VW-Sparplan 2030: Blumes Rendite-Traum, IG Metall sieht nur ein Wolkenkuckucksheim
VW-Chef Blume nennt die Lage kritisch, IG-Metall-Chefin Brenner nennt seine Rendite-Ziele Wolkenkuckucksheim. Neun Betriebsversammlungen entscheiden über vier Werke und Zehntausende Jobs.
Ein Konzernchef, der von Mega-Krise spricht und eine IG Metall Chefin, die seine Zahlen für unrealistisch hält: Bei Volkswagen prallen gerade zwei Wirklichkeiten aufeinander. Während Oliver Blume die Belegschaft auf harte Einschnitte einschwört, hält IG-Metall-Chefin Christiane Brenner sein Renditeziel für 2030 schlicht für unrealistisch. Dazwischen stehen neun Betriebsversammlungen in einer Woche und die Frage, ob vier deutsche Werke eine Zukunft haben.
Vorausgegangen war ein Ultimatum des Betriebsrats an den Vorstand noch vor den Werksferien. Die Arbeitnehmervertreter verlangten Details zu den Sparplänen und drohten mit außerordentlichen Betriebsversammlungen, sollte der Vorstand nicht liefern. Antworten blieben aus, das Ultimatum verpuffte und so steht der Vorstand nun in neun Betriebsversammlungen innerhalb von sieben Tagen Rede und Antwort. Ein Vorgang, der zeigt, wie tief das Misstrauen zwischen Belegschaft und Konzernspitze mittlerweile sitzt.
Blumes Zielbild trifft auf Brenners Rechenkunst
Acht bis zehn Prozent Umsatzrendite soll der Konzern bis 2030 erreichen, aktuell beziffert Blume sie ohne konkreten Stichtag oder Bereich auf 3,8 Prozent. „Ein Wolkenkuckucksheim“ nannte Brenner diese Ansage laut WirtschaftsWoche. Ihre Gegenfrage: Wie soll VW unter den derzeitigen geopolitischen Bedingungen eine operative Umsatzrendite erreichen, die selbst in stabilen Zeiten ambitioniert wäre? Die Kritik trifft einen wunden Punkt, denn Blume selbst hat die Lage mehrfach als mehr als kritisch beschrieben. Laut BILD verwies er darauf, dass die aktuellen 3,8 Prozent zwar solide seien, aber bei Weitem nicht ausreichten, um dauerhaft genug Mittel für neue Technologien, neue Produkte und die Standorte zu erwirtschaften.
Die Modellpalette soll bis 2035 um bis zu 50 Prozent schrumpfen, Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent. Fabrikkosten in deutschen Werken sanken im vergangenen Jahr bereits im Schnitt um 20 Prozent. Blume reicht das nicht: Der Konzern sei überdimensioniert, das mache ihn zu langsam und zu kompliziert, sagte er laut BILD im VW-Intranet. Brenner fordert deshalb Konkretisierung statt Ankündigungen: Bevor der Aufsichtsrat zustimmen könne, müsse der Vorstand offenlegen, um welche Modelle es konkret gehe und wie die Ziele erreicht werden sollen. Werksschließungen seien mit der IG Metall ohnehin nicht zu machen, stellte sie klar.
Vier Werke, eine offene Rechnung
Emden, Hannover, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm gelten als bedroht. Für alle vier gebe es aktuell keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre, räumte Blume ein. Gleichzeitig betonte er, eine Entscheidung über konkrete Werksschließungen sei nicht getroffen. Diese Unterscheidung ist mehr als Wortklauberei: Eine fehlende Nachfolgebelegung ist rechtlich und politisch etwas anderes als eine Schließung, verschafft dem Vorstand aber Verhandlungsspielraum, ohne Fakten zu schaffen. Für den Fall, dass für einen Standort keine Lösung gefunden werde, ende die Verantwortung von VW aber nicht, so Blume weiter. Laut Blume muss der Konzern in Europa Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen jährlich abbauen.
