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VW rettet sich mit Radikalkur: Bis zu 60.000 Jobs und vier Werke auf der Kippe

VW-CEO Oliver Blume
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | RONNY HARTMANN VW-CEO Oliver Blume
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Lesezeit4 Min · 866 Wörter

Der VW-Aufsichtsrat billigt den härtesten Sparplan der Konzerngeschichte. Laut BILD stehen bis zu 60.000 Stellen zur Disposition, vier deutsche Werke erhalten nur eine Gnadenfrist bis 2027.

Ein Konzern verhandelt über sein Überleben und am Ende gewinnt der Kompromiss. Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat den „Zukunftsplan 2030″ einstimmig abgesegnet, nachdem der erste Anlauf im Juli noch gescheitert war. Für vier deutsche Werke bedeutet das keine Entwarnung, sondern eine Bewährungsprobe mit Ablaufdatum.

Laut BILD fand der Rettungsplan von VW-Chef Oliver Blume beim ersten Versuch im Sommer nicht die nötige Unterstützung im paritätisch besetzten Kontrollgremium. Der Vorstand legte nach, mit rund 95 Prozent des ursprünglichen Konzepts, wie BILD aus Konzernkreisen erfuhr. Nur einzelne Punkte wurden demnach noch angepasst, bevor der Beschluss fiel.

Der Deal als Ausweg aus der Eskalation

Monatelang blockierten sich Vorstand, Großaktionäre und Arbeitnehmerseite gegenseitig. Porsche-SE-Vertreter und Oliver Blume wollten die Marke VW und die Komponentenwerke aus dem Konzern herauslösen, um das VW-Gesetz zu umgehen. Das Vorhaben ist laut Welt endgültig vom Tisch, weil Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sein Veto-Recht nicht aufgeben wollte. Stattdessen beschneidet der Aufsichtsrat seine eigenen Zustimmungsvorbehalte und passt die Schwellenwerte an DAX-übliche Praxis an.

Bisher musste das Gremium jede Investition ab 50 Mio. Euro absegnen. Diese Schwelle steigt deutlich, Blume bekommt mehr Handlungsspielraum, die Mitbestimmung verliert an Biss. Damit sind auch die Planspiele vom Tisch, den Aufsichtsrat per außerordentlicher Hauptversammlung zu umgehen, ein Szenario, das laut Welt im Hintergrund mitverhandelt wurde. Mit dem Beschluss vermeiden alle Parteien eine offene Eskalation des Machtkampfs.

Zwischen 50.000 und 60.000 Jobs auf der Kippe

Die Zahlen schwanken je nach Quelle, das Ausmaß nicht: Laut Welt stehen 50.000 Arbeitsplätze zur Disposition, laut BILD sind es bis zu 60.000 Stellen inklusive Management, davon 47.200 zunächst plus weitere 13.000 zur Schließung der Gemeinkostenlücke. Die Restrukturierung soll zwischen 6,6 und 10 Mrd. Euro kosten. Gleichzeitig will VW Investitionen und Forschungsausgaben um rund 50 Mrd. Euro kürzen.

Das Kalkül dahinter: Der Konzern rechnet 2030 nur noch mit 9 Millionen verkauften Fahrzeugen, deutlich weniger als die knapp 11 Millionen von 2019. Ohne Gegenmaßnahmen läge die Marge bei minus 0,1 Prozent, Ziel sind stattdessen 9 Prozent Umsatzrendite, ein operatives Ergebnis von 30,6 Mrd. Euro und eine Ergebnisverbesserung um insgesamt 30,9 Mrd. Euro. Laut BILD haben externe Berater von BCG, Roland Berger und PwC Notwendigkeit, Dringlichkeit und Schlüssigkeit des Konzepts bestätigt, ein Argument, das der Vorstand offenbar gezielt einsetzte, um Zweifler im Aufsichtsrat zu überzeugen.

Emden, Zwickau, Hannover, Neckarsulm: Frist statt Urteil

In Europa muss VW Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen abbauen. Betroffen sind die Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm, für die ab 2031 bis 2034 keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gesichert ist. Nur wenn die Standorte bis Juni 2027 ihre Kosten massiv senken, prüft der Konzern neue Modelle. Denkbar wäre laut Welt, ein chinesisches Modell dort fertigen zu lassen, auf Rüstungsproduktion umzustellen oder doch noch ein bereits geplantes Modell dorthin zu verschieben, sofern die Kostenbasis sinkt.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Chefin Christiane Benner betonten nach der Sitzung: Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt. Sie forderten vom Vorstand zügige Investitionsentscheidungen und erklärten, er müsse “endlich die notwendigen Investitionen auf den Weg bringen, Innovationen vorantreiben und Beschäftigung dauerhaft sichern.“ Der Vorstand selbst hatte die Dringlichkeit zuvor drastisch formuliert: „Heute entscheiden WIR über das Überleben des Volkswagen Konzerns.“ Modellvielfalt soll um die Hälfte sinken, die Komplexität laut BILD sogar um 75 Prozent.

Das Geschäft in China und den USA schrumpft, das margenschwache Mexiko-Modell Jetta dürfte zu den Verlierern zählen, weil es bislang billig unter Umgehung von Trumps Zöllen produziert wurde. Laut BILD runden ein geordneter Seat-Auslauf bis Ende 2029 und der Umbau der VW AG zur Holding mit neuer VW Pkw AG und VW Group Components AG für rund 160.000 Arbeitsverhältnisse das Paket ab. Zusätzlich sollen Immobilien und Tochterfirmen verkauft werden, die Entscheidungsstrukturen werden vereinfacht, neue Manager-Boni sollen die Umsetzung des Plans absichern. Mit Erika Rasch besetzt VW zudem nach über einem Jahr wieder den traditionell von Arbeitnehmerseite besetzten Personalvorstandsposten, ein Signal, dass zumindest formal die Mitbestimmung weiterlebt, auch wenn ihre realen Kompetenzen schrumpfen.

Business Punk Check

Der Kompromiss ist ein Machterhalt-Deal für alle Beteiligten. Blume sichert sich mehr Kontrolle über Investitionen, Lies verliert vor der Kommunalwahl ein Streitthema, die Arbeitnehmerseite rettet das Gesicht mit dem Satz „keine Werksschließung besiegelt“. Die Wahrheit ist unbequemer: Vier Werke hängen an einer Kostenschwelle, die sie bis 2027 kaum erreichen dürften, ohne massiv Personal abzubauen. Diese Differenz zwischen Einigungsjubel und Substanz zeigt das eigentliche Risiko. Für Zulieferer und Mittelständler in Niedersachsen und Sachsen zählt jetzt nur eins: Wie schnell sinken die realen Werkskosten, nicht wie glatt die Pressemitteilung klingt.

Auf einen Blick

  • Der VW-Aufsichtsrat hat den Zukunftsplan 2030 einstimmig gebilligt, nachdem ein erster Anlauf im Juli gescheitert war.
  • Laut *Welt* stehen 50.000 Arbeitsplätze auf der Kippe, laut BILD sind es bis zu 60.000 Stellen, die Restrukturierung soll zwischen 6,6 und 10 Mrd. Euro kosten.
  • Die Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm erhalten keine gesicherte Folgebelegung ab 2031, sondern nur eine Frist bis Juni 2027, um ihre Kosten zu senken.
  • Der Aufsichtsrat beschneidet im Gegenzug seine eigenen Zustimmungsvorbehalte und stärkt damit die Entscheidungsmacht von Vorstandschef Oliver Blume.

Quellen: WELT, Bild

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.