Person
Interview icon Interview Gast:
Matthias Steiner
Unternehmer:

- Matthias Steiner

- Gründer von STEINERfood

- Background: Ausbildung im Handwerk, Spitzensportler im Gewichtheben, Olympiasieger 2008

- Heute: Unternehmer & öffentliche Persönlichkeit

- Ziel: Menschen durch bewusste Ernährung fitter machen


Unternehmen:

- Name: STEINER´s (STEINERfood)

- Gründung: 2020

- Sitz: Obersulz, Österreich

- Branche: Funktionale & Lower-Carb Lebensmittel (74-99% weniger Carbs)


www.steiners.shop
15. Januar 2026

Matthias Steiner

Ein Leben nach dem Siegertreppchen: Wie Olympiasieger Matthias Steiner gelernt hat, sich neu zu erfinden.

Matthias Steiner ist ein Ausnahmeathlet, der gelernt hat, mit extremem Druck, Verlust und körperlichen Grenzen zu leben – und sie immer wieder zu verschieben. Aufgewachsen im niederösterreichischen Weinviertel, führte ihn sein Weg vom Handwerk in den Hochleistungssport, von Krankheit und Rückschlägen bis zu olympischem Gold. Nach dem Karriereende folgte die nächste Transformation: vom Gewichtheber zur öffentlichen Persönlichkeit und Unternehmer. Ein Gespräch über Disziplin, Durchhalten und die Frage, ob eine Goldmedaille beim Gründen hilft.

[André Patrzek]: Matthias, du bist im Weinviertel in Obersulz aufgewachsen. Was aus dieser ländlichen Kindheit trägst du bis heute in dir?

[Matthias Steiner]: Zum einen die Garantie, dass immer jemand da ist, wenn es mir nicht gut geht, aber vor allem typisch für das Weinviertel ist es, aus wenig Verfügbarem etwas zu machen. Historisch gesehen ging es der Region nicht immer gut, aber es musste ja immer irgendwie weiter gehen.

[AP]: Wie würdest du dein Elternhaus beschreiben – leistungsorientiert, bodenständig, fürsorglich? Und welche Werte haben dir später im Hochleistungssport wirklich geholfen?

[MS]: Meine Mutter war eher künstlerisch, musisch orientiert, aber mit großer Fürsorge eine verlässliche Mama, die sehr bemüht war, mich mit Allgemeinwissen zu befüllen. Mein Vater war daueraktiv und ein Tausendsassa, von ihm habe ich das Sport- und Handwerksinteresse. Sie waren sehr unterschiedlich, aber immer für mich da und wir hatten es oft lustig. Der wichtigste Wert war Konsequenz. Wenn ich etwas machen wollte, musste ich auch ordentlich dabeibleiben. Als Ministrant immer in die Kirche gehen und nicht nur wenn es Geld gab. Oder als Fußballer immer ins Training und nicht nur, wann ich wollte. Dieses „verbindlich sein“ hat mich sehr geprägt und ist ein wichtiger Pfeiler für unsere
Gesellschaft. Das vermisse ich heute etwas.

[AP]: Gab es schon in deiner Kindheit Momente, in denen du gelernt hast, durchzuhalten – noch bevor der Sport dein Leben bestimmt hat?

[MS]: Dadurch, dass ich meinen Eltern, bzw. vor allem meinem Vater, alles abkaufen musste, was ich unbedingt haben wollte, musste ich lange durchhalten, um das nötige Kleingeld zu verdienen. Das war der erste, alte Fernseher meiner Eltern. Eher hätten sie ihn weitergegeben, als ihn mir zu schenken. Ich musste ihn abkaufen. Oder das Rennrad meines Vaters, mit dem ich dann 30 km zum Gewichtheber-Training fahren konnte, ebenfalls bezahlt. Auch das erste Auto, fast schon schrottreif aus heutiger Sicht: abkaufen. Also durchhalten war Programm.

[AP]: Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass dein Körper anders belastbar ist als der vieler anderer?

[MS]: Ich selbst hab es nicht sehr früh gemerkt, aber einer meiner wichtigsten Trainer: Peter Lauterer. Er hatte uns einmal pro Jahr für zwei Wochen bei einem Lehrgang betreut und sofort gemerkt, dass nach der ersten Woche alle anderen erledigt waren und ich war in der zweiten Woche stärker als in der ersten. Ich habe mit 14 Jahren nur zweimal Mal pro Woche trainiert, deswegen waren die Leistungssprünge nicht groß, aber so ein Lehrgang hat mich
mächtig nach oben katapultiert.

[AP]: Du hast eine Ausbildung zum Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateur gemacht. Was hat dir dieses Handwerk fürs Leben beigebracht?

[MS]: Dass ich äußerst selten einen Handwerker im Haus brauche. Das Schönste am Handwerk ist diese tägliche, sichtbare Befriedung, etwas geschafft zu haben. Im Gegensatz zu vielen Dingen, die ich heute im Büro mache, habe ich auf der Baustelle ständig gesehen, wie weit ich gekommen bin. Auch lösungsorientiert zu sein, wenn du irgendwo nicht weiterkommst.
Die Heizung muss ja irgendwann funktionieren, also durchaus mal improvisieren zu können, war wichtig. Handwerk ist meine große Leidenschaft.

[AP]: Gab es einen bewussten Moment, in dem du dich gegen einen klassischen Berufsweg und für den Leistungssport entschieden hast – oder war dein Weg eher das Ergebnis vieler Zufälle?

[MS]: Weder noch. Es war kein Datum mit einer bewussten Entscheidung, aber auch kein Zufall. Es war mehr ein deterministischer Weg. Es passiert immer etwas, weil man vorher einen bestimmten Schritt gegangen ist. Handwerk hat mir ja Spaß gemacht, Sport aber noch mehr und auf diesem doppelten Weg habe ich gemerkt, dass da doch immer mehr geht im Sport.

[AP]: Welche Trainer, Vorbilder oder Mentoren haben dich in deiner Jugend geprägt – sportlich wie menschlich?

[MS]: Mein allererster Trainer, Walter Legel, hat mich vor allem menschlich geprägt, mit seiner ruhigen und geduldigen Art. Er hat mir auch das Gefühl gegeben, dass ich mit Fleiß ein guter Athlet werden kann. Ob er mich als Talent sah, kann ich nicht mehr sagen, er ist leider verstorben, als ich 17 war. Aber ich habe gemerkt, dass er Freude an mir hatte und er schenkte mir Aufmerksamkeit. Natürlich hat auch mein Vater, wie bei fast jedem Jungen, eine prägende Rolle gespielt. Er hat mir vorgelebt, dass es immer etwas zu tun gibt und man sich für nichts zu schade sein sollte. Dann gab es noch Thomas Muster, ehemalige Tennis-Nr.1 aus Österreich. Ich sah als 12-Jähriger, dass er nach einem Autounfall und folgendem Liegegips auf dem Tennisplatz saß und mit der Ballmaschine trainierte. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Man muss nur wollen. Das war damals sehr beeindruckend.

