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Vom Tierschützer zum Krisenmanager: Mister Spex im Überlebenskampf

bei Mister Spex brennt die Hütte
Shutterstock bei Mister Spex brennt die Hütte
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Lesezeit4 Min · 734 Wörter

Tobias Krauss will den kriselnden Online-Optiker Mister Spex mit radikalem Strategiewechsel retten. Statt Wachstum um jeden Preis setzt er auf Profitabilität, Abo-Modelle und loyale Stammkunden.

Der Aktienkurs unter zwei Euro, Umsatzeinbruch von 13 Prozent, geschlossene Auslandsfilialen – bei Mister Spex brennt die Hütte. „Wir stecken in einer Krise“, räumt CEO Tobias Krauss unverblümt ein.

Der 49-jährige Manager, der seit April 2025 an der Spitze des einstigen Optik-Hoffnungsträgers steht, hat eine Mammutaufgabe vor sich: den radikalen Turnaround eines Unternehmens, dessen Börsenwert seit dem IPO 2021 von 25 Euro auf ein Zehntel geschrumpft ist.

Die ungewöhnliche Doppelrolle

Krauss ist kein typischer Sanierer. Der selbsternannte Tierschützer und Vegetarier aus dem Schwarzwald verbindet auf ungewöhnliche Weise Idealismus mit Wirtschaftspragmatismus.

„Ein Unternehmen ist keine Familie“, betont er nüchtern, wenn es um Business geht. Laut „FAZ“ bringt Krauss eine ungewöhnliche Perspektive mit: Als ehemaliger Leiter von Abacon Capital – dem Family Office der Hamburger Milliardärsfamilie Büll und Großaktionär bei Mister Spex – kennt er das Unternehmen aus Investorensicht bestens.

Vom Aufsichtsrat in die Chefetage

Der Weg an die Unternehmensspitze verlief alles andere als geradlinig. Nach dem Rücktritt des langjährigen Gründers Graber und einem turbulenten Machtkampf mit aktivistischen Aktionären übernahm Krauss zunächst den Aufsichtsratsvorsitz.

Wie „FAZ“ berichtet, folgte nach monatelangem Führungsvakuum der ungewöhnliche Schritt: Krauss wechselte selbst in die operative Verantwortung. „Eigentlich war das nicht mein Plan“, gesteht er, doch die Herausforderung habe ihn gereizt.

Strategischer Richtungswechsel

Die Strategie des neuen CEO markiert einen klaren Bruch mit der Vergangenheit. Statt Start-up-Mentalität und aggressiver Expansion setzt Krauss auf Mittelstandstugenden: Profitabilität, Stabilität und Kundenbindung.

Laut „FAZ“ zielt er auf loyale Stammkunden statt auf kurzfristige Rabattjäger. Das Unternehmen, das 2007 als reiner Online-Händler startete und dem stationären Platzhirsch Fielmann den Kampf ansagte, musste schmerzlich lernen: Die Deutschen kaufen ihre Brillen lieber im Laden nach einem persönlichen Sehtest.

Vom Online-Disruptor zum Omnichannel-Player

Die späte Einsicht in die Notwendigkeit physischer Präsenz – erst 2016 eröffnete Mister Spex den ersten eigenen Laden in Berlin – hat das Unternehmen teuer bezahlt. Unter Krauss‘ Führung soll nun ein Abo-Modell die Kundenbindung stärken und gleichzeitig für stabilere Einnahmen sorgen.

Der harte Sparkurs, der bereits 2024 eingeleitet wurde, umfasste die Schließung aller acht Auslandsfilialen. Wie „FAZ“ dokumentiert, begründet Krauss den jüngsten Umsatzrückgang mit der Reduzierung von Rabattaktionen und ineffizientem Online-Marketing – beides Maßnahmen, die langfristig die Profitabilität verbessern sollen.

Business Punk Check

Der Turnaround-Versuch bei Mister Spex offenbart ein klassisches Startup-Dilemma: Wer zu lange am Wachstums-Mantra festhält, verbrennt Kapital und verliert den Realitätscheck. Die Erkenntnis, dass Deutsche ihre Brillen lieber im Laden kaufen, kam für das Unternehmen Jahre zu spät. Das Abo-Modell könnte zwar für stabilere Cashflows sorgen, doch die Frage bleibt: Warum sollten Kunden sich an einen kriselnden Anbieter binden?

Der wahre Test wird sein, ob Krauss die Balance zwischen notwendigen Sparmaßnahmen und Investitionen in Kundenerlebnisse findet. Für mittelständische Optiker bietet die Krise bei Mister Spex eine wichtige Lektion: Digitalisierung allein reicht nicht – entscheidend ist das Verständnis für lokale Kundenbedürfnisse und die Kombination aus Online-Komfort und persönlicher Beratung.

Häufig gestellte Fragen

  • Warum scheiterte das ursprüngliche Geschäftsmodell von Mister Spex?
    Der Online-Optiker unterschätzte die kulturelle Komponente beim Brillenkauf. Deutsche Kunden bevorzugen persönliche Beratung und Anprobe im Laden. Der verspätete Einstieg ins Filialgeschäft (erst 2016) konnte den Rückstand gegenüber etablierten Anbietern wie Fielmann nicht mehr aufholen.
  • Welche Chancen bietet das neue Abo-Modell für den Mittelstand?
    Mittelständische Optiker können vom Abo-Ansatz lernen, ohne die Fehler von Mister Spex zu wiederholen. Erfolgreiche Modelle kombinieren regelmäßige Sehtests, Brillenversicherung und flexible Wechseloptionen mit persönlicher Beratung – ideal für eine alternde Gesellschaft mit steigendem Bedarf an Sehhilfen.
  • Wie können stationäre Optiker von der Mister Spex-Krise profitieren?
    Lokale Anbieter sollten jetzt ihre Stärken ausspielen: persönliche Beziehungen, Beratungsqualität und Sofort-Service. Gleichzeitig empfiehlt sich eine digitale Ergänzung durch Online-Terminbuchung, virtuelle Brillenanprobe und transparente Preisgestaltung – ohne den Fehler zu begehen, nur auf Preiskampf zu setzen.
  • Was bedeutet der Strategiewechsel für Investoren im E-Commerce-Bereich?
    Die Mister Spex-Krise zeigt, dass reines Online-Wachstum ohne nachhaltige Profitabilität zum Scheitern verurteilt ist. Investoren sollten bei E-Commerce-Unternehmen verstärkt auf Unit Economics, Kundenbindungsraten und realistische Omnichannel-Strategien achten, statt nur Umsatzwachstum zu belohnen.

Quellen: „FAZ“

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