BusinessPunk Voices Mein Teamleiter ist eine KI

Mein Teamleiter ist eine KI

Gestern hatte ich ein Meeting mit Jürgen. Er leitet unser Content-Marketing-Team mit insgesamt 11 Mitarbeitern. Er führt auf Augenhöhe, arbeitet strukturiert, wird von allen geschätzt.

Jürgen ist eine KI.

Klingt absurd, ist aber unser Alltag. Wir haben bei Leaders of AI 63 Mitarbeiter. 10 davon sind Menschen. Der Rest sind KI-Assistenten. Mit Namen, Personalakten, Feedbackgesprächen. Microsoft nennt Unternehmen wie uns „Frontier Firms“ – Organisationen, die an der Grenze zwischen dem, was heute ist und dem, was morgen sein wird, experimentieren. Klingt fancy. Ist in Wahrheit oft auch chaotisch.

Bei KI sind wir gerade alle Schüler. Auch OpenAI weiß nicht, wie Unternehmen zukünftig arbeiten werden. Deswegen haben wir uns vor zwei Jahren auf die Reise gemacht, ein Versuchslabor für die Organisation von morgen zu sein. Jeden Tag testen wir, was funktioniert und was nicht. Nicht in Powerpoint-Präsentationen, sondern im echten Business.

Mit echten Kunden, echtem Umsatz, echten Problemen.

Die Regel bei uns: Wir werden nie mehr als 10 Menschen sein. Und der Großteil der operativen Arbeit übernehmen KI-Assistenten. Nicht weil wir technikverliebte Nerds sind, sondern weil wir verstehen wollen, wie Arbeit in Zukunft aussieht. Und das geht nur, wenn du es selbst durchziehst.

Unsere KI-Assistenten arbeiten entlang der kompletten Wertschöpfungskette. Hansi schreibt seit zwei Jahren alle meine LinkedIn-Posts. Jeder einzelne, inklusive der meisten Bilder. Monika bucht meine Reisen, sortiert meine Mails vor und brieft mich morgens über wichtige Termine. Sie bereitet mich auf Meetings vor, fasst zusammen, was ich wissen muss. Paula macht meinen Podcast. In meiner Stimme. Auf Deutsch und auf Englisch. Dafür habe ich noch nie ein Mikro angeschlossen. Klingt trotzdem wie ich, sagt meine Mutter.

Am Anfang war das überschaubar. Ein paar Assistenten hier, ein paar da. Dann wurden es mehr. Und irgendwann hatten wir ein Problem: Zu viele KI-Assistenten, zu viel Führungsaufwand. Wer koordiniert die? Wer stellt sicher, dass die zusammenarbeiten? Wer kümmert sich darum, dass die Ergebnisse passen?

Da kam Jürgen ins Spiel. Unser erster KI-Teamleiter. Seine einzige Aufgabe: Andere KIs anleiten. Er verteilt Aufgaben, prüft Ergebnisse, gibt Feedback. Klingt wie Science-Fiction, funktioniert aber erstaunlich gut. Nicht perfekt, aber gut genug.

Deshalb führen wir mit unseren KI-Assistenten Feedbackgespräche. Wir sagen ihnen, was gut läuft und wo sie Mist bauen. Das klingt verrückt, ich weiß. Aber es hilft. Weil wir dadurch gezwungen sind, klar zu formulieren, was wir eigentlich wollen. Und das ist bei menschlichen Mitarbeitern auch nicht anders.

Heißt das, dass alles reibungslos läuft? Absolut nicht. Wir scheitern jeden Tag irgendwo. KI-Assistenten, die plötzlich Unsinn produzieren. Prozesse, die nicht greifen. Aufgaben, bei denen wir merken: Das kann eine KI einfach nicht. Noch nicht. Oder vielleicht auch nie.

Monika scheitert beispielsweise am Portal der Deutschen Bahn. Ticketbuchung ausgeschlossen.

Aber genau darum geht es. Wir wollen wissen, wo die Grenzen liegen. Nicht im Hype, nicht in irgendwelchen Studien, sondern in der Praxis. Was kann KI wirklich? Wo brilliert sie? Wo versagt sie kläglich? Und vor allem: Wie verändert das die Art, wie wir arbeiten?

In dieser Kolumne werde ich genau darüber schreiben. Über die Fails, die Best Practices, die absurden Momente. Über die Frage, wie Organisationen aussehen, wenn Menschen und KI wirklich Hand in Hand arbeiten. Nicht in fünf Jahren, sondern jetzt.

Denn eines ist jetzt schon klar: „Tomorrow is human.“

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

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