[AP]: Du hast deine Diabetes-Diagnose einen Tag vor deinem 18. Geburtstag bekommen. Was ging dir damals durch den Kopf – und wie präsent war die Angst vor dem Karriereende?

[MS]: Das war erst mal das Karriereende. Denn laut Arzt war ich jetzt krank, musste Diät halten und könnte längst nicht mehr alles so machen wir vorher. Die Diagnose Diabetes Typ 1 ist erst mal ein Schock. Bei dieser Autoimmunerkrankung produziert dein Körper kein Insulin mehr. Dadurch spielt dein Stoffwechsel verrückt, und du musst viele Dinge im Alltag anpassen. Wenn du zu deinem 18. Geburtstag statt einer Torte eine Diätschnitte bekommst
und du dich plötzlich zum Blutzuckermessen mehrmals täglich in den Finger piksen und dazu immer, wenn du Kohlenhydrate isst, noch Insulin spritzen musst, ist erst mal alles verkehrt und ziemlich düster. Noch im Krankenhaus habe ich aber entschieden, dass ich mich davon nicht unterkriegen lasse und gegen den Rat des Arztes mit dem Leistungssport weitermache.

[AP]: Hat die Krankheit deinen Umgang mit Disziplin, Planung und Körperwahrnehmung verändert?

[MS]: Nach wie vor könnte ich auf Diabetes Typ 1 verzichten. Aber durch diese Stoffwechselstörung gehe ich im Alltag viel bewusster mit meinem Körper um. Ich sehe sofort, wie welche Lebensmittel oder Genussmittel auf meinen Körper wirken. Ich nehme mir auch mehr Zeit zwischendurch, um bessere Werte zu haben. Am Ende zahlt das auf mein Gesundheitskonto ein. Eigentlich sollte der Stoffwechselgesunde auch so leben. Letztlich sind es diejenigen, die den Zucker und Kohlenhydrate reduzieren, die sich auch wohler fühlen.

[AP]: Würdest du sagen, Diabetes hat dich gebremst – oder dich langfristig sogar stärker gemacht?

[MS]: Diabetes bremst mich im Alltag immer mal wieder aus, wenn ich zum Beispiel Unterzucker bekomme. Das lässt sich nicht gänzlich vermeiden, da Typ-1-Diabetes ja nur der Versuch ist, gesunde Werte zu haben. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass es fast unmöglich ist, alles immer im Optimalbereich zu haben. Aber ich habe aus den vielen Nachteilen auch einige Vorteile machen können und kann dem Ganzen so durchaus etwas Positives abgewinnen.

[AP]: Wann wurde dir klar, dass du das Potenzial hast, zur internationalen Spitze im Gewichtheben zu gehören?

[MS]: Als ich mit 19 Jahren in den Medaillenrängen bei Junioren-EM und -WM gelandet bin. Mir war zwar klar, dass ich noch weit weg von der absoluten Weltspitze bin, aber ich habe damals noch meinen Lehrberuf ausgeübt und da war neben einer 40-h-Woche, mit täglich 3 Stunden pendeln und 5 Stunden Schlaf noch viel Luft nach oben, wenn ich mal nur Sport treiben kann.

[AP]: Ist der Leistungsdruck über all die Jahre tatsächlich so präsent und belastend, wie man sich das vorstellt?

[MS]: Ich glaube, den größten Druck macht man sich selbst. Ich war da immer relativ entspannt, denn ich wusste, wenn ich nicht Gewichtheben mache, dann eben etwas anderes. Am ehesten gegen Ende der Karriere wollte ich noch wissen, wie weit ich komme, und da hatte ich die höchsten Ansprüche an mich selbst, aber Druck habe ich nie sehr bewusst wahrgenommen.

[AP]: Was waren deine größten sportlichen Triumphe – und was deine bittersten Niederlagen? Und was hat dich von beidem mehr geprägt?

[MS]: Der größte Erfolg war für mich der Olympiasieg 2008 in Peking. Das ist das Größte, was man in unserer Sportart erreichen kann. Der stärkste Mann der Welt. Die größte Niederlage war eine Junioren-WM in Griechenland. Ich war bereits vor Ort. Eine Bronzemedaille war mehr als realistisch, aber ich durfte nicht antreten, aufgrund von Fehlentscheidungen einiger österreichischer Funktionäre im Vorfeld. Das hat mich dahingehend sehr geprägt, dass ich
mein Glück nicht anderen Menschen überlassen sollte. Der Olympiasieg hat mich nicht nur geprägt, er hat mein ganzes Leben verändert.

[AP]: Welche Bedeutung haben Medaillen und Auszeichnungen für dich heute? Nimmt man die noch Jahre später in die Hand?

[MS]: In die Hand nehme ich nichts mehr, aber ab und zu laufe ich zu Hause dran vorbei. Oder wenn ich auf Veranstaltungen gehe, bei denen ich auch mal ausgezeichnet wurde, z. B. Sportler des Jahres oder Bambi, werde ich daran erinnert.

[AP]: Was war über all die Jahre dein größter Antrieb, dich immer wieder an die Grenze zu bringen?

[MS]: Im Nachhinein betrachtet war das immer die Aufmerksamkeit, die ich wollte für das, was ich gerne tue. Gewichtheben war die große Leidenschaft für mich. Das wurde aber sehr lange eher milde belächelt von Vielen.

[AP]: Der Konflikt mit dem österreichischen Gewichtheberverband gilt als Wendepunkt deiner Karriere. Was hat dich daran persönlich am meisten verletzt?

[MS]: Verletzt hat mich gar nichts, sondern der Ärger über viele sinnlose Kleinigkeiten wurde immer größer, und der Leidtragende war am Ende immer nur ich als Athlet, weil ich nie zu 100 % vorwärtskommen konnte. Es ging einfach zu viel Zeit und Energie für Lappalien drauf.

[AP]: War der Wechsel nach Deutschland eher Flucht, Trotzreaktion oder eine neue Chance?

[MS]: Es war eine Notwendigkeit. Entweder Aufhören oder Nation wechseln. Es gab keine weitere Möglichkeit. Mein Glück war nur, das der deutsche Gewichtheberverband zu dem Zeitpunkt auch etwas Schwierigkeiten hatte und viele Talente noch sehr jung waren. Somit passte ich auch gut dazu.

