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Karriere ohne Boxenstopp: Vanessa Mientus baut Formel-1-Pisten

Vanessa Mientus
Carlos Álvarez-Montero
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit10 Min · 1.973 Wörter

Vanessa Mientus sitzt in einem kleinen, aufgeheizten Baucontainer und beugt sich über die ausgebreiteten Pläne. Um sie herum: nichts. Bloß Brache und Baustelle. Mientus’ neuer Arbeitsplatz seit wenigen Wochen. Hier, mitten im staubigen Nirgendwo, 30 Kilometer südwestlich von Mexico City, kurz vor der 500. 000-Einwohner-Stadt Toluca, baut sie eine neue Rennstrecke. Nicht irgendeine: Sie baut das México Speedway Drive Resort, einen privaten Luxus-Circuit, exklusiv für 600 Clubmitglieder. Einen Spielplatz für Millionäre und Milliardäre. Noch ist davon nichts zu erkennen. Noch sind bloß erste Bagger angerückt, und ein paar Arbeiter wuseln auf dem Gelände umher. Aber mittendrin Vanessa Mientus, die coole Deutsche in Lederjacke und Nikes. Eine 38-jährige Frau, die schon an den großen Formel-1-Kursen der Welt mitgearbeitet hat.

Der Bau von Rennstrecken, das muss man vielleicht dazusagen, ist eine der Königsdisziplinen der Baubranche. Ein Großprojekt wie ein Flughafen, ein Bauwerk, das einen ganzen Landstrich prägt. Das Komplizierte daran: Fast alle neuen Rennstrecken werden des Lärms und der Größe wegen mitten in der Pampa hochgezogen. Weshalb erst mal eine komplette Infrastruktur samt Zufahrtsstraßen und Stromversorgung angelegt werden muss. Und dann muss da der Masterplan erstellt werden, eine riesige Gesamtplanung, die neben der Rennpiste selbst auch die Konzeption der Venues beinhaltet: Wohin kommen die Getränkebuden? Wohin die Umkleiden? Wo werden die Glasfaserkabel für den Pressezirkus verlegt? Wie wird der Sicherheitszaun platziert? Und wie können die Tribünen bei einem Gewitter innerhalb von acht Minuten geräumt werden, ohne dass eine Massenpanik entsteht? „Autorennen ist wie Olympia“, sagt Mientus. „Nur auf einem höheren technischen Level.“ Kurz: Die Komplexität ist enorm.

Überhaupt habe sich der Anspruch der Besucher stark verändert, erklärt Mientus. Sie wollen nicht mehr nur das Rennen verfolgen. Sie erwarten Rundum-Entertainment. „Vor 30 Jahren hat man den Zuschauern Getränke und etwas zu essen gestellt. Mittlerweile tritt Justin Timberlake an so einem Formel-1-Wochenende auf. Das muss erst mal gestemmt werden“, sagt Mientus.

Ein paar Runden und dann Party

Hier, im México Speedway Drive Resort, ist Mientus die Bauleiterin. Sie ist die Schnittstelle zwischen den Investoren, die eigentlich nichts mit Autorennen am Hut haben, dem Bauunternehmen und den Dienstleistern. Ihre Aufgabe: „Ich habe immer den Masterplan im Kopf“, sagt sie. „Ich finde die Fehler, damit das Ganze operativ funktioniert.“ Das Design der Piste selbst – wo welche Kurve mit welchem Gefälle asphaltiert werden soll – stand schon, als Mientus den Job übernahm. Der Masterplan auch – theoretisch. Aber sie warf ihn bald über den Haufen, denn vieles passte einfach nicht zum Ort. Viele Details wird Mientus ohnehin erst während des Baus festlegen.

Einmal fertig, soll das 35 Hektar große Areal eine 3,8 Kilometer lange Rennpiste beherbergen, drumherum 45 Luxusvillen. Erst können die Rich Kids ihre Porsches, Lamborghinis und Ferraris legal ausfahren, anschließend ordentlich Party machen. Ein Traum für die autoverrückte Jeunesse dorée. Wie kommt man zu so einem Projekt?

2007, Aachen. Vanessa Mientus ist gerade mit ihrem Architekturstudium fertig und sucht einen Job. Sie will raus aus der Kleinstadt, raus aus der Ödnis – doch dann bekommt sie ein Angebot von einem renommierten Aachener Unternehmen, das viele internationale Hotels, Malls und Krankenhäuser baut, vor allem aber der Weltmarktführer im Rennstreckenbau ist. Abu Dhabi, Malaysia, Bahrain, Austin – fast alle neueren Formel-1-Strecken stammen von diesem einen Unternehmen. Verlockend. Also entscheidet Mientus, erst einmal in Aachen zu bleiben.

