Work & Winning Warum „Leadership Burnout“ kein individuelles Scheitern ist – und was Führungskräfte dagegen tun können

Warum „Leadership Burnout“ kein individuelles Scheitern ist – und was Führungskräfte dagegen tun können

Führungskräfte stehen heute unter enormem Erwartungsdruck: Sie sollen wirtschaftlich liefern, empathisch führen und dabei jederzeit stabil bleiben. Erschöpfung ist deshalb kein individuelles Scheitern, sondern eine logische Folge unrealistischer Anforderungen. Dieser Text zeigt, warum das so ist – und was Führungskräfte konkret verändern können.

Gastartikel: Elena Mertel

Du sollst alles sein – und zwar gleichzeitig: Vertreter:in des Unternehmens, die wirtschaftliche Schieflagen ausgleicht. Fachexpert:in, Entscheider:in, Coach für dein Team. Und das alles bitte mit guter Laune. Du sollst einen klaren Rahmen setzen und für exzellente Ergebnisse sorgen, aber bloß nicht micromanagen. Du musst zwischen der fordernden Gen Z und den pflichtbewussten Babyboomern vermitteln und gleichzeitig deine eigene Mental Health im Blick behalten, um als Vorbild zu gelten.

Kein Wunder, dass 62 % der Führungskräfte erschöpft sind. Kein Wunder, dass sich viele fragen: Ist eine Führungsposition in der heutigen Zeit ein Ding der Unmöglichkeit? Und ich frage mich: Muten wir Führungskräften zu viel zu?

Wenn Stärke zur Schwäche wird

Wir reden ständig über Mitarbeitende, die wegen schlechter Führung kündigen – aber kaum darüber, wie sehr Führungskräfte selbst unter Druck stehen.

Sieben von zehn Mitarbeitenden glauben, dass es ihren Vorgesetzten besser geht als ihnen. Die Realität zeigt das Gegenteil: Führungskräfte gehören zu den am stärksten gestressten Gruppen überhaupt.

Führung bedeutet heute oft Dauerbelastung. Wirtschaftliche Unsicherheit, Remote Work, Generationenkonflikte, gesellschaftlicher Wandel – all das verlangt von Führungskräften, gleichzeitig Halt zu geben und selbst stabil zu bleiben.

Das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen, ist dabei selten individuelles Versagen. Es entsteht in Systemen, in denen die Ansprüche an Führung unrealistisch hoch sind: immer erreichbar, immer klar, immer stark. Und nebenbei noch Mutter sein, Partnerin, Freundin. Pilates am Mittwoch? Pustekuchen.

Wie auch, wenn viele Organisationen eine Kultur verinnerlicht haben, in der Leistung mehr zählt als Erholung und Präsenz mehr als Reflexion?

Der unmögliche Auftrag

Der Begriff Leadership Burnout beschreibt ein Muster, das ich in meiner Coachingpraxis immer wieder sehe: Man nehme viel Verantwortung, füge technologische Dauerverfügbarkeit hinzu, kombiniere das Ganze mit fehlender Unterstützung – et voilà: heraus kommen Führungskräfte, die erst unter Hochspannung stehen, dann ausbrennen oder irgendwann das Handtuch werfen.

Anzeichen, dass es zu viel wird

Wenn der Gedanke an den Montag dich mehr stresst als begeistert, ist das kein Motivationsproblem, sondern ein Signal. Führung kann Energie geben – aber sie kann dich auch völlig auslaugen.

Typische Warnzeichen zeigen sich leise:

  • Du bist genervt, bevor das erste Meeting beginnt.
  • Du sagst Sätze wie: „Ich habe einfach nicht die richtigen Leute.“ oder „Wenn ich es nicht selbst mache, macht es niemand.“
  • Aufgaben, die du früher gern gemacht hast, fühlen sich plötzlich sinnlos an.

Und obwohl du längst am Limit bist, funktionierst du weiter, lieferst, kontrollierst – statt pünktlich Feierabend zu machen. Willkommen in der Abwärtsspirale.