[AP]: Mit deinem Olympiasieg 2008 in Peking bist du weltweit durch die Medien gegangen – vor allem natürlich durch die sehr persönliche und tragische Hintergrundgeschichte. Wie hast du das damals erlebt?

[MS]: Als Olympiasieger eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen, war vielleicht noch zu erwarten, aber es hörte einfach nicht auf. Im Gegenteil, die Anfragen wurden immer mehr, und ich wusste irgendwann nicht mehr, in welchem Hotel und welcher Stadt ich wach wurde. Das war schon sehr verrückt, aber im Nachhinein betrachtet war das mehr als nur eine ersehnte Heldenstory. Menschen haben mich in ihr Herz geschlossen, und ich sie. Der Austausch auf unterschiedlichster Ebene ging jahrelang und bis heute suchen Menschen Kontakt zu mir, um sich auszutauschen. Das tut mir aber auch gut und ich lerne aus jeder Begegnung wieder etwas.

„Olympiasieger wird man schließlich auch nicht über Nacht. Man sollte jede Stufe der Treppe gehen – und nicht versuchen, alle auf einmal zu überspringen.“
Matthias Steiner
Matthias Steiner

[AP]: Wie hat sich dein Leben nach Peking verändert?

[MS]: Es gibt ja nie die eine Richtung im Leben, aber Peking hat tatsächlich alles auf den Kopf gestellt. Ich war plötzlich in der Öffentlichkeit, durfte herausragende Persönlichkeiten kennenlernen, habe wieder neue Chancen und Möglichkeiten erhalten, etwas zu tun und ich habe meine Frau Inge kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Nicht der Mensch Matthias war neu, aber mein dazugehöriges Leben.

[AP]: Die Verletzung bei den Olympischen Spielen 2012 in London markierte faktisch dein Karriereende. Wie schmerzhaft war dieser Abschied – und gab es Gedanken an ein Comeback?

[MS]: Dreimal bei Olympischen Spielen teilzunehmen, ist im Gewichtheben schon ordentlich. Ein viertes Mal stand nicht mehr auf dem Zettel. Natürlich hatte ich mir den Abgang anders vorgestellt und ich wollte dann noch unbedingt 2013 bei der EM erfolgreich abschließen. Die Geburt meines 2. Sohnes Max hat mich dann auf den Boden der Tatsachen gebracht, und ich musste ehrlich zu mir selber sein, was mir dann wichtiger ist: Sport oder Familie.

[AP]: 150 Kilogramm Körpergewicht waren notwendig für deine Sportlerkarriere, aber danach eben nicht mehr – war von jeher geplant, dieses Gewicht dann zu verlieren?

[MS]: Das war tatsächlich schon beim Zunehmen geplant. Noch dazu hatte unser Bundestrainer, Frank Mantek immer darauf geachtet, dass ich nicht nur in legeren Sportanzügen rumlaufe, sondern mich ordentlich kleide, um mich nicht an das bequeme zu gewöhnen. Sonst fällt es einem schwerer abzunehmen, wenn es keine Notwendigkeit dazu gibt.

[AP]: Was war mental schwerer: das Gewicht für den Sport aufzubauen – oder später 45 Kilo wieder abzunehmen?

[MS]: Tatsächlich war das Zunehmen schwieriger, da es in kurzer Zeit geschehen musste und gleichzeitig mit dem Aufbau von weiterer Muskelmasse. Die ersten 10-15 kg waren einfach, aber dann war es schon Essen-müssen. Und nach dem dritten Teller Pasta bei einer Mahlzeit spricht niemand mehr von Genuss.

[AP]: Wie sehr hat diese körperliche Transformation dein Selbstbild verändert? War der neue Körper auch ein neues Leben?

[MS]: Definitiv nein, denn den „schlanken“ Körper hatte ich ja 21 Jahre lang vorher schon. Es war einfach nur pure Freude wieder Standardkleidung kaufen zu können, die dann auch noch gut aussieht. Aber ich habe mich in beiden Körpern wohlgefühlt, in dem schweren auch, weil ich ja leistungsfähig war. Aber es wäre nie ein Dauerzustand für mich gewesen.

[AP]: TV-Shows wie „Let’s Dance“ oder „Schlag den Star“ zeigen dich von einer ganz anderen Seite. Warum hast du diese Bühne gesucht – und gab es Projekte, die du im Nachhinein bereust?

[MS]: Gesucht habe ich das definitiv nicht. Let´s Dance musste um mich kämpfen. 😊 Drei Jahre lang habe ich verneint, und erst als ich schlank war, habe ich mich von meiner Frau überreden lassen. Das kam nicht von mir, weil ich wusste, dass ich nicht tanzen kann. Ich bereue sicher nichts, denn auch diese Erfahrungen machen das Leben aus. Sonst wäre es doch langweilig.

[AP]: Haben dir die Medien über die Jahre mehr gegeben – oder mehr genommen?

[MS]: Mit Sicherheit mehr gegeben. Ich hatte aber das Glück, noch vor Social Media bekannt zu werden. Dieser alles von sich preisgebende Druck war einfach nicht da, sondern es war einfach Print und TV. Es waren viele tolle Sendungen und Artikel über die Jahre, bei den ich mitwirken durfte.

[AP]: Wann wurde aus deiner persönlichen Ernährungsumstellung eine unternehmerische Idee?

[MS]: Nachdem meine Frau Inge und ich im Jahre 2015 den Ernährungsbestseller „Das Steiner Prinzip“ herausbrachten, war ich ein gutes Jahr auf Lesereise damit. Ich konnte dabei so viele Eindrücke sammeln und die Quintessenz war, dass die Leser es zwar verstanden hatten, wie nachhaltiges Abnehmen funktioniert, sie wollten aber ein einfaches „Werkzeug“ dazu. Das hatten wir damals zwar schon in Form von Low-Carb Broten, aber es waren Prototypen für meine Abnehmreise und noch nicht in Masse produzierbar. Somit entstand 2016 die unternehmerische Idee, aber es sollte noch Jahre dauern, bis wir einen Produzenten gefunden hatten und 2020 dann unser Unternehmen gegründet haben.

[AP]: Wie wichtig war der Auftritt mit STEINERfood bei „Die Höhle der Löwen“ – und wie sehr trägt deine persönliche Geschichte zum Markenerfolg bei?

[MS]: DHDL kann immer ein Sprungbrett in den Markt sein. Wir wollten aber erst dann in die Sendung, wo klar war, dass wir alles stemmen können. Produktionsmengen, Qualität, Produktportfolio, IT, usw…Die Sendung hilft sehr, du musst aber auch gut vorbereitet sein.

[AP]: Ist STEINERfood auch ohne die Marke „Matthias Steiner“ denkbar?

