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Wie wird man auch nach 18 Jahren als Startup wahrgenommen? Der Fritz-Kola-Gründer erklärt seine Strategie

Wie wird man auch nach 18 Jahren als Startup wahrgenommen? Der Fritz-Kola-Gründer erklärt seine Strategie
Eva Häberle
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit7 Min · 1.407 Wörter

2003 hat Mirco Wolf Wiegert mit einem Freund und Startkapital von gerade mal 7.000 Euro Fritz-Kola gegründet. Heute arbeiten fast 300 Menschen im Unternehmen.

Herr Wiegert, demnächst erscheint Ihr Buch „Fritz gegen Goliath“. Was macht die Fritz-Geschichte zu einer erzählenswerten Story?

Tatsächlich hatte ich die Idee schon viele Jahre. Einfach, weil ich die Geschichte so häufig erzähle und sich viele Menschen dafür interessieren. Ich werde oft gefragt, wie ich das mit der Gründung gemacht habe, wie das mit der Selbstständigkeit ist und wie alles lief. Mit dem Buch will ich diesem Interesse nachkommen und Einblicke in ein Startup und die Unternehmensgründung geben.Werfen wir einmal einen Blick auf die Gründungszeit.

Was wollten Sie damals bewusst anders machen?

Mit anderen Startups haben wir uns damals gar nicht beschäftigt, weil das Gründen auch noch nicht so hip war. Wir wollten uns selbstständig machen und lernen, wie das geht. Wir haben Ideen gesammelt. Und die beste Idee war für uns, Cola zu machen. Die gab es damals nur aus Plastikflaschen, und das hat mich schon immer gestört. Also wollten wir eine Cola in der Glasflasche machen, die der Gastronom nur noch kalt stellen und unfallfrei zum Gast bugsieren muss. Der Gast soll am Ende ein schönes Trinkgefühl haben. Wir haben mit 7.000 Euro angefangen und gesagt, wenn es nicht klappt, dann war es eine Erfahrung – und wenn’s funktioniert, umso besser.

Sie schreiben im Buch, dass Sie nach genau diesem Prinzip gelebt haben: erst mal machen und schauen, ob es klappt, und sich dann erst weiter Gedanken darüber machen. Handeln Sie immer noch so?

Ich versuche, bei Fritz immer alle zu ermutigen, das Motto „Der Weg ist das Ziel“ zu leben. Das ist nicht immer ganz einfach. Je größer man wird, desto mehr muss man aufpassen, nicht zu verkopfen.

Selbst nach 18 Jahren wird Fritz-Kola nach wie vor als Startup wahrgenommen. Warum?

Wir sind vom Geist her immer sehr jung, und das merkt man an vielen Stellen auch. Zum Beispiel daran, dass wir uns um aktuelle Themen mit Aktionen wie „Pfand gehört daneben“ oder „Mensch wach auf“ kümmern. Wir wollen relevant sein und bleiben.

Trotzdem: Was hat sich in den letzten Jahren bei Ihnen verändert?

Wir sind mit inzwischen 300 Leuten auf jeden Fall professioneller geworden. Gleichzeitig pflegen wir weiter einen unkonventionellen Umgang. Beim Sommerfest, das wir hoffentlich wieder machen dürfen, fahren wir beispielsweise alle mit dem Zelt raus. Bei uns ist es auch üblich, dass die Führungskräfte nicht mit dem SUV zur Arbeit kommen, sondern eher mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln.

Am Anfang haben Sie enorm gespart, auch das Logo selber gestaltet. Dazu passt, dass Sie im Buch schreiben, dass Sie immer dann Fehler gemacht haben, wenn genug Geld zur Verfügung stand. Welcher Fehler wurde zuletzt begangen?

Irgendwann war es so, dass unsere Vertriebler dann doch mit SUVs unterwegs waren. Das passt aber nicht zu uns, darüber haben wir uns geärgert und die Autos vor Auslaufen des Leasings zurückgegeben.

Größer betrachtet: Was hätten Sie in der Vergangenheit anders gemacht?

Ich würde mehr Austausch mit anderen suchen. Damals gab es noch keine Coworking-Spaces. Heute würd ich als Startup da direkt mit reingehen und mir kein eigenes Büro mehr mieten.

Diese Möglichkeit besteht ja nun. Sind Sie jetzt noch an einem Umzug interessiert?

Wir sind jetzt eine recht große Gruppe und haben unseren eigenen Space. Der wird gerade kollaborativ gestaltet.

Geben Sie uns noch ein paar Tipps: Wie schafft man es, Dinge so unkonventionell und persönlich anzugehen wie zur Anfangszeit?

Wir wollen nach wie vor eins zu eins ins Gespräch mit unseren Gastronomen im Ausland gehen. Vor ein paar Jahren haben wir die bereits angesprochene Initiative „Pfand gehört daneben“ übernommen, die von anderen Leuten gegründet wurde. Das wollen wir jetzt auch weiter ins Ausland tragen und den Ansatz dort verfolgen. Wir wollen darüber aufklären, wieso Mehrweg auch einen sozialen Aspekt hat, wenn man das Pfand spendet und damit Gutes tut.

Daran anschließend: Wie entwickelt man sich weiter und bleibt als Unternehmen unabhängig? Wie nimmt man immer noch alle mit?

