BusinessPunk Voices Meine Vorhersagen für KI 2026

Meine Vorhersagen für KI 2026

Ich tue mich mit Vorhersagen schwer. 2018 hatten wir in meinem damaligen KI-Startup gerade GPT-2 getestet. Mein Urteil: „Aus denen wird nie was.“ Klingt dilettantisch – ist aber womöglich gealtert wie Wein.

Acht Jahre später sitze ich hier und schreibe meine erste Kolumne für 2026. Das Thema? Vorhersagen. Die Ironie ist mir bewusst.

Eine davon: OpenAI wird massiv Marktanteile verlieren.

Ich hab noch fünf weitere. Los geht’s – Ende des Jahres rechnen wir ab.

  1. Governance wird Chefsache. Gerade entstehen KI-Agenten in Unternehmen wie im Wilden Westen. Jede Abteilung baut, was sie braucht. IT hat längst den Überblick verloren. Und dann kommt im August der EU AI Act mit voller Wucht. Aber der eigentliche Sinn von Governance ist nicht Compliance. Der eigentliche Sinn ist: mitbekommen, wenn gerade fünf Abteilungen parallel denselben Reisekosten-Agenten bauen. Wer das als bürokratische Übung behandelt, hat nicht verstanden, worum es geht.
  2. Souveränität heißt Architektur. Die Frage Wo liegen meine Daten? wird strategisch. OpenAI verliert seinen First-Mover-Vorteil, während Microsoft und Google im Enterprise-Segment zulegen – sie sitzen bereits in der Infrastruktur. Gleichzeitig werden europäische Player sichtbarer. Für Führungskräfte heißt das: Souveränität ist keine Abschottung, sondern eine bewusste Entscheidung. Wo brauche ich Datenhoheit? Wo kann ich auf US-Anbieter setzen? Wer diese Fragen nicht beantwortet, überlässt die Entscheidung dem Zufall.
  3. Schatten-KI zwingt zum Führen. 72 Prozent der Unternehmen nutzen GenAI. Aber nur 23 Prozent haben ein System über die Pilotphase hinaus skaliert. Die Mitarbeiter sind längst weiter als die Strategie. Sie sparen mit ChatGPT täglich 40 bis 60 Minuten. Heavy User sparen zehn Stunden pro Woche. Der Druck kommt von unten – und er wird 2026 zur Führungsfrage.
  4. KI wird unsichtbar. Aus Chatbots werden autonome Agenten. Sie entwickeln Langzeitgedächtnis, lernen dazu, arbeiten mit anderen Agenten zusammen. Gleichzeitig verschwindet KI in den Hintergrund. Ambient AI erkennt Muster in E-Mails und Kalendern, schlägt proaktiv Termine vor, handelt ohne Befehl. Die Interaktion verschiebt sich: Weniger „Ich frage die KI“ – mehr „Die KI arbeitet für mich“.
  5. Der Arbeitsmarkt transformiert sich positiv. Entgegen der Dystopie werden wir mehr Jobs sehen, nicht weniger. Eine aktuelle Vanguard-Studie zeigt: In KI-exponierten Berufen stieg das Gehalt doppelt so stark wie im Durchschnitt. Die Nachfrage verfünffachte sich. Der Engpass ist nicht die Technologie. Der Engpass ist Reskilling der Belegschaft.
  6. Menschlichkeit wird zur Superkraft. Je mehr KI kann, desto wertvoller wird das, was sie nicht kann. Empathie. Urteilsvermögen. Echte Verbindung. Die Unternehmen, die gewinnen, verbinden Technologie und Menschlichkeit. Sie spielen beides nicht gegeneinander aus. Nett sein wird zum Alleinstellungsmerkmal. Crazy, dass ich das schreiben muss.

Das sind meine sechs Vorhersagen für 2026. Im Dezember schauen wir, was davon übrig bleibt. Da kann man sich bei KI nie sicher sein.
Aber eines weiß ich: Wer 2026 noch wartet, bis die Dinge klarer werden, wird es sehr schwer haben. Die Klarheit kommt nicht von selbst. Sie entsteht durch Entscheidungen und Handeln. In diesem Sinne: Frohes neues Jahr. Und viel Erfolg beim Loslegen.

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

Das könnte dich auch interessieren