[MS]: Mittel- bis langfristig ist das denkbar. Mein Name erleichtert allerdings die Erklärung zu den Produkten ungemein. Viele wissen: Der war mal schwer, jetzt ist er schlank. Wir leisten ja Pionierarbeit, und da gibt es immer wieder Erklärungsbedarf, wenn etwas neu ist. Aber mit unserem wachsenden Kundenstamm wird das Verständnis für Low-Carb immer größer und dafür, warum Eiweiß und Ballaststoffe wichtig sind. Das Thema nimmt ja erst Fahrt auf, seitdem klar ist, dass die Abnehmspritzen auch nicht ohne Nebenwirkungen sind. Wichtig ist, dass wir uns als STEINER´s treu bleiben: Unsere Produkte sind echt Low Carb.

[AP]: Was unterscheidet STEINERfood aus deiner Sicht von anderen Low-Carb-Anbietern?

[MS]: Wir haben verzehrfertige Produkte, wie Brötchen und Brote. Andere Low-Carb-Anbieter bieten häufig nur Backmischungen an. Zudem schmecken unsere Backwaren wie herkömmliche Produkte aus Weizen. Das ist auch einzigartig. Hier stecken viele Jahre Entwicklungsarbeit dahinter. Durch die Bank sorgen unsere Produkte, dafür dass der Blutzuckerspiegel nicht Achterbahn fährt. Das kann ich als Diabetiker testen. Alle Produkte sind von mir mitentwickelt und getestet.

[AP]: Wie gehst du mit Kritik an Low-Carb-Ernährung um?

[MS]: Kritik an Low-Carb-Ernährung richtet sich meist gegen einseitige, sehr fettreiche und ballaststoffarme Konzepte, die schwer dauerhaft durchzuhalten sind und langfristig zu Jo-Jo-Effekten oder Nährstoffmängeln führen können. Auf uns trifft das nicht zu, weil wir keine Kohlenhydrate pauschal streichen, sondern nur stark blutzuckersteigernde reduzieren und stattdessen gezielt viele Ballaststoffe, hochwertiges Eiweiß und alle essenziellen Nährstoffe integrieren. Unsere Produkte stehen nicht für Verzicht, sondern für eine ausgewogene, sättigende und langfristig praktikable Ernährung. Es geht bei uns auch nicht um eine klassische Diätform, sondern um Lebensmittel, mit denen man bewusst Kohlenhydratpausen
einlegen kann. Der Körper kommt schließlich nicht in die Fettverbrennung, wenn permanent Insulin im Blut ist. Am Liebsten sind mir die Ärzte, die statt Low-Carb eine Mittelmeerkost propagieren. Das ist am Ende das Gleiche. Neben viel Fisch, guten Fetten sind es vor allem weniger Kohlenhydrate. Das meinte ich vorhin mit Erklärungsbedarf.

[AP]: Wo siehst du die größten unternehmerischen Chancen – und wo die größten Risiken deines Geschäftsmodells?

[MS]: Ein großer Vorteil unserer Produkte ist, dass kein Jo-Jo-Effekt eintritt. Das bestätigen uns viele langjährige Kundinnen und Kunden, die uns genau aus diesem Grund treu bleiben. Protein ist inzwischen ein dauerhaft etabliertes Thema, hinzu kommt der wachsende Fokus auf Ballaststoffe. Aktuell zeigt sich das unter anderem im TikTok-Trend „Fibermaxxing“, also der bewussten Maximierung der Ballaststoffzufuhr, weil das Mikrobiom immer stärker in den Mittelpunkt rückt.
Die Herstellung unserer Produkte ist technisch anspruchsvoll. Das macht sie für viele andere Unternehmen unattraktiv und stellt für uns einen klaren Wettbewerbsvorteil dar. Eine Herausforderung ist allerdings, dass „Low Carb“ kein geschützter Begriff mit klaren Grenzwerten ist. Dadurch werden sehr unterschiedliche Produkte unter dem gleichen Claim vermarktet, obwohl die Nährwerte stark variieren. Ein höherer Kohlenhydratanteil bedeutet in der Regel geringere Herstellungskosten. Viele orientieren sich leider vor allem am Preis und weniger daran, ob ein Produkt für ihren Körper tatsächlich die bessere Wahl ist. Risiken gibt es im Lebensmittelbereich grundsätzlich, insbesondere durch schwankende Rohstoffverfügbarkeiten und stark volatile Preise, die eine vorausschauende Planung anspruchsvoll machen.

[AP]: Was hat dir der Einstieg eines Investors wirklich gebracht – und wie viel Kontrolle gibst du als Gründer bewusst ab?

[MS]: Aktuell sind wir noch bewusst bootstrapped. Mir ist es wichtig, nachhaltig und mit überschaubarem Risiko zu wachsen. Viele Start-ups skalieren mithilfe von Investoren sehr schnell und verbrennen sich dabei die Finger.
Olympiasieger wird man schließlich auch nicht über Nacht. Ich sage immer: Man sollte jede Stufe der Treppe gehen – und nicht versuchen, alle auf einmal zu überspringen. Gleichzeitig schließe ich nicht aus, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt auch über externe Partner nachdenken.

[AP]: Strebst du langfristig Wachstum, einen Exit oder eher Stabilität an?

[MS]: Wachstum ist für jedes Unternehmen wichtig. Allerdings musst du dich irgendwann entscheiden, ob es schnell gehen soll, um die Nr.1 im Markt zu sein, mit allem Risiko, oder ob ein gesundes Wachstum nicht besser wäre. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden. Es bleiben ja immer noch genug Risiken, die wir nicht genau kalkulieren können.

[AP]: Was treibt dich heute mehr an: Erfolg, Sinn oder Ruhe?

[MS]: Dass ich erfolgreich sein kann, habe ich mir selbst und auch der Öffentlichkeit bereits bewiesen. Sinn ist für mich heute der entscheidende Antrieb. Ich möchte, dass Menschen etwas von dem haben, was ich mache.
Einfach nur weiterhin Matthias Steiner zu sein, ist mir zu wenig. Ich möchte Menschen helfen, mit meinen Lebensmitteln ein fitteres und gesünderes Leben führen zu können.

[AP]: Und zum Schluss: Was möchtest du, dass man eines Tages über Matthias Steiner sagt – jenseits von Medaillen und Marken?

[Matthias Steiner]: Dazu hatte ich schon viel zu tolle Begegnungen mit so vielen Menschen, die sich von meinem Weg motivieren ließen. Wenn sich weiterhin Menschen an meinem Tun orientieren können, habe ich alles erreicht. Dann brauche ich auch keinen bestimmten Nachruf mehr.