©Carlos Álvarez-Montero

Plötzlich dreht sich damit alles in ihrem Leben um Autos, Kurven und Asphalt. Viel Verantwortung – und eine krasse Herausforderung für Mientus, die bis dahin nicht den blassesten Schimmer von Autorennen hatte. Oft muss sie nachfragen, sogar bei Kleinigkeiten, und macht sich damit mehrmals zum Horst, wie sie es selbst formuliert. Zum Beispiel, als sie in einer großen Besprechung fragen muss, wie die „rot-weißen Dinger“ am Rand der Rennpiste heißen. Curbs. Mientus ist die Blamage egal, sie fuchst sich rein, will alles ganz genau wissen, bis sie auch das letzte Detail verstanden hat.

Was Mientus’ Arbeit zusätzlich erschwert, ist die simple Tatsache, dass sie eine Frau ist. Frauen sind nicht nur in der Formel 1, sondern auch im Rennstreckenbau selten. Da brauche es ein starkes Selbstbewusstsein, sagt Mientus. Die meisten behandeln sie von oben herab, zweifeln ihre Kompetenz an, nicht selten wird sie für jemandes Assistentin gehalten. Es ist ein nerviger, kräftezehrender Kampf. Zwar kennt sie diese Zweite-Klasse-Behandlung inzwischen nur zu gut und kann mit einem flotten Spruch reagieren, aber dran gewöhnt hat sie sich immer noch nicht. „Da verkneifst du dir nach der Arbeit auch mal eine Träne im Auto“, sagt sie. „Aber das alles macht mich nur noch stärker.“

Eine Rennstrecke ist ein wahnsinnig komplexer Bau, erklärt Mientus. „Du hast superviele unterschiedliche Ebenen, und es macht Spaß, die zum Schluss zusammenzusetzen. Das ist wie ein großes Puzzle.“ Eine Herausforderung, die sie lieben lernt. Als am 1. November 2009 das erste Mal Formel-1-Boliden über den Yas Marina Circuit in Abu Dhabi brettern, der ersten Rennstrecke, an der Mientus mitgearbeitet hat, sitzt sie in Aachen vorm Fernseher – und ist furchtbar stolz. Ein Wahnsinnsgefühl, sagt sie, zu sehen, wofür man nächtelang durchgearbeitet hat. Und trotzdem bleibt da dieser eine Gedanke: Vielleicht sollte sie doch mal raus aus Aachen, raus in die Welt?

Die Deutsche und das Mañana

Als die Chance kommt, ist Vanessa Mientus erst einmal baff. Es ist Frühjahr 2014, sie sitzt in einem Meeting und fällt aus allen Wolken: Sie soll nach Mexico City umziehen, und zwar sofort. Das Autódromo Hermanos Rodríguez, auf dem früher der Große Preis von Mexiko stattfand, soll nach über 20-jähriger Pause wieder flottgemacht und auf den neuesten Stand gebracht werden. Mientus zögert. Sie wollte weg, ja, war sogar für kurze Zeit aus dem Geschäft mit den Rennstrecken ausgestiegen und nach New York gegangen. Aber Mexiko? Es hilft nichts: Wenn sie in ihrem Business vorankommen will, muss sie die Koffer packen.

Die ersten Tage in Mexico City sind überwältigend: Das Land ist laut, bunt und warm. Die Leichtigkeit steckt ­Mientus schnell an, einerseits. Andererseits muss sie erst lernen, dass in Mexiko nicht alles so funktioniert wie in Aachen. Oft muss sie feststellen, dass die mexikanische Mañana-Mentalität nicht unbedingt mit ihren akkuraten Ansprüchen zusammengeht. Und: Das Potenzial für Verpeiltheit ist relativ hoch. „Wenn ich eine E-Mail schreibe, damit etwas in 48 Stunden erledigt wird, aber nach zwölf Stunden immer noch nichts passiert ist, springt mein Herz jedes Mal ein bisschen höher“, sagt Mientus. Aber sie lernt damit umzugehen, entsprechend zu planen und einzuschätzen, welches Sí wirklich Ja und welches Sí eher „mal sehen“ bedeutet.

Als die Umbauarbeiten an der Strecke in Mexico City abgeschlossen waren und das Formel-1-Rennen beendet ist, soll Mientus zurück nach Aachen. Eigentlich. Denn so wenig sie anfangs nach Mexiko wollte, so wenig möchte sie das Land nun verlassen. Mitten im dunklen, verregneten November landet sie wieder in Deutschland. Draußen ist es kalt und neblig, die Bäume tragen kaum Blätter. Mientus sitzt an ihrem alten Schreibtisch und starrt aus dem Fenster. Sie ist gelangweilt – von der Arbeit, der Stadt, der winterlichen Tristesse. Sie vermisst Mexiko. Die Rückkehr fühlt sich an wie ein Rückschritt. Also fängt sie an, nach Jobs in Mexiko zu suchen. Nur: Einen zu finden ist gar nicht so einfach, der Markt ist klein. Wenn überhaupt, werde nur alle ein bis zwei Jahre eine neue Strecke gebaut, sagt Mientus. Weshalb die millionenschweren Projekte sehr umkämpft sind. Die Konkurrenz in der Branche ist enorm, ebenso Neid und Missgunst. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Projekte aufgrund von Naturkatastrophen, Kriegen und sinkenden Goldpreisen häufig auf Eis gelegt werden. Schließlich wurden Formel-1-Strecken zuletzt häufig in politisch wackeligen Ländern gebaut, Staaten, die sich mit so einem Prestigeprojekt global beweisen wollen. Aber dann ist da plötzlich dieses Angebot: den Bau einer Rennstrecke leiten. In Mexiko. Mientus’ Traum.

