BusinessPunk Voices Warum Prompting 2026 tot ist

Warum Prompting 2026 tot ist

Letzte Woche saßen wir bei einem Konzern. 19.000 Mitarbeiter, Marktführer, die volle Nummer. Sie zeigen uns ihre Prompt-Bibliothek. Intern entwickelt, von Mitarbeitern für Mitarbeiter. Hunderte Prompts, die täglich genutzt werden sollen. Mit dem Glauben, dass das die Produktivität steigert und die KI-Kompetenz im Unternehmen verankert. Klingt erst mal smart.

Dann haben wir uns die Prompts angeschaut und die Qualität bewertet. Das Ergebnis: zwei, drei außergewöhnlich gute Prompts. Der Rest war eine Vollkatastrophe. Die Leute prompten auf einem Level, das heute keiner mehr braucht. Tricks aus der GPT-3.5-Ära, umständliche Formulierungen, die mehr verwirren als helfen. Wir mussten schmunzeln. Nicht weil wir uns lustig machen wollten, sondern weil wir genau dasselbe durchhaben.

Wir haben 2023 selbst ein Prompt-Framework entwickelt. Das ACTION®-Prinzip – studienbasiert, klar strukturiert. Es hat damals wirklich geholfen, bessere Ergebnisse aus ChatGPT rauszukitzeln. Wir waren überzeugt: Jeder muss lernen, richtig zu prompten.

Knapp drei Jahre später bleibt das Kernproblem: In Organisationen wird die Kompetenz zu prompten nie breit genug sein, um damit starke Ergebnisse zu erzielen. Der Großteil der Mitarbeiter ist nicht gut darin – und ehrlicherweise müssen sie das auch nicht sein.

Bei Leaders of AI lassen wir deshalb die KI die Prompts selbst schreiben.

Klingt paradox, ist aber logisch. Wir haben zum Beispiel Helga. Unsere KI-Recruiterin. Wenn wir einen neuen KI-Assistenten ins Team holen wollen, stellt Helga uns die typischen Personalfragen: „Welche Aufgaben sollen übernommen werden?“, „Wo im Unternehmen arbeitet der Assistent?“, „Welche Charaktereigenschaften soll dieser haben?“…

Aus den Antworten baut Helga dann den Prompt, der die Grundlage für diesen neuen Assistenten darstellt. Die Qualität liegt bei 90 bis 95 Prozent eines Prompt-Experten. Ohne dass wir stundenlang an Formulierungen feilen müssen.

Das Framework dahinter ist simpel: Wir haben Prompts strukturiert wie Stellenbeschreibungen. Rolle, Organisation, Aufgaben, IT-Zugriffsrechte, Persönlichkeitsprofil. Alles, was in einer ordentlichen Funktionsbeschreibung steht, packen wir in den Prompt. Und die KI kann das besser, als wir es könnten.

Heißt das, Prompting ist komplett tot? Jein.

Die eigentliche Kompetenz ist nicht, perfekte Prompts zu schreiben. Die eigentliche Kompetenz ist, einschätzen zu können, ob ein Ergebnis gut ist. Ob die KI verstanden hat, was du willst. Ob der Output taugt oder Quatsch ist. Das kann dir kein Framework beibringen. Das lernst du nur durch Erfahrung. Wie Führung eben auch.

Und je intelligenter die Modelle werden, desto weniger Tricks sind notwendig. GPT-3.5 war wie ein begriffsstutziger Praktikant. Da musstest du alles dreimal erklären und in die richtige Form gießen. Die neuesten Modelle sind wie erfahrene Kollegen. Die verstehen auch, wenn du mal einen schiefen Satz hinwirfst.

Die eigentliche Herausforderung besteht heute darin, gemeinsam mit KI unsere Anforderungen an Qualität oder Ergebnis wirklich explizit machen zu können.

Wahrscheinlich die Königsdisziplin der Führung.

Also hört auf, eure Leute in Prompting zu schulen. Bringt ihnen bei, wie sie andere Menschen und die KI führen müssen. Eine aktuelle Studie der Harvard Kennedy School zeigt genau das: Wer gut darin ist, KI-Agenten zu führen, ist auch gut darin, menschliche Teams zu führen. Erfolgreiche Leader – egal ob von Menschen oder KI – stellen mehr Fragen, führen echte Dialoge und hinterfragen Ergebnisse kritisch.

Prompting ist nicht die Zukunft. Führung ist es.

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

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