Berater sein und im Camping-Van leben – Alexander Kornelsen macht’s vor

Wie sag ich’s den Eltern? Mama, Papa: „Ich habe Nachrichten, ihr werdet es nicht mögen. Ich gebe meine Wohnung auf.“ Die Wohnung, in die Alexander Kornelsen erst vor Kurzem eingezogen war, in die sein Vater gerade die Küche eingebaut hat, für deren Garten extra ein Rasenmäher angeschafft wurde. Der soll nun – wie eigentlich alles bis auf den Fernseher, die Stereoanlage und die Playstation – bei Ebay landen. Denn in seinem künftigen Leben hat Kornelsen keinen Platz mehr für Ballast. Der 29-Jährige will in ein Wohnmobil ziehen. Nicht, um einen Sabbatical-Sommer lang Surfspots abzutingeln. Sondern für immer. Oder zumindest für die acht Monate im Jahr, in denen man als Dauercamper in Düsseldorf ein gechilltes Leben führen kann. Da mussten die Eltern dann erst einmal schlucken.

Kornelsen ist einer von vier Beratern von Venture Idea, einer in jeder Hinsicht eigenwilligen Innovationsagentur aus Düsseldorf. Venture Idea hat sich darauf spezialisiert, großen Unternehmen dabei behilflich zu sein, Produkte neu zu erfinden oder bestehende zu verbessern und neue Geschäftsfelder zu entdecken. Sie hat eine Methode entwickelt, die Innovation nicht auf der grünen Wiese sucht, sondern aus den ganzen Zwängen ableitet, denen große Firmen nun einmal unterworfen sind. Vor allem dient Venture Idea jedoch einem Zweck: vier Menschen ein ziemlich schönes Leben zu ermöglichen. 

Seinen Chef Lucas Sauberschwarz, den Gründer von Venture Idea, lernte er vor ein paar Jahren bei einem gemeinsamen Projekt kennen. Der war da noch Marketingleiter bei L’Oréal, Kornelsen bei einer Firma, die Marken half, ihre Produkte in Onlinegames zu platzieren. Es ging um ein in der Modewelt angesiedeltes Free-to-play-Spiel einer bulgarischen Firma. Der Deal scheiterte, weil Sauberschwarz seinen Nagellack nicht in einem Game sah, wo Spieler ihrer Figur nur eine Brustvergrößerung spendieren mussten, um den Ex-Lover zurückzugewinnen. 

Champagner und Ferraris

Doch die beiden blieben in Kontakt. 2011 gründete Sauberschwarz Venture Idea. Noch ein paar Jahre später trafen sie sich in Berlin auf einen Kaffee. „Alex, magst du eigentlich deinen Job?“, fragte Sauberschwarz. Schon, aber da Kornelsen gerade eine Trennung hinter sich hatte und weg aus Berlin wollte, wurde er 2014 Mitarbeiter Nummer eins. Sein erster Test-Case: Ein Champagnerhersteller wollte seine Marke in der Adriaregion stärken. Kornelsen las sich ein, bekam drei Tage Zeit – „War blöd, weil damals gerade die Playstation 4 rauskam“ – und präsentierte Sauberschwarz seine Konzepte. Eines davon: ein Champagner-Lieferdienst mit Ferraris. Nun ja, mag man jetzt denken, aber dann ist man vermutlich Nicht-Champagnertrinker und wohl auch kein Ferrari-Fahrer.

Die Champagner-Testmuster waren kaum ausgetrunken, da stapelten sich bereits Kartons mit Nüsschen in der Agentur. Ültje hatte Venture Idea beauftragt, Konzepte zu entwickeln, wie die Marke aus seiner Nische als Begleitsnack für das Abendprogramm herauskommen kann. 

Ehe die Berater nun loslegen, stecken sie erst einmal den Rahmen des Möglichen ab. Sie lernen, welche Trockenfrüchte der Hersteller überhaupt verarbeiten kann, und verstehen, dass man Nussessern nicht mit englischen Namen kommen braucht und dass bedingt durch den vorhandenen Maschinenpark jede Zutat mindestens 20 Prozent des Tüteninhalts ausmachen muss. Charmante Einfälle wie „Russisch Roulette“, wo eine extrascharfe Nuss in der Packung versteckt ist, verschwanden direkt wieder in der Schublade. Am Ende kamen 80 Ideen heraus, neun gingen in die Marktforschung, drei landeten im Supermarktregal. Alle gehörten laut Kornelsen zu den Top-Markteinführungen der vergangenen Jahre.

„Konzerne haben viele Restriktionen“, sagt Kornelsen. „Ihre Fünf-Jahres-Strategie, eine etablierte Marke, feste Produktionsstandorte.“ Wenn sich da was bewegen soll, muss man also eine ganze Reihe von Faktoren berücksichtigen. Und darum halten sie bei Venture Idea das ganze Gerede von Konzernen, die wie Startups agieren müssten, das Schwärmen von Innovation-Labs, die völlig losgelöst vom Betrieb agieren, für ziemlichen Quatsch. „Wir kriegen Anrufe: ‚Macht ihr auch digitale Transformation?‘ – Da sagen wir: ,Stopp, stopp, stopp. Wollt ihr Transformation oder mehr Umsatz oder Gewinn?‘“

Eine berechtigte Frage, wenn ein Haushaltsgerätehersteller die Entwicklung eines appgesteuerten Backofens mit der Absatzstrategie „Wir machen halt Werbung, und dann kaufen die“ rechtfertigt, sich aber keine Gedanken macht, dass niemand einen neuen Herd kauft, nur weil man den per App anschalten kann – sondern weil er umgezogen ist oder renoviert. 


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