briefing · Autobahn

Waymo vs. Baustelle: Robotaxi nimmt Absperrung als Einladung

Waymo vs. Baustelle: Robotaxi nimmt Absperrung als Einladung
Erschienen
Lesezeit3 Min · 563 Wörter

Fast 4.000 Waymo-Robotaxis müssen per Software-Rückruf aus dem Autobahnverkehr gezogen werden. Ausgerechnet Baustellen bringen die selbstfahrenden Fahrzeuge ins Straucheln – und sorgen für eine Geschichte, die gleichzeitig kurios und ziemlich ernst ist.

Eigentlich sollen Robotaxis den Verkehr der Zukunft darstellen. Stattdessen zeigen sie aktuell, dass selbst hochentwickelte KI manchmal auf eine Baustellenabsperrung blickt und offenbar denkt: „Wird schon passen.“

Absperrung? Welche Absperrung?

Für Waymo läuft es derzeit eher wie für einen Autofahrer mit Navi von 2008. Das Unternehmen hat bei der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA einen freiwilligen Rückruf für 3.871 Fahrzeuge gemeldet, weil die Autos in bestimmten Situationen geschlossene Autobahn-Baustellen nicht zuverlässig erkennen. Mindestens 13 Vorfälle wurden dokumentiert, sechs in Phoenix und sieben im Raum San Francisco. Die Fahrzeuge fuhren dabei in gesperrte Baustellenbereiche ein und bewegten sich dort weiter. Man könnte sagen: Die Robotaxis zeigten bemerkenswerten Entdeckergeist. Die Behörden bevorzugen allerdings den Begriff „Sicherheitsproblem“.

Wenn die Zukunft auf Bauzäune trifft

Der Fall zeigt eines der größten Probleme autonomer Systeme. Solange Straßen so aussehen wie auf den Trainingsdaten, funktioniert vieles erstaunlich gut. Sobald jedoch Bauarbeiter Fahrspuren verschwenken, Auffahrten sperren, Schilder umstellen und orangefarbene Absperrungen über Nacht auftauchen, wird aus sauberer Software schnell praktische Improvisation. Genau dort, wo menschliche Fahrer fluchen, bremsen und sich irgendwie durchwurschteln, geraten auch die Maschinen ins Grübeln – nur deutlich weniger charmant.

Highway? Lieber erstmal nicht

Waymo reagierte bereits Mitte Mai und schränkte den Betrieb auf Autobahnen ein. Die Fahrzeuge dürfen weiterhin auf normalen Straßen unterwegs sein, während die Entwickler an einer Lösung arbeiten. Der Software-Fix befindet sich laut den Behörden noch in Entwicklung. Anders gesagt: Die Robotaxis fahren weiter, nur dort nicht mehr, wo sie Baustellen mit offenen Einladungen verwechseln könnten.

Mehr als nur ein peinlicher Bug

Für Waymo ist der Vorfall unangenehm, weil er direkt das zentrale Versprechen der Branche berührt. Robotaxis sollen sicherer, zuverlässiger und berechenbarer sein als menschliche Fahrer. Wenn jedoch eine Baustelle zum Endgegner wird, kratzt das am Hochglanzbild der autonomen Mobilität. Besonders heikel ist das, weil Waymo gerade in neue Städte expandiert und seinen Dienst massiv ausbaut. Mit jedem neuen Einsatzgebiet wächst allerdings auch die Zahl der ungewöhnlichen Verkehrssituationen, die sich nicht perfekt simulieren lassen. Waymo plant, dieses Jahr in mehr als 20 Städten zu starten – inklusive London und Tokyo. Das ist der industriepolitische Wumpe, aber die Realität ist: Jede neue Stadt bringt neue Grauzonen, die die Software nicht mag. Baustellen, Sperrungen, verwackelte Schilder, Polizisten, die winken, aber nicht standardisiert sind. Das ist der Punkt, wo Marketing und Realität sich überholen.

Die Baustelle schlägt zurück

Es ist bereits der sechste Rückruf des Unternehmens. Das bedeutet nicht, dass autonome Fahrzeuge gescheitert sind. Es zeigt aber, dass zwischen futurischer Werbebotschaft und chaotischer Realität immer noch einige orangefarbene Baustellenbaken stehen. Die Ironie dabei: Ausgerechnet die Autos, die irgendwann menschliche Fehler vermeiden sollen, scheitern momentan an etwas, das Millionen Pendler jeden Morgen erkennen – einer ziemlich großen Absperrung mitten auf der Straße.

Zur Sicherheit: Waymo sagt noch, die Fahrzeuge hätten 13× weniger schwere Unfälle im Vergleich zu menschlichen Fahrern. Aber genau Baustellen sind der Ort, wo diese Zahl nicht zählt. Hier geht es nicht um Statistik, sondern um das einfache, harte Prinzip: Wenn die Zukunft auf Bauzäune trifft, bleibt die Zukunft erst einmal stehen.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.