Work & Winning 31 Prozent weniger Beförderungen: Das Homeoffice-Risiko im Faktencheck

31 Prozent weniger Beförderungen: Das Homeoffice-Risiko im Faktencheck

Vollständig remote Beschäftigte werden einer großen US-Datenauswertung zufolge seltener befördert als Kolleginnen und Kollegen, die zumindest teilweise im Büro arbeiten. Der Unterschied lag 2023 bei 31 Prozent. Die Zahl ist auffällig, beweist aber nicht, dass fehlende Präsenz allein die Ursache ist.

Deutlich belastbarer ist die Erkenntnis, dass gut organisierte Hybridarbeit keinen erkennbaren Karrierenachteil haben muss. Eine randomisierte Stanford-Studie mit mehr als 1.600 Beschäftigten zeigte: Zwei Tage Homeoffice pro Woche verschlechterten weder Leistung noch Beförderungschancen. Zugleich sank die Kündigungsquote um rund ein Drittel.

Der Beförderungsabstand ist real, die Ursache nicht eindeutig

Live Data Technologies analysierte rund zwei Millionen Profile von Angestellten in den USA. Vollständig remote Beschäftigte wurden demnach 31 Prozent seltener befördert als Büro- und Hybridbeschäftigte.

Das ist ein wichtiger Hinweis, aber kein Kausalbeweis. Remote-Stellen unterscheiden sich häufig von Bürojobs, etwa nach Branche, Tätigkeit, Unternehmensgröße und Führungsverantwortung. Deshalb lässt sich aus der Untersuchung nicht ableiten, dass allein fehlende Sichtbarkeit für den gesamten Unterschied verantwortlich ist.

Plausibel ist jedoch, dass Präsenz die Wahrnehmung beeinflusst. In einer Envoy-Umfrage erklärten 96 Prozent der befragten US-Führungskräfte, Beiträge von Menschen im Büro eher zu bemerken. Für vollständig remote Arbeitende kann daraus ein Nachteil entstehen, wenn ihre Leistungen nicht systematisch dokumentiert und kommuniziert werden.

Hybridarbeit zeigte keinen Karrierenachteil

Die Stanford-Studie unter Leitung von Nicholas Bloom untersuchte 1.612 Beschäftigte des Reisekonzerns Trip.com. Eine Gruppe arbeitete mittwochs und freitags von zu Hause, die Vergleichsgruppe vollständig im Büro.

Nach dem sechsmonatigen Experiment und über die folgenden Bewertungszeiträume zeigten sich keine Nachteile bei Leistungsnoten oder Beförderungen. Gleichzeitig sank die Kündigungsquote in der Hybridgruppe um etwa ein Drittel.

Die Studie zeigt damit, dass zwei Homeoffice-Tage pro Woche in einem großen Unternehmen funktionieren können. Sie beweist aber nicht, dass exakt drei Bürotage für jede Tätigkeit die ideale Lösung sind.

Produktivität hängt vom Arbeitsmodell ab

Für Hybridarbeit zeigen mehrere Studien keinen grundsätzlichen Produktivitätsnachteil. Das Bureau of Labor Statistics stellte zudem fest, dass Branchen mit einem stärkeren Anstieg der Remote-Arbeit häufig auch Produktivitätszuwächse verzeichneten.

Vollständig remote Arbeit ist jedoch nicht automatisch genauso produktiv. Andere Stanford-Auswertungen verweisen auf mögliche Nachteile bei Kommunikation, Mentoring, Kreativität und Koordination. Entscheidend sind deshalb Tätigkeit, Führung, technische Ausstattung und die Organisation der Zusammenarbeit.

Sichtbarkeit beeinflusst Bewertungen

Leistungsbewertungen beruhen nicht ausschließlich auf messbaren Ergebnissen. Auch die Maßstäbe, Wahrnehmungen und Bewertungsgewohnheiten der jeweiligen Führungskraft spielen eine Rolle.

Das bedeutet nicht, dass der größte Teil jeder Bewertung aus Vorurteilen besteht. Aber es zeigt, warum Beschäftigte, deren Arbeit im Alltag weniger sichtbar ist, bei Beförderungsentscheidungen übersehen werden können.

Remote-Arbeitende können dieses Risiko reduzieren, indem sie Ergebnisse regelmäßig dokumentieren, Fortschritte quantifizieren und ihre Führungskräfte aktiv informieren. Wichtig ist dabei nicht die Menge der Nachrichten, sondern die Nachvollziehbarkeit des eigenen Beitrags.

RTO-Pflichten können Beschäftigte vertreiben

Strikte Rückkehrpflichten sind keine risikofreie Antwort auf das Sichtbarkeitsproblem. Eine Baylor-Studie fand nach der Ankündigung solcher Vorgaben einen Anstieg der außergewöhnlichen Fluktuation um rund 13 bis 14 Prozent. Besonders erfahrene und qualifizierte Beschäftigte können leichter zu flexibleren Arbeitgebern wechseln.

Eine BambooHR-Umfrage ergab außerdem, dass 18 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen und 25 Prozent der Führungskräfte hofften, ein Teil der Belegschaft werde aufgrund einer RTO-Regel freiwillig kündigen. Das zeigt, dass Rückkehrpflichten mitunter auch als Instrument zum Personalabbau betrachtet werden. Es bedeutet aber nicht, dass jede Büropflicht diesem Zweck dient.

Was Remote-Karrieren wirklich hilft

Wer vollständig remote arbeitet, sollte seine Sichtbarkeit nicht dem Zufall überlassen. Sinnvoll sind kurze regelmäßige Statusberichte, dokumentierte Projektergebnisse, messbare Leistungskennzahlen und gezielter Austausch mit Kolleginnen, Kollegen und Führungskräften.

Hybridarbeit kann dabei einen Mittelweg bieten. Zwei Homeoffice-Tage und drei Bürotage funktionierten in der Stanford-Studie ohne Leistungs- oder Beförderungsnachteil. Ob dieses Modell auch im eigenen Unternehmen sinnvoll ist, hängt jedoch von Aufgabe, Team und Unternehmenskultur ab.

Business Punk Check

Die 31-Prozent-Zahl ist ein Warnsignal, aber kein Naturgesetz. Vollständig remote Arbeitende wurden in einer großen US-Auswertung deutlich seltener befördert. Die Untersuchung beweist allerdings nicht, dass fehlende Büropräsenz allein den Abstand verursacht.

Belastbarer ist die Erkenntnis aus dem Stanford-Experiment: Gut organisierte Hybridarbeit kann Produktivität, Leistung und Karrierechancen erhalten und zugleich die Fluktuation deutlich senken. Drei Bürotage sind deshalb ein sinnvoller Orientierungspunkt, aber keine universelle Erfolgsformel.

Das eigentliche Problem heißt nicht Homeoffice, sondern unsichtbare Leistung. Unternehmen brauchen objektivere Beförderungskriterien, transparente Leistungsdaten und Führungskräfte, die Ergebnisse statt Anwesenheit bewerten. Beschäftigte sollten bis dahin ihre Arbeit dokumentieren und ihren Beitrag klar kommunizieren.

Strikte RTO-Mandate lösen den Bewertungsbias nicht. Sie verlagern das Problem und können gerade jene vertreiben, die auf dem Arbeitsmarkt die besten Alternativen haben. Remote-Arbeit ist möglich, aber sie verlangt bewusstere Kommunikation. Fairness darf trotzdem nicht allein zur Zusatzaufgabe der Beschäftigten werden.

Quellen: Wmn, Bragbook

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