[André Patrzek]: Danke Matthias für dieses offene und tiefgehende Gespräch. Dein Weg zeigt eindrucksvoll, dass wahre Stärke nicht nur auf dem Podest entsteht, sondern in der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

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Unternehmer:

- Matthias Steiner

- Gründer von STEINERfood

- Background: Ausbildung im Handwerk, Spitzensportler im Gewichtheben, Olympiasieger 2008

- Heute: Unternehmer & öffentliche Persönlichkeit

- Ziel: Menschen durch bewusste Ernährung fitter machen


Unternehmen:

- Name: STEINER´s (STEINERfood)

- Gründung: 2020

- Sitz: Obersulz, Österreich

- Branche: Funktionale & Lower-Carb Lebensmittel (74-99% weniger Carbs)


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15. Januar 2026

Matthias Steiner

Ein Leben nach dem Siegertreppchen: Wie Olympiasieger Matthias Steiner gelernt hat, sich neu zu erfinden.

Matthias Steiner ist ein Ausnahmeathlet, der gelernt hat, mit extremem Druck, Verlust und körperlichen Grenzen zu leben – und sie immer wieder zu verschieben. Aufgewachsen im niederösterreichischen Weinviertel, führte ihn sein Weg vom Handwerk in den Hochleistungssport, von Krankheit und Rückschlägen bis zu olympischem Gold. Nach dem Karriereende folgte die nächste Transformation: vom Gewichtheber zur öffentlichen Persönlichkeit und Unternehmer. Ein Gespräch über Disziplin, Durchhalten und die Frage, ob eine Goldmedaille beim Gründen hilft.

[André Patrzek]: Matthias, du bist im Weinviertel in Obersulz aufgewachsen. Was aus dieser ländlichen Kindheit trägst du bis heute in dir?

[Matthias Steiner]: Zum einen die Garantie, dass immer jemand da ist, wenn es mir nicht gut geht, aber vor allem typisch für das Weinviertel ist es, aus wenig Verfügbarem etwas zu machen. Historisch gesehen ging es der Region nicht immer gut, aber es musste ja immer irgendwie weiter gehen.

[AP]: Wie würdest du dein Elternhaus beschreiben – leistungsorientiert, bodenständig, fürsorglich? Und welche Werte haben dir später im Hochleistungssport wirklich geholfen?

[MS]: Meine Mutter war eher künstlerisch, musisch orientiert, aber mit großer Fürsorge eine verlässliche Mama, die sehr bemüht war, mich mit Allgemeinwissen zu befüllen. Mein Vater war daueraktiv und ein Tausendsassa, von ihm habe ich das Sport- und Handwerksinteresse. Sie waren sehr unterschiedlich, aber immer für mich da und wir hatten es oft lustig. Der wichtigste Wert war Konsequenz. Wenn ich etwas machen wollte, musste ich auch ordentlich dabeibleiben. Als Ministrant immer in die Kirche gehen und nicht nur wenn es Geld gab. Oder als Fußballer immer ins Training und nicht nur, wann ich wollte. Dieses „verbindlich sein“ hat mich sehr geprägt und ist ein wichtiger Pfeiler für unsere
Gesellschaft. Das vermisse ich heute etwas.

[AP]: Gab es schon in deiner Kindheit Momente, in denen du gelernt hast, durchzuhalten – noch bevor der Sport dein Leben bestimmt hat?

[MS]: Dadurch, dass ich meinen Eltern, bzw. vor allem meinem Vater, alles abkaufen musste, was ich unbedingt haben wollte, musste ich lange durchhalten, um das nötige Kleingeld zu verdienen. Das war der erste, alte Fernseher meiner Eltern. Eher hätten sie ihn weitergegeben, als ihn mir zu schenken. Ich musste ihn abkaufen. Oder das Rennrad meines Vaters, mit dem ich dann 30 km zum Gewichtheber-Training fahren konnte, ebenfalls bezahlt. Auch das erste Auto, fast schon schrottreif aus heutiger Sicht: abkaufen. Also durchhalten war Programm.

[AP]: Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass dein Körper anders belastbar ist als der vieler anderer?

[MS]: Ich selbst hab es nicht sehr früh gemerkt, aber einer meiner wichtigsten Trainer: Peter Lauterer. Er hatte uns einmal pro Jahr für zwei Wochen bei einem Lehrgang betreut und sofort gemerkt, dass nach der ersten Woche alle anderen erledigt waren und ich war in der zweiten Woche stärker als in der ersten. Ich habe mit 14 Jahren nur zweimal Mal pro Woche trainiert, deswegen waren die Leistungssprünge nicht groß, aber so ein Lehrgang hat mich
mächtig nach oben katapultiert.

[AP]: Du hast eine Ausbildung zum Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateur gemacht. Was hat dir dieses Handwerk fürs Leben beigebracht?

[MS]: Dass ich äußerst selten einen Handwerker im Haus brauche. Das Schönste am Handwerk ist diese tägliche, sichtbare Befriedung, etwas geschafft zu haben. Im Gegensatz zu vielen Dingen, die ich heute im Büro mache, habe ich auf der Baustelle ständig gesehen, wie weit ich gekommen bin. Auch lösungsorientiert zu sein, wenn du irgendwo nicht weiterkommst.
Die Heizung muss ja irgendwann funktionieren, also durchaus mal improvisieren zu können, war wichtig. Handwerk ist meine große Leidenschaft.

[AP]: Gab es einen bewussten Moment, in dem du dich gegen einen klassischen Berufsweg und für den Leistungssport entschieden hast – oder war dein Weg eher das Ergebnis vieler Zufälle?

[MS]: Weder noch. Es war kein Datum mit einer bewussten Entscheidung, aber auch kein Zufall. Es war mehr ein deterministischer Weg. Es passiert immer etwas, weil man vorher einen bestimmten Schritt gegangen ist. Handwerk hat mir ja Spaß gemacht, Sport aber noch mehr und auf diesem doppelten Weg habe ich gemerkt, dass da doch immer mehr geht im Sport.

[AP]: Welche Trainer, Vorbilder oder Mentoren haben dich in deiner Jugend geprägt – sportlich wie menschlich?

[MS]: Mein allererster Trainer, Walter Legel, hat mich vor allem menschlich geprägt, mit seiner ruhigen und geduldigen Art. Er hat mir auch das Gefühl gegeben, dass ich mit Fleiß ein guter Athlet werden kann. Ob er mich als Talent sah, kann ich nicht mehr sagen, er ist leider verstorben, als ich 17 war. Aber ich habe gemerkt, dass er Freude an mir hatte und er schenkte mir Aufmerksamkeit. Natürlich hat auch mein Vater, wie bei fast jedem Jungen, eine prägende Rolle gespielt. Er hat mir vorgelebt, dass es immer etwas zu tun gibt und man sich für nichts zu schade sein sollte. Dann gab es noch Thomas Muster, ehemalige Tennis-Nr.1 aus Österreich. Ich sah als 12-Jähriger, dass er nach einem Autounfall und folgendem Liegegips auf dem Tennisplatz saß und mit der Ballmaschine trainierte. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Man muss nur wollen. Das war damals sehr beeindruckend.

