Nachhaltigkeitsstrategie ganz bewusst dafür entschieden, unsere Lieferketten ausschließlich in Deutschland aufzusetzen. So halten wir Wege kurz, können ressourcenschonender arbeiten und stärken gleichzeitig die heimische Wirtschaft.

[André Patrzek] Der globale E-Commerce-Boom nach der Pandemie ist abgeflacht und viele D2C-Brands straucheln massiv. Hat diese Marktbereinigung deinen Blick auf Wachstum verändert?

[Erik Reintjes] Wir sind 2019 gestartet und damit gefühlt in der Dauerkrise groß geworden: Corona, Lieferketten, Ukrainekrieg, Inflation, Konsumflaute. Vielleicht sind wir deshalb nie davon ausgegangen, dass Wachstum einfach so passiert. In diesem Jahr wachsen wir wieder zweistellig, und das, obwohl die ganze Farbbranche ein Minus macht. Wachstum muss für uns aus einem funktionierenden Geschäft kommen.

[André Patrzek] Während der Pandemie ist der Home-Improvement-Markt durch die Decke gegangen. Aber danach fielen viele D2C-Brands tief. Was habt ihr anders gemacht?

[Erik Reintjes] Corona hat uns einen unglaublichen Schub gegeben, aber wir haben uns darauf nicht ausgeruht. Wir haben aus einem Farbenhändler eine eigene Marke gebaut, unsere Community weiterentwickelt und Tech, Logistik und Beratung selbst aufgebaut. Heute wachsen wir profitabel und nicht nur, weil möglichst viel Budget ins Marketing fließt. Der erste Sale muss profitabel sein.

[André Patrzek] Ihr seid in wenigen Jahren auf über 100 Mitarbeitende gewachsen. Wie verändert das die Rolle als Gründer?

[Erik Reintjes] Enorm. Bei 170 Leuten kannst du als Gründer nicht mehr überall selbst drinstecken und solltest es auch nicht. Unsere Mitarbeitende haben deshalb sehr viel Freiheit, wir nennen sie gerne „Unternehmer im Unternehmen“, denn wenn jede Entscheidung über unseren Schreibtisch müsste, könnten wir dieses Tempo niemals halten.

[André Patrzek] Was sind deine kurz- und langfristigen Ziele mit MissPompadour? Was muss bleiben? Was muss gehen?

[Erik Reintjes] Wir wollen weiter international wachsen und gleichzeitig MissPompadour bleiben – nahbar, schnell und extrem nah am Kunden. Der nächste Markt, den wir erschließen, ist Schweden, weitere europäische Länder werden folgen. Mit Hornbach gehen wir gerade einen großen Schritt in den stationären europäischen Handel, ohne unsere DNA als digitale Marke aufzugeben. Was auf jeden Fall bleiben muss, ist unsere Nähe zum Kunden und gehen dürfen Prozesse, die nur existieren, weil man sie schon immer so gemacht hat.

[André Patrzek] Und ganz am Ende eine Frage, die ich schon lange niemandem mehr gestellt habe: Was ist deine Lieblingsfarbe?

[Erik Reintjes] Der MissPompadour Farbton Grün mit Wald.

[André Patrzek] Danke, Erik, für die ehrlichen Einblicke. Während alle auf KI-Bots setzen, investierst du bewusst in echte Menschen und Nähe zum Kunden. Ein eigener und klarer Weg und weiterhin viel Erfolg!