Harn mit Hirn: Wie Maj Puskaric aus Pipi Geld macht

Allein der Name: Eberdingen-Nussdorf. Irgendwo im Nichts, weit hinter Stuttgart, wo sich kleine Dörfer zwischen Weinberge kuscheln und die Obstfelder bis zum Horizont reichen. Dort steht am Ende der letzten Straße eines kleinen Örtchens ein unscheinbares Häuschen. Rustikal verputzte Wände im Erdgeschoss, holzverkleidetes Obergeschoss, große Garage. Kein Schild verrät, was sich hinter der Fassade verbirgt. Nicht der kleinste Hinweis auf den Irrsinn, der sich Bahn bricht, sobald Maj Puskaric die Haustür öffnet.

Zack! Drei vermummte, mit Konfettikanonen bewaffnete Gestalten stürzen heraus. Brüllen, als müssten sie ein Monster in die Flucht schlagen. „So begrüßen wir unsere Gäste immer“, sagt Puskaric, groß, schlank, weißer Anzug, im breitesten Schwäbisch. „Auch die Typen von der Bank.“ Puskaric, 40, ist eine Mischung aus baden-württembergischem Tüftler und Balkan-Zampano. Einerseits genialer Erfinder des künstlichen Urins und Chef eines global agierenden Unternehmens. Andererseits ein Typ, der mit Konfettikanonen auf Besucher ballert und als sein urinierendes Alter Ego „Captain Mittelstrahl“ im knallgelben Superheldenkostüm durch You-tube-Werbeclips hüpft. Rundgang durch die Firmenzentrale: Die ist im Grunde ein altes Bauernhaus, dessen Stall irgendwann zu einem Lagerraum umgebaut wurde. In den 90ern wurde das Ganze dann zu einem Vorstadttraum mit Veranda, großem Teich im Garten und lichtdurchflutetem Dachgeschoss gepimpt.

Puskarics Tour durch sein Reich hat ein bisschen was von den Szenen in „James Bond“-Filmen, indenen Q die neuesten Erfindungen vorführt. Plötzlich blubbert der Teich, als ob ein Schlammungeheuer von unfassbaren Ausmaßen erwachen würde. Auf der Veranda liegen Pfeile und Schießrohre. Puskaric schnappt sich ein Rohr und pustet, zack, zack, zack, drei Pfeile auf Luftballons, die an einer gut sieben Meter entfernten Holzwand befestigt sind. In der ehemaligen Garage lagert in Regalen der Quatschbedarf von Captain Mittelstrahl, fein säuberlich in Plastikwannen einsortiert. Davor härtet gerade eine neue Ladung Fake-Penisse aus. Zurück im Garten, springt schreiend eine Mitarbeiterin aus dem Gestrüpp, die sich, tja, als Gebüsch verkleidet hat. Das Kostüm kann man in Puskarics Webshop kaufen.

Stalin und Silikonpimmel

Je länger die Führung durch Puskarics Einfamilienhausfirma dauert, desto drängender stellt sich die Frage: Was, bitte, soll das? Ist das hier eine Art Arbeitsplatz gewordene Slacker-WG? Oder arbeitet in diesem Mini-Disneyland mit Pimmeln überhaupt jemand ernsthaft?

Schnelle Antwort: Ja. Das unscheinbare Haus in der schwäbischen Provinz ist Heimat von einer Handvoll Firmen. Erst einmal CleanU, der mit „leicht irre“ nur unzureichend beschriebene Onlineshop von Puskaric, über den er all den albernen Partykram, Drogentests, Fake-Penisse und den mit dreifach abhörsicherer Folie ausgestatteten Lederbeutel „Stalin“ vertickt. Der soll verhindern, dass die NSA, Apple oder wer auch immer mitverfolgt, wo man sich mit seinem Smartphone gerade aufhält. „Das haben mittlerweile auch drei Abgeordnete im Bundestag“, behauptet Puskaric. „Aber ich darf natürlich nicht sagen, wer.“ CleanU-Bestseller aber, Puskarics Meisterstück, ist künstlicher Urin.

Die Geschichte begann so: Der junge Maj Puskaric hatte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann fast beendet, war dann aber von der Eintönigkeit der Arbeit und den lieben, jedoch öden Mitarbeitern gelangweilt. Also absolvierte er eine zweite Ausbildung zum Elektriker. Und arbeitete anschließend als Steinmetz. Dann gründete Puskaric seine erste Firma, einen Partyveranstalter. Schmiss riesige Feiern auf dem Land und versenkte am Ende viel, viel Geld. Aber aufgeben? Nö. Seinem Steuerberater kündigte er großspurig an, er werde aus Scheiße Gold machen. Heute macht Puskaric tatsächlich fast genau das – Geld mit Fake-Urin.

ClenU
„Meine 13. Firma wird eine Milliarden-Idee. Gewaltig“ – Maj Puskaric

Puskaric sah den Bedarf, hatte von der Materie aber nicht die geringste Ahnung. „Ich habe ganz viele Chemiker gefragt, ob man synthetischen Urin herstellen kann, und alle haben gesagt: ,Nee, geht nicht.‘ Aber das war mir egal.“ In der heimischen Küche tüftelte er ein halbes Jahr an seiner fixen Idee herum, kippte immer und immer wieder übel riechende Versuche in den Abguss – bis keiner der marktüblichen Tests mehr den Unterschied zu echtem Urin erkennen konnte. Der Erfinder meldete absichtlich kein Patent an. „Dann müsste ich die Rezeptur offenlegen“, sagt er. „Da mach ich’s lieber wie Coca-Cola und halt die Zutaten geheim.“

Dann startete er, stellte eine Biochemikerin ein. Gemeinsam verbesserten sie die Rezeptur und begannen mit der Produktion. Naheliegendste Zielgruppe: Menschen, die in die Situation geraten, etwas vorpinkeln zu müssen, das aber aus guten Gründen, sprich: Schwangerschaft, Alkohol und Ähnliches, nicht wollen. Wirtschaftlich bedeutendere Kundengruppe: Labore und Entwicklungsabteilungen von Firmen, die Puskarics Produkt in der Lack-, Kunststoff- und Textilprüfung oder im Medizin- und Veterinärbereich einsetzen. Wer herausfinden muss, wie sein Produkt reagiert, wenn jemand daraufpinkelt, braucht standardisierten, lagerfähigen Urin.

Das Angebot von Puskarics zweiter Firma, dem seriösen, IHK-geprüften Unternehmen Synthetic -Urine, umfasst neben Urin-Imitat auch Nachahmungen von Morgenurin, Harngeruch sowie synthetischen Schweiß, künstlichen Speichel und allerlei Remakes tierischer Körpersäfte. Unter den Abnehmern finden sich Uhrenhersteller und Kunstausstellungen, Kunden aus dem Jagdbereich, Anbieter mobiler Toiletten, Apotheken und die Bundeswehr.


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