Die oft genannte Zahl von 50.000 zusätzlich gefährdeten Stellen bezeichnete Blume als keine fixe Zielgröße, sondern als Orientierungswert aus dem Vergleich mit Wettbewerbern. Einige Medien berichten von einem möglichen Abbau von rund 120.000 Stellen, betonen aber, dass diese Zahl nicht offiziell bestätigt ist und nach neueren Informationen vermutlich zu hoch liegt. Wie ernst die Lage in der Belegschaft ankommt, zeigte sich am 70. Geburtstag des Nutzfahrzeug-Stammwerks in Hannover. Trotz Musik und Kinderprogramm war die Stimmung laut BILD unterirdisch. Mitarbeiter wollten teils nicht mehr über die Zukunft des Werks sprechen, andere äußerten sich anonym besorgt. Langjährige Beschäftigte wie ein ehemaliger Gießerei-Mitarbeiter mit 35 Dienstjahren machten deutlich, wie sehr die Unsicherheit über den Standort auf die Belegschaft drückt, selbst bei Mitarbeitern, die den aktiven Teil ihres Berufslebens bereits hinter sich haben.
Wolfsburg startet, Hannover beschließt
Am 25. August beginnt die Versammlungsserie in Wolfsburg, tags darauf folgen Emden und Zwickau. Am 31. August endet sie in Hannover, wo Finanzvorstand Arno Antlitz statt Blume selbst sprechen wird. In den übrigen deutschen Werken übernimmt Komponenten-Vorstand Thomas Schmall die Kommunikation, während Blume nach BILD-Angaben persönlich in Wolfsburg, Emden und Zwickau auftritt. Diese Arbeitsteilung gilt in der Belegschaft als Signal dafür, wie hoch der Konzern die Brisanz an den jeweiligen Standorten einschätzt.
Am Ende geht es nicht nur um die Belegschaft. Blume muss in zwei Wochen auch den Aufsichtsrat von seinem Zielbild 2030 überzeugen, wo er bereits im Juli auf erheblichen Widerstand stieß, vor allem bei Arbeitnehmervertretern und der niedersächsischen Landesregierung. Das Land Niedersachsen hält im Kontrollgremium ein Vetorecht und kann strategische Entscheidungen blockieren, ein Machtfaktor, der Blumes Spielraum erheblich einschränkt.
Business Punk Check
Ein Konzern, der Rekord-Sparprogramme mit Rekord-Renditezielen kombiniert, während die IG-Metall-Chefin die Zahlen öffentlich zerlegt: Das ist kein Kommunikationsproblem, das ist ein Strategieproblem. Blumes Renditeziel von acht bis zehn Prozent funktioniert nur, wenn Geopolitik, Handelsbarrieren und Wettbewerbsdruck gleichzeitig nachlassen. Genau das verspricht kaum jemand seriös. Für Zulieferer und Mittelstand in Niedersachsen und Sachsen bedeutet die Hängepartie: Investitionsentscheidungen verschieben sich, solange die Werksfrage offen bleibt. Für Zulieferer und Beschäftigte zählt die Aufsichtsratssitzung in zwei Wochen mehr als jede Pressemitteilung aus Wolfsburg. Dort entscheidet sich, ob Blumes Zielbild 2030 Substanz bekommt oder ob Niedersachsens Vetorecht das Programm entschärft. Bis dahin bleibt die Kernfrage unbeantwortet: Rettet VW seine Marge durch Schrumpfung oder schrumpft es sich aus dem Rennen.
Auf einen Blick
- VW plant laut Konzernangaben eine Halbierung der Modellpalette bis 2035 und eine Reduktion der Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent.
- IG-Metall-Chefin Christiane Brenner bezeichnete Blumes Renditeziel von acht bis zehn Prozent für 2030 laut WirtschaftsWoche als Wolkenkuckucksheim.
- Blume bezifferte die operative Rendite zuletzt ohne konkreten Stichtag oder Bereich auf 3,8 Prozent, während Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm ohne wettbewerbsfähige Werksbelegung für die 2030er-Jahre dastehen.
- Zwischen 25. und 31. August finden neun Betriebsversammlungen statt, bei denen der Vorstand der Belegschaft Rede und Antwort stehen muss.
Quellen: Bild, Heise, WirtschaftsWoche