Work & Winning „Wenn Trump Grönland kaufen will, sollten wir Kanada auffordern, der EU beizutreten“ 

„Wenn Trump Grönland kaufen will, sollten wir Kanada auffordern, der EU beizutreten“ 

Die USA ist wirtschaftlich kein Vorbild? 

Trump und Co. haben als politisches Konzept Nationalismus und America First. Das funktioniert in einem riesigen Binnenmarkt wie den USA oder eben China. In Deutschland aber wäre das schlicht und ergreifend Selbstmord. Die Menschen brauchen etwas anderes. Sie brauchen eine positive Zukunftsversion, um sich anzustrengen. Sie wollen nicht nur arbeiten, um etwa einen noch größeren Gewinn für die Firma herauszuholen. Das Modell Europa ist ein tolles Modell für eine Zukunftsvision. Wir haben viele Freiheiten und soziale Sicherheiten, die man in den USA nicht hat. Die Sicherheit in europäischen Städten ist sogar in London deutlich besser als etwa in Houston. Die Mordrate dort ist etwa zehnmal höher und dabei liegt Houston in den USA bei der Mordrate im Mittelfeld. Da möchte ich doch nicht mit den USA tauschen. Das ist doch kein Vorbild. Und wenn Trump sagt, er wolle Grönland kaufen, dann sollten wir Kanada auffordern, der EU beizutreten. Eine offensive Herangehensweise ist historisch immer die beste gewesen. 

Die EU steht inzwischen für Bürokratie und Überregulierung. Das soll eine Vision sein? 

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ging gerade an Forscher, die die Abhängigkeit einer starken Wirtschaft von starken Institutionen herausgearbeitet haben. Es braucht einen starken und funktionsfähigen Staat, der Regeln durchsetzen kann und für Stabilität sorgt. Natürlich besteht die Gefahr der Überregulierung. Und das ist ohne Zweifel in Deutschland und Europa passiert. Wir müssen die Balance zwischen Einzelfallgerechtigkeit und Nur-den-Rahmen-setzen zurückgewinnen.  

Das funktioniert nicht . . .  

. . .  gucken Sie sich das Steuersystem an: Je komplexer es ist, desto mehr werden große Vermögen bevorzugt. Es sind am Ende nur die Vermögenden, die sich eine gute Beratung erlauben können. Der kleine Steuerzahler zahlt einfach. Feintuning, auch wenn es soziale Ziele verfolgt, ist kontraproduktiv. Gerechtigkeit entsteht nur, wenn es einfacher wird.  

Und das alles können wir aus der Vergangenheit lernen? 

Wir können aus der Vergangenheit lernen, dass mit der Industrialisierung immer Umbrüche einhergehen. Das war so in der neueren Zeit mit der Textilindustrie, es gab erst einen Boom und dann kam die Krise. Gerhard Hauptmann hat das in seinem Werk „Die Weber“ dramatisch gezeigt. Maschinen übernahmen die Jobs von Menschen. Andere Länder wurden wettbewerbsfähiger. Die Menschen verloren ihre Arbeit und hungerten. Am Ende ist von der Textilindustrie nichts mehr übriggeblieben, aber neue und bessere Jobs entstanden woanders. Das hat sich dann oft wiederholt: Bis nach dem zweiten Weltkrieg boomte die Montanindustrie in Deutschland. Sie ist zusammengebrochen, weil Öl und Gas billiger wurden als Kohle und später auch Eisen und Stahl aus anderen Ländern preiswerter war. Durch den Zusammenbruch sind sehr viele Traditionen und Jobs verloren gegangen.  

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