Entscheider: Soll man Meetings im Park abhalten?

JA. Raucher sind geschlagene Menschen, zumal im Büro. Madmanesk am Schreibtisch paffende Kollegen – schon die Vorstellung wirkt so befremdlich wie die Idee, Schulkindern statt vegan belegter Frühstücksstullen eine Marzipanschnecke in die Brotdose zu legen. Doch so begrüßenswert gesund das tabakbefreite Arbeitsumfeld daherkommt, so mitleiderregend nimmt es sich aus, wenn die einzige verbliebene Raucherin der Abteilung nach überdauertem Meeting mit Zigarette zwischen den zitterigen Fingern sich aus dem Konferenzstuhl Richtung Balkon empfiehlt. Dabei hat es der Herr in seiner unendlichen Weisheit – womöglich selbst ein passionierter Raucher – durchaus einzurichten gewusst, unser Büro an einen Park zu legen. Natürlich sind die Süchte der Kollegen nicht Grund, die Arbeit prinzipiell unter offenen Himmel zu verlegen. Aber sie können doch immerhin Anlass sein, die Meetings, die in einem schmucklosen, nur zum Preis eines inhuman ansteigenden Straßenlärmpegels naturbelüftbaren Kubus abgehalten werden, was bei zunehmender Brainstormingdauer zu exponentiell steigender Unproduktivität führt, zumindest ab und an durch sauerstoffumwehte Break-out-Sessions aufzulockern. Zu den klimatischen kommen logistische Vorteile: Wer ohne Schreibtisch denkt, tut dies eher mit dem Kopf, als dass er sich an mitzuschleppenden Papierstapeln festkrallt. Wenn Luft und Hirn keine Resultate befördern, dann vielleicht externe Einflüsse. Denn im öffentlichen Raum wird es endlich möglich, das bislang brachliegende Inputpotenzial der Passanten abzuschöpfen – und die Parks der Stadt sind angefüllt von Menschen, die sich nur allzu gerne anderen mitteilen. Für den Fall, dass dies auch nicht hilft, hat der Herr – vielleicht war es ein anderer – außerdem einen Biergarten in den Park gebaut. Und das bislang nur selten enttäuschte Vertrauen auf die inspirationsstiftenden Kräfte des Alkohols, treuen Lesern dieses Magazins dürfte es wohlvertraut sein. CHRISTIAN COHRS

NEIN. Ein Mittwochnachmittag bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein, doch leider: ein Arbeitstag.

Während jeder vernünftige Freelancer den Anrufbeantworter anstellt und zum nächstgelegenen See fährt, darben die Festangestellten in mäßig klimatisierten Büros und blicken schmachtend aus dem Fenster. Wouldn’t it be nice? Also der Vorschlag: Wir könnten unser Meeting doch in den Park verlegen. Oh, verlockender Ruf des Grünen! Wiese, Sommer, ein Hauch von Pommes in der Luft! Wer könnte dazu Nein sagen? Nun ja: Jeder halbwegs vernunftbegabte Mitarbeiter. Denn natürlich ist das Meeting im Grünen nichts als eine Finte der modernen Arbeitswelt, ein fieser Trick des Spätkapitalismus, ein bitterer Trugschluss. Tut so, als wäre es Freizeit, ist aber doch Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein Wolf im Schafspelz. Das Prinzip „Anschauen, aber nicht anfassen“. Letztlich sitzt man verkrampft auf einer von Hunden vollgekackten Wiese, die Praktikantin sucht verzweifelt nach einer Toilette, das linke Bein schläft ein, die Notizen sind kaum zu lesen, die Chefin ist kaum zu verstehen, weil irgendwo Senioren nervtötend über den Kies schlurfen, und wirklich entspannt ist es natürlich auch nicht. Wie auch? Schließlich ist es ja immer noch ein Meeting. Das Schöne, die Freizeit und Freiheit: so nah und doch so fern. Mehr noch ist das Meeting im Freien eine zynische, niederträchtige Idee, die einen nur davon abhält, tatsächlich und in jeder Konsequenz in den Park zu gehen, zwei kühle Bierchen einzupacken und im Halbschatten ein kleines Nickerchen zu machen. Stattdessen nur Menschen zuzusehen, die genau das tun: Was für ein infamer Vorschlag. Im Englischen sagt man: If you’re going through hell, don’t stop walking. Mit der Arbeitszeit verhält es sich ganz ähnlich. Wem es mit dem Sonnenbad im Park tatsächlich ernst ist, schlägt besser vor, das Meeting so schnell und effektiv wie möglich hinter sich zu bringen – und macht um 16 Uhr Feierabend. Dienst ist Dienst – und Park ist Park. DANIEL ERK

Der Entscheider stammt aus der aktuellen Business Punk 04_2015. Titel-Thema: $UCCESS BY DRE – der Aufstieg des Hip-Hop-Moguls zum reichsten Rapper der Welt. Das brandneue Heft gibt es übrigens HIER!

 


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