Berater sein und im Camping-Van leben – Alexander Kornelsen macht’s vor

Seit Gründung hat die Agentur 50 Projekte aus 20 Branchen umgesetzt. Die Bandbreite der Kunden reicht vom Erdnusseintüter bis zum Energieversorger. Aber wenn es doch so gut läuft, warum besteht Venture Idea dann nur aus vier Leuten? „Mit Absicht“, sagt Kornelsen. „Damit wir frei sein können und machen, worauf wir Bock haben.“ Säßen im Düsseldorfer Büro zwei Praktikanten, müsste sich halt dauernd jemand um die kümmern. Das würde die vier vor eine große Herausforderung stellen. Selten sind alle gleichzeitig im Office. Denn wo man arbeitet, ist jedem selbst überlassen. Urlaub gibt es nicht, man nimmt sich die Zeit, die man braucht. Jedes Projekt wird nur von einem der Berater federführend betreut. Der widmet sich diesem dann aber über ein halbes Jahr komplett. Die anderen sind nur dann involviert, wenn es gilt, in Workshops mit Laien und Experten „Rohideen“ zu entwickeln und diese später zu „twisten“, wie sie es bei Venture Idea nennen. 

Innovationsberatung
Florian Lanzer, Alexander Kornelsen, Lucas Sauberschwarz und Lysander Weiss (v.l.). Im Hintergrund die Bar Meetingraum, durch die jeder gehen muss, der ins Düsseldorfer Büro von Venture Idea will.

Diese Methode schafft große Freiräume – die reichlich ausgenutzt werden. Einer von ihnen surft gerne und arbeitet deswegen am liebsten in Lissabon nicht weit vom Strand. Ein anderer hat gerade Lust, über den Winter ein Buch zu schreiben – aber sicher nicht im kalten Deutschland, sondern in Kapstadt. „Wir wollen keine Manager sein“, sagt Kornelsen. „Ich will die Ideen selber machen. Deshalb bleiben wir klein.“ Der Typ, der so gerne der fünfte Mann bei Venture Idea wäre und sich als Kino-Popcornverkäufer in der Warteschleife hält, sollte sich also vielleicht besser keine allzu großen Hoffnungen machen. 

Wie ernst es ihnen bei Venture Idea mit der Selbstverwirklichung ist, macht ein Pflichttermin für alle Mitarbeiter deutlich. Einmal im Jahr muss jeder sagen, was seine aktuellen Lebensziele sind. Nicht das übliche Wo-siehst-du-dich-in-x-Jahren?-Blabla, sondern echte Lebensziele. Dann wird mit Rot, Gelb, Grün bewertet, wie nah man dem in den vergangenen zwölf Monaten gekommen ist. Als Kornelsen das erste Mal nach seinen Lebenszielen gefragt wurde, hatte er keine Antwort. Inzwischen hat er viel darüber nachgedacht. Womit wir wieder beim Wohnmobil wären.

Recherche unter Campern

Als Kornelsen seinen Eltern von seiner Dauercamperzukunft erzählt hat, machte ihm sein Vater einen Vorschlag: Er würde ihm helfen, den Familien-Touran zu einem Campingauto mit Schlafplatz und Kochgelegenheit umzubauen. Damit solle er dann mal drei Wochen mit seiner Freundin über den Balkan fahren, und er würde schon sehen, dass eine feste Wohnung doch ihre Vorzüge hat. „Mein Vater hat gedacht, der kommt zurück und hat die Schnauze voll“, sagt Kornelsen.

Hatte er nicht. Doch zunächst kam etwas anderes dazwischen. Während der Rückreise klingelte Kornelsens Handy: „Alex, komm her, wir haben das Projekt und ein Meeting.“ Also bog er ab Richtung Süden, kaufte sich einen Anzug und saß wenig später im Büro eines Wohnmobilherstellers. Mit dem hatte Venture Idea schon zwei Jahre lang über eine Zusammenarbeit verhandelt – und Kornelsen nun das Projekt seines Lebens.

„Konzerne sind super, wenn es um inkrementelle Innovationen geht“, sagt Kornelsen. Heißt im Fall eines Campingmobilbauers, dass sie exzellente Spezialisten in der Firma haben, um ihre Produkte immer besser zu machen – gemessen an den Ansprüchen der vorhandenen Kunden. Nur was, wenn die immer älter werden? Dann braucht es Impulse von außen. „Wir sind nicht intelligenter als die Mitarbeiter, aber wir haben 800 Stunden Zeit für ein Thema“, sagt Kornelsen. Zeit, um sich bei allen möglichen Facebook-Gruppen für Camper anzumelden, Zeit, durch das Wohnmobilmuseum zu schlendern, Zeit, sich Interior-Baupläne für Yachten, Flugzeuge, Raumschiffe anzuschauen, Zeit, um die Designer des Auftraggebers nach ihren wilderen Ideen zu fragen und sie so ins Boot zu holen, Zeit, um auf Messen Camper nach deren Bedürfnissen auszuhorchen. Ein halbes Jahr Projektlaufzeit bietet reichlich Raum, im riesigen Wohnmobil, das der Auftraggeber zur Verfügung gestellt hat, selbst on the Road zu gehen. Am liebsten einmal quer durch Afrika nach Kapstadt. (Warum soll der Kollege als Einziger im Warmen sitzen?) Das scheiterte zwar an der Sicherheitslage in einigen Staaten, die hätten durchquert werden müssen, befeuerte Kornelsens Wunsch nach dem Dauercamperleben umso mehr: „Scheiße, ich will dieses kleine Auto wieder.“ Die Freiheit, das Ungewisse, Raum für Experimente. 

Nachdem er damals nicht wusste, was seine Lebensziele sein könnten, hatte Kornelsen sich vorgenommen, jedes Jahr fünf neue Dinge auszuprobieren. Er ist gepilgert, war surfen, skydiven. Gerade hat er sich ein Skateboard gekauft. „Das Gierige“, wie er es umschreibt, „das kann ich nur machen, wenn ich Ballast abwerfe.“ Klingt nach viel Grün beim nächsten Lebensplan-Update-Meeting.

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 06/2016 der Business Punk. Titelgeschichte: “Zalandos 20.000.000.000 Wette.“ Mehr Infos gibt es hier.


Christian Cohrs

Christian ist der Redaktionsleiter bei BUSINESS PUNK und legt großen Wert darauf, dass Startups nicht in Schmieden hergestellt werden. Wenn er nicht an den Texten von Autoren herummäkelt (das ist nun einmal sein Job), schreibt er über Gründerthemen, Gewissensfragen und Schnaps.

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