Vermögensverwaltung: Die Schweiz liegt jetzt in Hongkong
Hongkong verwaltet laut einer neuen Studie erstmals mehr grenzüberschreitendes Vermögen als die Schweiz, während Privatbanken europaweit mit schrumpfenden Margen kämpfen.
Die Londoner Investmentbank Anglo-Suisse Capital beziffert in ihrer Studie „Too Rich, Too Thin? Richer Clients, Thinner Margins“ das grenzüberschreitende Vermögen in Hongkong für 2025 auf 2,95 Billionen Dollar, knapp vor der Schweiz mit 2,94 Billionen Dollar. Für 2026 erwartet das Institut, dass sich der Abstand weiter vergrößert.
Laut dem Global Wealth Report 2026 der Boston Consulting Group sollen die Hongkonger Offshore-Vermögen bis 2030 auf einen Vorsprung von knapp 600 Mrd. Dollar gegenüber der Schweiz anwachsen. Gleichzeitig wächst das Gesamtvermögen vermögender Privatkundschaft laut Anglo-Suisse auf einen Rekord von 98,3 Billionen Dollar, während die Ertragsmarge europäischer Privatbanken von 76 auf 73 Basispunkte sinkt. Der Umbruch trifft einen Finanzplatz, der sich lange auf seine Stabilität verlassen konnte.
China treibt den Machtwechsel
Hinter dem Hongkonger Aufstieg steht vor allem das Festland. Laut BCG legten die dort gebuchten Offshore-Vermögen 2025 um 10,7 Prozent auf rund 2,9 Billionen Dollar zu, getrieben von Kapitalzuflüssen aus China, einem erholten lokalen Aktienmarkt und einem wiederbelebten Börsengangsmarkt, wie Bloomberg laut der Studie berichtet.
Die Zahl der Single Family Offices stieg zwischen 2023 und Ende 2025 um 25 Prozent auf 3.384, laut einer von der Hongkonger Regierung beauftragten Umfrage. Während Hongkong und Singapur vor allem asiatisches Geld bündeln, bleiben Schweiz, USA und Großbritannien die zentralen Adressen für Vermögen aus Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Für den europäischen Private-Banking-Markt bedeutet das: Das Wachstum findet zunehmend woanders statt, während das europäische Geschäft reift und stagniert.
Kundenloyalität bröckelt spürbar
Die Studie zeigt einen zweiten, strukturellen Bruch: Nur noch 19 Prozent der Vermögenden nutzten 2025 ein einziges Wealth-Management-Haus, 2019 waren es noch 39 Prozent. Anglo-Suisse erwartet, dass der Anteil dauerhaft unter einem Fünftel bleibt und Banken Kundschaft künftig eher zukaufen als organisch gewinnen. „Private Kund:innen waren nie reicher, doch sie verteilen ihr Geld auf mehr Häuser und die Banken verdienen weniger daran“, sagte Anglo-Suisse-Chef Charles Hancock demnach.
Für deutsche und Schweizer Vermögensverwalter ist klar, dass Wachstum über Konsolidierung statt über neue Kundenbeziehungen wahrscheinlicher wird, was den Druck auf mittelgroße Häuser erhöht, die bislang auf organische Expansion gesetzt haben. Die Branchenlage bleibt uneinheitlich, wie das Beispiel Julius Bär zeigt: Die Bank meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Rekordgewinn von 673 Mio. Franken bei einer Bruttomarge von 87 Basispunkten.
Krypto und KI als Hebel
Anglo-Suisse sieht Krypto als Wettbewerbsfaktor der kommenden Jahre: Partnerschaften zwischen Banken und Krypto-Firmen sollen laut Studie der Hauptweg bleiben, mehr Krypto-Anbieter dürften lizenzierte Banken übernehmen als umgekehrt.
Bei Künstlicher Intelligenz fällt das Bild gemischt aus: Die Bank of Singapore verkürzte laut den zitierten Daten die Erstellung eines Herkunftsnachweises für Vermögen von zehn Tagen auf eine Stunde, doch 76 Prozent der Schweizer Privatbanken erwarten demnach im kommenden Jahr keine oder nur geringe Kosteneinsparungen durch KI.
Anglo-Suisse weist selbst darauf hin, dass die zugrunde liegende Erhebung nur öffentlich verfügbare Informationen zu 270 Privatbanken in neun Buchungszentren auswertet und die USA ausklammert; zudem berät die Bank selbst bei Fusionen, was ein kommerzielles Eigeninteresse an der Konsolidierungsthese nahelegt.
Business Punk Check
Der Machtwechsel ist belegt, nicht nur behauptet: Zwei Zahlen, 2,95 gegen 2,94 Billionen Dollar, trennen Hongkong und die Schweiz und BCG sieht die Lücke bis 2030 auf fast 600 Mrd. Dollar wachsen. Das ist für Genf und Zürich ein Signal, dass europäisches Private Banking auf einen reifen Markt mit sinkenden Margen zusteuert, während das eigentliche Wachstum nach Asien wandert.
Offen bleibt, wie europäische Häuser auf bröckelnde Kundenloyalität und Krypto-Druck reagieren. Die Studie stammt von einer Bank, die an Fusionen in genau diesem Markt mitverdient, die zugrunde liegenden Zahlen zu Vermögen und Margen sind davon unabhängig belastbar. Welche Schweizer oder deutschen Häuser zu Käufern, Verkäufern oder Partnern werden, entscheidet sich in den kommenden Quartalen.
Auf einen Blick
- Hongkong verwaltete 2025 laut Anglo-Suisse Capital mit 2,95 Billionen Dollar erstmals mehr grenzüberschreitendes Vermögen als die Schweiz mit 2,94 Billionen Dollar.
- Die Ertragsmarge europäischer Privatbanken sank von 76 auf 73 Basispunkte, während das Gesamtvermögen Wohlhabender auf 98,3 Billionen Dollar stieg.
- Nur noch 19 Prozent der vermögenden Kundschaft nutzen ein einziges Wealth-Management-Haus, 2019 waren es noch 39 Prozent.
- BCG erwartet, dass der Vorsprung Hongkongs gegenüber der Schweiz bis 2030 auf fast 600 Mrd. Dollar wächst.
Quellen: Trendingtopics, KI-unterstützt