Pyjama-Party: Bei Liganova übernachten Bewerber beim potenziellen Chef

Mehr als ein Drittel sind keine Fits

Andrins Rekrutierungsverfahren zielt auf Mitarbeiter in Leadership-Positionen ab, die viele Touchpoints mit ihm haben und Verantwortung übernehmen müssen. Trotz des Aufwands, den er in die Suche nach den richtigen Leuten steckt, und langer Erfahrung liegt Andrin nicht immer richtig bei seiner Auswahl. „30 bis 40 Prozent meiner Rekrutierungen gehen daneben“, räumt er offen ein. Es bestehe immer ein Restrisiko, selbst bei Leuten mit einem fantastischen Track-Record. In manchen Kontexten funktionierten sie perfekt, in anderen eben nicht. „Mein Gravitationsfeld stößt ab, aber es zieht auch an.“ Das ist mal eine Punchline. Ich stelle mir vor, wie dieser Satz in großen, goldenen Lettern in die weißen Wände der Empfangshalle von Liganova eingraviert steht.

Nach einer Stunde im Büro machen wir uns auf den Weg zu ihm nach Hause. Wir steigen in seinen grauen Tesla. Nach kurzer Fahrt stehen wir vor dem Einfahrtstor seines Anwesens: Villa aus den 70er-Jahren im Bauhausstil, aufeinandergestapelte weiße Blöcke, schlicht, aber luxuriös. In der Küche begrüßt mich Andrins Frau. Sie hat bereits mit dem Kochen begonnen. Andrin und ich gehen nach draußen, auf die Terrasse. Wir stellen uns an den Pool, schauen auf das beleuchtete Wasser, das so hell schimmert, als lägen Tausend Goldtaler auf dem Grund. Wir schweigen. Ein heißer Sommertag geht zu Ende. Und unser gemeinsamer Striptease kann beginnen.

Beim Abendessen frage ich, wie denn Bewerber reagieren. Ich kann mir vorstellen, dass manchen diese Art der Rekrutierung zu persönlich ist. „Du hast natürlich auch viele Charaktere, die Angst haben, etwas von sich preiszugeben. Das musst du dann auch aushalten. Es darf an dieser Stelle eine Einbahnstraße sein“, gibt Andrin zu verstehen. Und natürlich bleibt das Ende offen. Andrin erzählt von einem Architekten, den er zu sich nach Hause eingeladen hatte. Einen sehr jungen, talentierten Mann mit großen Ideen. Die Voraussetzungen waren bestens. Aber je länger das Gespräch dauerte, je besser sich die beiden kennenlernten, desto mehr wurde beiden klar: Wir liegen doch nicht ganz auf einer Wellenlänge.

Nach dem Essen sitzen wir noch ein wenig da, starren auf den Pool, und ich frage mich, ob Andrin mir gleich anbietet, einmal reinzuhüpfen. Schon bei dem Gedanken bin ich peinlich berührt. Die Vorstellung, ein paar Bahnen zu ziehen, ist verlockend. Doch gleichzeitig muss sich das – erst recht für echte Kandidaten für einen Job bei Liganova – extrem unangenehm anfühlen: nur in Badehose im Pool des möglicherweise künftigen Chefs.

Überhaupt, im Laufe des Abends dreht sich das Gespräch. Jetzt kommt Andrin mit der einen oder anderen Frage zu meiner Person, will Dinge ziemlich direkt wissen. Meistens pflege ich bei meinen Antworten klassisches Diplomatendeutsch: Ich antworte zwar auf die Frage, lasse mich aber auf keine verbindliche Aussage festnageln.

Koje liegt neben dem Fitnessraum

Später zeigt mir Victoria Andrin das Gästezimmer, das sich in der unteren Etage des Hauses neben dem Fitnessraum befindet. Das Zimmer ist groß und geräumig, neben dem Kingsize-Bett steht eine alte Schreibmaschine auf dem Nachttisch. Um neun Uhr gebe es Frühstück, sagt Victoria Andrin und wünscht mir eine gute Nacht. Ich schmeiße mich auf das Bett und frage mich: Wie viele Bewerber ihren Kopf schon in dieses Kissen gedrückt haben? Andrin meinte, er betreibe diese Form der Rekrutierung schon von Anfang an. Eine genaue Zahl wollte er nicht nennen, aber bei über 350 Mitarbeitern werden es einige gewesen sein.

Wie in einem Film sehe ich alle bisherigen Bewerber das Ritual durchlaufen: Sie alle sitzen mit dem Ehepaar Andrin am Tisch, essen zu Abend, werden in das Gästezimmer geführt, legen sich hin und fangen an, im Stillen über ihre Performance nachzudenken: Habe ich beim Essen geschmatzt? Hätte ich weniger Privates erzählen sollen? Musste die Geschichte über meinen verstorbenen Hund wirklich sein? Solche Fragen wiegen die Kandidaten in einen guten oder auch nicht so guten Schlaf … Schließlich geht es für echte Bewerber hier nicht um einen netten Abend in einem schönen Haus mit gutem Essen, sondern um ihren künftigen Job.

Am nächsten Morgen bekommen wir von der Haushaltshilfe ein Frühstück serviert, das das stolze Ergebnis mehrerer intensiver Ernährungsworkshops sein muss. Es gibt Pfannkuchen aus pflanzlichem Eiweißpulver, frischen Bio-Eiern und Erdmandelmehl. Dazu eine Erdbeersoße aus Lambada-Erdbeeren und geröstete Kokoschips. Und zu trinken Weizengras-Shots.

Zwischen den leckeren Pfannkuchen und aufpeppenden Weizengras-Shots schiebe ich noch eine letzte Frage hindurch: Welche Qualifikationen überzeugen Andrin bei einem Bewerber? Ihm sei weniger wichtig, was Leute studiert haben, sagt er, viel bedeutender: Persönlichkeit und Selbstvertrauen. „Wir sind interessiert an Leuten, die eine Vorstellung davon haben, wo sie hinwollen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Am meisten stören mich Leute, die nicht wissen, wo sie hinwollen.“ Wobei wir wieder am Anfang dieser Geschichte wären, bei der wichtigsten Frage von allen: „Was ist deine Mission?“

Ehrlich gesagt – ich habe auch nach diesem Abend, trotz Striptease und durchgrübelter Nacht, nicht die Spur einer Ahnung, was genau nun meine Mission sein könnte. Aber zum Glück brauche ich gerade keinen neuen Job.

 

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 01/2017 der Business Punk. Titelgeschichte: “Mister Snapchat.“ Mehr Infos gibt es hier.


René Krempin

René Krempin hat Kultur- und Medienwissenschaften studiert und über mehrere Stationen bei Print- und Online-Medien den Weg in die Agentur gefunden. Bei OSK arbeitet er als Online- und Social-Media-Redakteur. Mit großem Interesse verfolgt er unter anderem die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.

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