[AP]: Du hast deine Diabetes-Diagnose einen Tag vor deinem 18. Geburtstag bekommen. Was ging dir damals durch den Kopf – und wie präsent war die Angst vor dem Karriereende?

[MS]: Das war erst mal das Karriereende. Denn laut Arzt war ich jetzt krank, musste Diät halten und könnte längst nicht mehr alles so machen wir vorher. Die Diagnose Diabetes Typ 1 ist erst mal ein Schock. Bei dieser Autoimmunerkrankung produziert dein Körper kein Insulin mehr. Dadurch spielt dein Stoffwechsel verrückt, und du musst viele Dinge im Alltag anpassen. Wenn du zu deinem 18. Geburtstag statt einer Torte eine Diätschnitte bekommst
und du dich plötzlich zum Blutzuckermessen mehrmals täglich in den Finger piksen und dazu immer, wenn du Kohlenhydrate isst, noch Insulin spritzen musst, ist erst mal alles verkehrt und ziemlich düster. Noch im Krankenhaus habe ich aber entschieden, dass ich mich davon nicht unterkriegen lasse und gegen den Rat des Arztes mit dem Leistungssport weitermache.

[AP]: Hat die Krankheit deinen Umgang mit Disziplin, Planung und Körperwahrnehmung verändert?

[MS]: Nach wie vor könnte ich auf Diabetes Typ 1 verzichten. Aber durch diese Stoffwechselstörung gehe ich im Alltag viel bewusster mit meinem Körper um. Ich sehe sofort, wie welche Lebensmittel oder Genussmittel auf meinen Körper wirken. Ich nehme mir auch mehr Zeit zwischendurch, um bessere Werte zu haben. Am Ende zahlt das auf mein Gesundheitskonto ein. Eigentlich sollte der Stoffwechselgesunde auch so leben. Letztlich sind es diejenigen, die den Zucker und Kohlenhydrate reduzieren, die sich auch wohler fühlen.

[AP]: Würdest du sagen, Diabetes hat dich gebremst – oder dich langfristig sogar stärker gemacht?

[MS]: Diabetes bremst mich im Alltag immer mal wieder aus, wenn ich zum Beispiel Unterzucker bekomme. Das lässt sich nicht gänzlich vermeiden, da Typ-1-Diabetes ja nur der Versuch ist, gesunde Werte zu haben. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass es fast unmöglich ist, alles immer im Optimalbereich zu haben. Aber ich habe aus den vielen Nachteilen auch einige Vorteile machen können und kann dem Ganzen so durchaus etwas Positives abgewinnen.

[AP]: Wann wurde dir klar, dass du das Potenzial hast, zur internationalen Spitze im Gewichtheben zu gehören?

[MS]: Als ich mit 19 Jahren in den Medaillenrängen bei Junioren-EM und -WM gelandet bin. Mir war zwar klar, dass ich noch weit weg von der absoluten Weltspitze bin, aber ich habe damals noch meinen Lehrberuf ausgeübt und da war neben einer 40-h-Woche, mit täglich 3 Stunden pendeln und 5 Stunden Schlaf noch viel Luft nach oben, wenn ich mal nur Sport treiben kann.

[AP]: Ist der Leistungsdruck über all die Jahre tatsächlich so präsent und belastend, wie man sich das vorstellt?

[MS]: Ich glaube, den größten Druck macht man sich selbst. Ich war da immer relativ entspannt, denn ich wusste, wenn ich nicht Gewichtheben mache, dann eben etwas anderes. Am ehesten gegen Ende der Karriere wollte ich noch wissen, wie weit ich komme, und da hatte ich die höchsten Ansprüche an mich selbst, aber Druck habe ich nie sehr bewusst wahrgenommen.

[AP]: Was waren deine größten sportlichen Triumphe – und was deine bittersten Niederlagen? Und was hat dich von beidem mehr geprägt?

[MS]: Der größte Erfolg war für mich der Olympiasieg 2008 in Peking. Das ist das Größte, was man in unserer Sportart erreichen kann. Der stärkste Mann der Welt. Die größte Niederlage war eine Junioren-WM in Griechenland. Ich war bereits vor Ort. Eine Bronzemedaille war mehr als realistisch, aber ich durfte nicht antreten, aufgrund von Fehlentscheidungen einiger österreichischer Funktionäre im Vorfeld. Das hat mich dahingehend sehr geprägt, dass ich
mein Glück nicht anderen Menschen überlassen sollte. Der Olympiasieg hat mich nicht nur geprägt, er hat mein ganzes Leben verändert.

[AP]: Welche Bedeutung haben Medaillen und Auszeichnungen für dich heute? Nimmt man die noch Jahre später in die Hand?

[MS]: In die Hand nehme ich nichts mehr, aber ab und zu laufe ich zu Hause dran vorbei. Oder wenn ich auf Veranstaltungen gehe, bei denen ich auch mal ausgezeichnet wurde, z. B. Sportler des Jahres oder Bambi, werde ich daran erinnert.

[AP]: Was war über all die Jahre dein größter Antrieb, dich immer wieder an die Grenze zu bringen?

[MS]: Im Nachhinein betrachtet war das immer die Aufmerksamkeit, die ich wollte für das, was ich gerne tue. Gewichtheben war die große Leidenschaft für mich. Das wurde aber sehr lange eher milde belächelt von Vielen.

[AP]: Der Konflikt mit dem österreichischen Gewichtheberverband gilt als Wendepunkt deiner Karriere. Was hat dich daran persönlich am meisten verletzt?

[MS]: Verletzt hat mich gar nichts, sondern der Ärger über viele sinnlose Kleinigkeiten wurde immer größer, und der Leidtragende war am Ende immer nur ich als Athlet, weil ich nie zu 100 % vorwärtskommen konnte. Es ging einfach zu viel Zeit und Energie für Lappalien drauf.

[AP]: War der Wechsel nach Deutschland eher Flucht, Trotzreaktion oder eine neue Chance?

[MS]: Es war eine Notwendigkeit. Entweder Aufhören oder Nation wechseln. Es gab keine weitere Möglichkeit. Mein Glück war nur, das der deutsche Gewichtheberverband zu dem Zeitpunkt auch etwas Schwierigkeiten hatte und viele Talente noch sehr jung waren. Somit passte ich auch gut dazu.

[AP]: Mit deinem Olympiasieg 2008 in Peking bist du weltweit durch die Medien gegangen – vor allem natürlich durch die sehr persönliche und tragische Hintergrundgeschichte. Wie hast du das damals erlebt?