Als mein Mitgründer 2016 ausgestiegen ist, war Unabhängigkeit ein großes Thema für mich, und ich habe mich gefragt, wie ich jetzt weitermachen will. Ich habe mir zwei Mitgesellschafter gesucht, die mit mir dieselbe Perspektive teilen und das Unternehmen als Indie-Brand weiterführen.

Was genau bedeutet für Sie der Begriff Unabhängigkeit im Unternehmenskontext?

Unabhängigkeit heißt für mich, dass wir unser Ding machen. Damit sind wir nicht immer branchenkonform – wir machen zum Beispiel keine PET-Flaschen. Aber wir wollen uns lieber an Themen reiben und daran wachsen.

Apropos: Bei welchen Themenbereichen geben Sie noch immer die Zügel nur ungern aus der Hand?

Meine Rolle ist generell, die Fritzen zu begleiten. Im Großen und Ganzen bin ich immer involviert und steige bei Einzelthemen konkreter mit ein. Ein Beispiel: Wir haben uns viel mit Kühlschränken beschäftigt, die wir an Wiederverkäufer und die Gastronomie liefern. Ich habe immer darauf gedrängt, nicht die billigste Variante zu nehmen. Man muss sich auch fragen, wie nachhaltig so ein Gerät ist, welchen CO2-Footprint es hat. Ich bin dafür da, immer wieder die Organisation von Dingen zu challengen und manchmal auch zu nerven. Aber auch zu helfen und das große Ganze im Blick zu behalten. Am Ende wollen wir ja echt richtig gute Kola-Limonade herstellen und anbieten.

„Fritz gegen Goliath. Wie man aus dem Nichts ein erfolgreiches Unternehmen schafft“ ab 30. August im Ullstein Buchverlag, 304 Seiten, 20 Euro

Wie hat sich das Office-Leben durch Corona bei Ihnen verändert?

Wir sind jetzt seit über einem Jahr im Homeoffice. Das war natürlich ein Problem, weil sich die Unternehmenskultur ändert. Man sieht sich ja immer nur über Teams. Uns ist dadurch bewusster geworden, wie wichtig das Miteinander ist und dass man persönliche Treffen nicht immer durch eine Online-Session ersetzen kann. Deshalb gestalten wir unsere Bürofläche jetzt so um, dass es zwar Rückzugsbereiche gibt, man aber auch viel gemeinsam machen kann. Wir probieren da gerade viel aus.

Was sind für Fritz-Kola die größten Herausforderungen?

Die nächste große Herausforderung für uns ist, Mehrweg auf europäischer Basis durchzusetzen. In Österreich kommen wir da schon gut voran. In Italien ist Mehrweg beispielsweise ein verschwindend geringer Teil auf dem Getränkemarkt. Wir wollen die Verbraucherinnen und Verbraucher dahingehend aufklären, dass es etwas Gutes ist, wenn man Mehrweg kauft und nutzt. Damit werden wir uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Rein hypothetisch: Wäre es eigentlich immer noch möglich, mit den damaligen Ansätzen von Fritz-Kola erfolgreich zu werden?

Ich glaube, man muss immer mit der Zeit gehen. Wenn ich heute die jungen Gründer, Männer wie Frauen, sehe, dann gibt es bei ihnen einen total unkomplizierten, direkten Zugang und viel mehr Bereitschaft, sich selbst zu zeigen. Mir fällt es viel schwerer, mich vors Handy zu stellen, stundenlang zu quatschen und Content zu kreieren. Grundsätzlich möchte ich mit meinem Buch aber einfach allen sagen, dass man ruhig starten soll. Macht euch weniger Sorgen, denkt hauptsächlich: Let’s go.

Und was, wenn man scheitert?

Ich glaube, dass man im Leben immer ein gewisses Risiko hat, dass etwas nicht klappt. Man muss nur schauen, dass es für einen selbst nicht zu kostspielig wird. Und dann weitermachen.

Daran gleich angeschlossen: Was ist Ihrer Erfahrung nach der beste Tipp für mehr Initiative und Mut zum Gründen?

Wir leben hier in recht paradiesischen Zuständen für Gründer. Klar gibt es Verwaltungsquatsch und Leute, die einem Steine in den Weg legen. Trotzdem haben wir eine gute Infrastruktur, um zu gründen, um zu starten, sein Ding zu machen. Das sehe ich auch als Quintessenz unseres Interviews: die Ermutigung, es einfach zu probieren.

Im Dossier der vierten Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Sales & Retail. Mit Blick auf unsere Titelgeschichte sei gesagt: Wir brauchen eine OnlyFans-Strategie! Außerdem ist es eine sehr musik- und kunstlastige Ausgabe geworden: Drangsal, Kool Savas, Ju Schnee, Simon Lohmeyer, Rapperin Little Simz – alle dabei. Dies und noch viel, viel mehr gibt es am Kiosk eures Vertrauens – oder wie immer hier im Aboshop.

Portrait Elena Berchermeier

Elena Berchermeier

Elena hatte schon immer eine Leidenschaft für Journalismus – thematisch reicht diese von Mode über Kultur und Feminismus hin zu Millennials und weiter zu allem, was die Gesellschaft sonst noch beschäftigt. Sie kann sich schnell für Dinge begeistern, ist allerdings immer noch kein Fan von Trends, Superfoods und Bucketlists.