Wie du die Freude am Führen zurückgewinnst

Vorab klar gesagt: Burnout ist laut WHO kein persönliches Scheitern, sondern ein arbeitsplatzbezogenes Phänomen – verursacht durch chronischen Stress, der nicht erfolgreich bewältigt wird. Die Verantwortung liegt also nicht allein bei der einzelnen Führungskraft, sondern auch bei den Strukturen, die gesunde Führung kaum zulassen.

Und doch beginnt Veränderung meist dort, wo du selbst wieder Einfluss hast.

1. Du musst weniger, als du denkst

Am Anfang steht kein neues Konzept, sondern ein Perspektivwechsel. Führung beginnt und endet bei dir selbst. Frage dich: Worauf habe ich wirklich Einfluss – und worauf nicht? Du musst nicht die Wirtschaft retten oder die Kultur eines Jahrzehnts neu formen. Du kannst beginnen, wieder so zu führen, wie du es einmal wolltest: klar, zugewandt, menschlich, pragmatisch.

2. Suche dir Vorbilder, die sich besser abgrenzen als du

Die bittere Pille: Führungskräfte mit hohen Idealen und Ansprüchen sind großartig – tun sich aber oft schwer damit, sich gut abzugrenzen. Suche dir Vorbilder, die das können. Menschen, die viel leisten, ohne sich selbst zu verlieren. Sie erinnern dich daran, dass gute Führung nicht in Selbstaufgabe besteht.

3. Setze dir Ziele, die erreichbar sind

Du bist nicht verantwortlich für den Innovationsstau der vergangenen Jahre. Setze dir Ziele, die erreichbar sind. Nicht, weil du klein denken sollst, sondern weil du dich sonst verlierst im Versuch, das Unmögliche möglich zu machen.

4. Verantwortung braucht Verbündete

Führung ist oft einsam – besonders dann, wenn du nach außen Stärke zeigen sollst. Ein Kreis aus zwei oder drei Menschen, die dich kennen und denen du vertraust, kann den Unterschied machen. Sie erinnern dich an das, was du dir vorgenommen hast – und an das, was wirklich zählt.

5. Plane Pausen wie deine To-dos

Mach Pausen. Bewusst, nicht heimlich. Pausen sind kein Stillstand, sondern die Voraussetzung für Bewegung. Kaum jemand hatte seine beste Idee je am Schreibtisch. Und wie immer gilt: Du darfst dich mögen – auch wenn du nichts leistest.

Wie machen das andere? Mit viel Kaffee, etwas Unterstützung und einer Portion Pragmatismus

Die Wahrheit lautet also am Ende: Gute Führungskräfte führen eine Person besonders gut – sich selbst. Wenn du beginnst, dich wieder selbst ein klitzekleines bisschen ernster zu nehmen als die Aufgaben, die auf dich einprasseln, kommt die Freude am Führen quasi von allein. Man darf, man kann Führungskraft mit Herz und Seele sein und trotzdem hin und wieder lachen, nicht nur Mensch, sondern auch Frau sein und ja sogar lernen Hilfe anzunehmen. Niemand hat 2026 schließlich noch Bock auf unreflektierte Führungskräfte und Arbeit, die krank macht.

Text: Elena Mertel

Zur Person

Elena Mertel ist Leadership Coach und Change-Expertin. Sie arbeitet mit Menschen, die führen und dabei nicht auf Autopilot schalten wollen. Nach über 15 Jahren in Kommunikation und Change hat sie gelernt: Führung wird leichter, wenn man sich selbst zuerst gut kennt. Vor ihrer Selbstständigkeit war sie als Head of Organizational Development bei der Hirschen Group tätig und arbeitete zuvor u.a. für Sony Music, TLGG und das ZDF. Elena lebt in Berlin und hat zwei Kinder.

www.elenamertel.de

Bild: Katja Feldmeier

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