[MS]: Als Olympiasieger eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen, war vielleicht noch zu erwarten, aber es hörte einfach nicht auf. Im Gegenteil, die Anfragen wurden immer mehr, und ich wusste irgendwann nicht mehr, in welchem Hotel und welcher Stadt ich wach wurde. Das war schon sehr verrückt, aber im Nachhinein betrachtet war das mehr als nur eine ersehnte Heldenstory. Menschen haben mich in ihr Herz geschlossen, und ich sie. Der Austausch auf unterschiedlichster Ebene ging jahrelang und bis heute suchen Menschen Kontakt zu mir, um sich auszutauschen. Das tut mir aber auch gut und ich lerne aus jeder Begegnung wieder etwas.

„Olympiasieger wird man schließlich auch nicht über Nacht. Man sollte jede Stufe der Treppe gehen – und nicht versuchen, alle auf einmal zu überspringen.“
Matthias Steiner
Matthias Steiner

[AP]: Wie hat sich dein Leben nach Peking verändert?

[MS]: Es gibt ja nie die eine Richtung im Leben, aber Peking hat tatsächlich alles auf den Kopf gestellt. Ich war plötzlich in der Öffentlichkeit, durfte herausragende Persönlichkeiten kennenlernen, habe wieder neue Chancen und Möglichkeiten erhalten, etwas zu tun und ich habe meine Frau Inge kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Nicht der Mensch Matthias war neu, aber mein dazugehöriges Leben.

[AP]: Die Verletzung bei den Olympischen Spielen 2012 in London markierte faktisch dein Karriereende. Wie schmerzhaft war dieser Abschied – und gab es Gedanken an ein Comeback?

[MS]: Dreimal bei Olympischen Spielen teilzunehmen, ist im Gewichtheben schon ordentlich. Ein viertes Mal stand nicht mehr auf dem Zettel. Natürlich hatte ich mir den Abgang anders vorgestellt und ich wollte dann noch unbedingt 2013 bei der EM erfolgreich abschließen. Die Geburt meines 2. Sohnes Max hat mich dann auf den Boden der Tatsachen gebracht, und ich musste ehrlich zu mir selber sein, was mir dann wichtiger ist: Sport oder Familie.

[AP]: 150 Kilogramm Körpergewicht waren notwendig für deine Sportlerkarriere, aber danach eben nicht mehr – war von jeher geplant, dieses Gewicht dann zu verlieren?

[MS]: Das war tatsächlich schon beim Zunehmen geplant. Noch dazu hatte unser Bundestrainer, Frank Mantek immer darauf geachtet, dass ich nicht nur in legeren Sportanzügen rumlaufe, sondern mich ordentlich kleide, um mich nicht an das bequeme zu gewöhnen. Sonst fällt es einem schwerer abzunehmen, wenn es keine Notwendigkeit dazu gibt.

[AP]: Was war mental schwerer: das Gewicht für den Sport aufzubauen – oder später 45 Kilo wieder abzunehmen?

[MS]: Tatsächlich war das Zunehmen schwieriger, da es in kurzer Zeit geschehen musste und gleichzeitig mit dem Aufbau von weiterer Muskelmasse. Die ersten 10-15 kg waren einfach, aber dann war es schon Essen-müssen. Und nach dem dritten Teller Pasta bei einer Mahlzeit spricht niemand mehr von Genuss.

[AP]: Wie sehr hat diese körperliche Transformation dein Selbstbild verändert? War der neue Körper auch ein neues Leben?

[MS]: Definitiv nein, denn den „schlanken“ Körper hatte ich ja 21 Jahre lang vorher schon. Es war einfach nur pure Freude wieder Standardkleidung kaufen zu können, die dann auch noch gut aussieht. Aber ich habe mich in beiden Körpern wohlgefühlt, in dem schweren auch, weil ich ja leistungsfähig war. Aber es wäre nie ein Dauerzustand für mich gewesen.

[AP]: TV-Shows wie „Let’s Dance“ oder „Schlag den Star“ zeigen dich von einer ganz anderen Seite. Warum hast du diese Bühne gesucht – und gab es Projekte, die du im Nachhinein bereust?

[MS]: Gesucht habe ich das definitiv nicht. Let´s Dance musste um mich kämpfen. 😊 Drei Jahre lang habe ich verneint, und erst als ich schlank war, habe ich mich von meiner Frau überreden lassen. Das kam nicht von mir, weil ich wusste, dass ich nicht tanzen kann. Ich bereue sicher nichts, denn auch diese Erfahrungen machen das Leben aus. Sonst wäre es doch langweilig.

[AP]: Haben dir die Medien über die Jahre mehr gegeben – oder mehr genommen?

[MS]: Mit Sicherheit mehr gegeben. Ich hatte aber das Glück, noch vor Social Media bekannt zu werden. Dieser alles von sich preisgebende Druck war einfach nicht da, sondern es war einfach Print und TV. Es waren viele tolle Sendungen und Artikel über die Jahre, bei den ich mitwirken durfte.

[AP]: Wann wurde aus deiner persönlichen Ernährungsumstellung eine unternehmerische Idee?

[MS]: Nachdem meine Frau Inge und ich im Jahre 2015 den Ernährungsbestseller „Das Steiner Prinzip“ herausbrachten, war ich ein gutes Jahr auf Lesereise damit. Ich konnte dabei so viele Eindrücke sammeln und die Quintessenz war, dass die Leser es zwar verstanden hatten, wie nachhaltiges Abnehmen funktioniert, sie wollten aber ein einfaches „Werkzeug“ dazu. Das hatten wir damals zwar schon in Form von Low-Carb Broten, aber es waren Prototypen für meine Abnehmreise und noch nicht in Masse produzierbar. Somit entstand 2016 die unternehmerische Idee, aber es sollte noch Jahre dauern, bis wir einen Produzenten gefunden hatten und 2020 dann unser Unternehmen gegründet haben.

[AP]: Wie wichtig war der Auftritt mit STEINERfood bei „Die Höhle der Löwen“ – und wie sehr trägt deine persönliche Geschichte zum Markenerfolg bei?

[MS]: DHDL kann immer ein Sprungbrett in den Markt sein. Wir wollten aber erst dann in die Sendung, wo klar war, dass wir alles stemmen können. Produktionsmengen, Qualität, Produktportfolio, IT, usw…Die Sendung hilft sehr, du musst aber auch gut vorbereitet sein.

[AP]: Ist STEINERfood auch ohne die Marke „Matthias Steiner“ denkbar?