1,5 Jahre arbeitete Mientus am Umbau des Formel-1-Kurses in Mexico City. ©Carlos Álvarez-Montero

Sofort bewirbt sie sich als Bauleiterin beim México Speedway Drive Resort – und bekommt den Job. Denn sie ist gut in dem, was sie tut, hat beste Referenzen. Und sie kann gut mit Menschen, pflegt ihre Kontakte, hat es inzwischen raus, wie man sich in dieser von Boys’ Clubs und Männernetzwerken geprägten Branche durchsetzt. Vor allem aber brennt sie für ihre Arbeit. Und trotzdem fällt ihr die Entscheidung für den Traumjob nicht leicht: „Ich war 35, und während alle in Deutschland heirateten, Kinder kriegten, Häuser bauten, habe ich mir überlegt, ich ziehe nach Mexiko – und habe da noch nicht mal einen Stuhl.“ Doch sie wagt den Schritt.

Wunde Füße, staubige Lunge

Die Entscheidung war richtig. Seit zwei Jahren ist Mientus zurück in Mexico City, hat in dieser Zeit den Bau des Luxus-Rennclubs vorbereitet – und seit September laufen nun endlich die Bauarbeiten. Der Job ist auch ein Seitenwechsel in der Branche: Vorher beim Unternehmen war sie immer in der Rolle des Dienstleisters, jetzt koordiniert sie im Namen der Auftraggeber die Arbeit genau solcher Firmen. Und zwar ganz alleine, ohne ein spezialisiertes Team im Rücken, mit dem sie sich jederzeit absprechen kann.

Dazu hat Mientus einen zweiten neuen Job: Parallel zum Bau des Rennclubs leitet die 38-Jährige die Track Operations des Autódromo Hermanos Rodríguez, der Formel-1-Strecke in Mexico City, an deren Umbau sie damals selbst mitgearbeitet hatte. Dort muss Mientus dafür sorgen, dass vor einem Rennen alles den Standards der Königsklasse des Rennsports entspricht, vor allem in puncto Sicherheit. Auch diese Arbeit macht sie zum ersten Mal ganz allein – und ist vor jedem Rennen unsagbar nervös. „Da geht dir der Arsch auf Grundeis. Die Verantwortung ist extrem hoch. Es ist auch egal, wie viel dir gezahlt wird, das kann man mit Geld nicht aufwiegen.“ Darum überprüft sie alles, woran sie arbeitet, tausendmal, von allen Seiten, bis sie sich wirklich sicher sein kann, dass alles korrekt ist.

Worüber sich Mientus gerade am meisten freut: Sie hat endlich wieder ihren Container auf der Baustelle bezogen. Sie stapft über das Gelände, verzeichnet Baufortschritte, koordiniert ein großes Team. „Es ist viel abwechslungsreicher auf der Baustelle. Wenn einem die Arbeit am Computer reicht, geht man einfach raus, kontrolliert die Arbeit der anderen, macht Fotos, schreibt Protokoll.“

Harte Arbeit

Sosehr Mientus von ihrer Arbeit schwärmt – ein bequemer Job ist es nicht. „Streckenbau ist wirklich anstrengend. Es ist staubig, es ist dreckig, es ist harte Arbeit, auch wenn man selbst nicht direkt mitbaut.“ Und ermüdend – täglich legt Mientus viele Kilometer zu Fuß in der prallen mexikanischen Sonne zurück, die Baustelle ist riesig.

In gut einem Jahr soll das México Speedway Drive Resort fertig sein, anschließend wird Mien­tus auch dort die Track Operations übernehmen. Sie wird bestimmen, wie die Strecke genutzt wird, in welchen Abständen, mit welchen Regularien. Was danach noch kommen soll? Mien­tus winkt ab. Darüber will sie erst nachdenken, wenn das Drive Resort durch ist. Vielleicht schreibt sie endlich ihre Dissertation in Architektur fertig, die seit Jahren auf ihrem Schreibtisch liegt. Sicher ist aber: Es wird etwas mit Asphalt sein. „Asphalt ist an sich eigentlich nicht spannend“, sagt Vanessa Mientus. „Aber ich merke, dass mein Herz dabei aufgeht.“ Ob Hamilton oder Vettel gewinnt, ist ihr trotzdem noch herzlich egal.

Der Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe 05/18. Im Titel erzählen wir von Bitcoin-Wunderkind Marco Streng, der den globalen Krypotowährungsgiganten Genesis Mining aufgebaut hat. Außerdem: In unserem Dossier „Streaming“ widmen wir uns der Technologie, die die Entertainment-Branche einmal komplett umgekrempelt hat. Weitere Infos gibt es hier.

Portrait Tanja Lemke

Tanja Lemke

Tanja ist ehemalige Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.