[MS]: Mittel- bis langfristig ist das denkbar. Mein Name erleichtert allerdings die Erklärung zu den Produkten ungemein. Viele wissen: Der war mal schwer, jetzt ist er schlank. Wir leisten ja Pionierarbeit, und da gibt es immer wieder Erklärungsbedarf, wenn etwas neu ist. Aber mit unserem wachsenden Kundenstamm wird das Verständnis für Low-Carb immer größer und dafür, warum Eiweiß und Ballaststoffe wichtig sind. Das Thema nimmt ja erst Fahrt auf, seitdem klar ist, dass die Abnehmspritzen auch nicht ohne Nebenwirkungen sind. Wichtig ist, dass wir uns als STEINER´s treu bleiben: Unsere Produkte sind echt Low Carb.

[AP]: Was unterscheidet STEINERfood aus deiner Sicht von anderen Low-Carb-Anbietern?

[MS]: Wir haben verzehrfertige Produkte, wie Brötchen und Brote. Andere Low-Carb-Anbieter bieten häufig nur Backmischungen an. Zudem schmecken unsere Backwaren wie herkömmliche Produkte aus Weizen. Das ist auch einzigartig. Hier stecken viele Jahre Entwicklungsarbeit dahinter. Durch die Bank sorgen unsere Produkte, dafür dass der Blutzuckerspiegel nicht Achterbahn fährt. Das kann ich als Diabetiker testen. Alle Produkte sind von mir mitentwickelt und getestet.

[AP]: Wie gehst du mit Kritik an Low-Carb-Ernährung um?

[MS]: Kritik an Low-Carb-Ernährung richtet sich meist gegen einseitige, sehr fettreiche und ballaststoffarme Konzepte, die schwer dauerhaft durchzuhalten sind und langfristig zu Jo-Jo-Effekten oder Nährstoffmängeln führen können. Auf uns trifft das nicht zu, weil wir keine Kohlenhydrate pauschal streichen, sondern nur stark blutzuckersteigernde reduzieren und stattdessen gezielt viele Ballaststoffe, hochwertiges Eiweiß und alle essenziellen Nährstoffe integrieren. Unsere Produkte stehen nicht für Verzicht, sondern für eine ausgewogene, sättigende und langfristig praktikable Ernährung. Es geht bei uns auch nicht um eine klassische Diätform, sondern um Lebensmittel, mit denen man bewusst Kohlenhydratpausen
einlegen kann. Der Körper kommt schließlich nicht in die Fettverbrennung, wenn permanent Insulin im Blut ist. Am Liebsten sind mir die Ärzte, die statt Low-Carb eine Mittelmeerkost propagieren. Das ist am Ende das Gleiche. Neben viel Fisch, guten Fetten sind es vor allem weniger Kohlenhydrate. Das meinte ich vorhin mit Erklärungsbedarf.

[AP]: Wo siehst du die größten unternehmerischen Chancen – und wo die größten Risiken deines Geschäftsmodells?

[MS]: Ein großer Vorteil unserer Produkte ist, dass kein Jo-Jo-Effekt eintritt. Das bestätigen uns viele langjährige Kundinnen und Kunden, die uns genau aus diesem Grund treu bleiben. Protein ist inzwischen ein dauerhaft etabliertes Thema, hinzu kommt der wachsende Fokus auf Ballaststoffe. Aktuell zeigt sich das unter anderem im TikTok-Trend „Fibermaxxing“, also der bewussten Maximierung der Ballaststoffzufuhr, weil das Mikrobiom immer stärker in den Mittelpunkt rückt.
Die Herstellung unserer Produkte ist technisch anspruchsvoll. Das macht sie für viele andere Unternehmen unattraktiv und stellt für uns einen klaren Wettbewerbsvorteil dar. Eine Herausforderung ist allerdings, dass „Low Carb“ kein geschützter Begriff mit klaren Grenzwerten ist. Dadurch werden sehr unterschiedliche Produkte unter dem gleichen Claim vermarktet, obwohl die Nährwerte stark variieren. Ein höherer Kohlenhydratanteil bedeutet in der Regel geringere Herstellungskosten. Viele orientieren sich leider vor allem am Preis und weniger daran, ob ein Produkt für ihren Körper tatsächlich die bessere Wahl ist. Risiken gibt es im Lebensmittelbereich grundsätzlich, insbesondere durch schwankende Rohstoffverfügbarkeiten und stark volatile Preise, die eine vorausschauende Planung anspruchsvoll machen.

[AP]: Was hat dir der Einstieg eines Investors wirklich gebracht – und wie viel Kontrolle gibst du als Gründer bewusst ab?

[MS]: Aktuell sind wir noch bewusst bootstrapped. Mir ist es wichtig, nachhaltig und mit überschaubarem Risiko zu wachsen. Viele Start-ups skalieren mithilfe von Investoren sehr schnell und verbrennen sich dabei die Finger.
Olympiasieger wird man schließlich auch nicht über Nacht. Ich sage immer: Man sollte jede Stufe der Treppe gehen – und nicht versuchen, alle auf einmal zu überspringen. Gleichzeitig schließe ich nicht aus, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt auch über externe Partner nachdenken.

[AP]: Strebst du langfristig Wachstum, einen Exit oder eher Stabilität an?

[MS]: Wachstum ist für jedes Unternehmen wichtig. Allerdings musst du dich irgendwann entscheiden, ob es schnell gehen soll, um die Nr.1 im Markt zu sein, mit allem Risiko, oder ob ein gesundes Wachstum nicht besser wäre. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden. Es bleiben ja immer noch genug Risiken, die wir nicht genau kalkulieren können.

[AP]: Was treibt dich heute mehr an: Erfolg, Sinn oder Ruhe?

[MS]: Dass ich erfolgreich sein kann, habe ich mir selbst und auch der Öffentlichkeit bereits bewiesen. Sinn ist für mich heute der entscheidende Antrieb. Ich möchte, dass Menschen etwas von dem haben, was ich mache.
Einfach nur weiterhin Matthias Steiner zu sein, ist mir zu wenig. Ich möchte Menschen helfen, mit meinen Lebensmitteln ein fitteres und gesünderes Leben führen zu können.

[AP]: Und zum Schluss: Was möchtest du, dass man eines Tages über Matthias Steiner sagt – jenseits von Medaillen und Marken?

[Matthias Steiner]: Dazu hatte ich schon viel zu tolle Begegnungen mit so vielen Menschen, die sich von meinem Weg motivieren ließen. Wenn sich weiterhin Menschen an meinem Tun orientieren können, habe ich alles erreicht. Dann brauche ich auch keinen bestimmten Nachruf mehr.

[André Patrzek]: Danke Matthias für dieses offene und tiefgehende Gespräch. Dein Weg zeigt eindrucksvoll, dass wahre Stärke nicht nur auf dem Podest entsteht, sondern in der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.