Leadership & Karriere Diskriminiert Youtube LGBT-Inhalte?

Diskriminiert Youtube LGBT-Inhalte?

Vor etwas mehr als zwei Wochen stellt Chase Ross ein Video auf Youtube und sagt darin, er habe Angst, dass sein Channel gelöscht wird, da er trans sei. Wie, der Laden, der so stolz ist auf seine queere Community würde jemanden aufgrund seiner Identität diskriminieren? Gut, so einfach ist es nicht. Aber von vorn.

Vor mehr als einem Jahr beschwerten sich mehrere queere Youtuber, ihre Videos würden demonetarisiert und altersbeschränkt oder seien in Suchen nicht mehr auffindbar. Youtube räumte dann ein, dass Algorithmen bestimmte Kontexte manchmal nicht richtig verstehen würden, grundsätzlich aber keinen Content herausfiltern sollten, basierend auf „gender, gender identity, political viewpoints, race, religion or sexual orientation„. Man gelobte Besserung, die Probleme sollten gefixt werden.

Hat sich was verbessert?

Ein Jahr später aber sitzt Chase Ross vor seiner Kamera und befürchtet sogar die Schließung seines Kanals, da jede Restriktion einem Strike gleichkomme: Immer noch würden seine Videos regelmäßig als werbeuntauglich eingestuft, altersbeschränkt und gelöscht. Und das passiere vor allem, wenn er Wörter wie „trans“ oder „transgender“ im Titel verwendet. Er geht also davon aus, dass diese Wörter automatisch eine Restriktion triggern. Und mehr noch: Seit einiger Zeit beschweren sich gerade queere Youtuber, es würde regelmäßig Werbung von Anti-LGBT-Gruppen vor ihren Videos geschaltet.

Nun ist klar, dass die LGBT-Community in den USA andere Kämpfe als in Deutschland kämpft. Hierzulande gibt es ein komplett anderes Werbeumfeld, andere gesellschaftliche Debatten werden geführt und es herrscht ein anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Wie also sieht die Situation unter Youtubern in Deutschland aus? Gibt es hier ähnliche Probleme, wenn sich Channels inhaltlich mit Trans- oder Homo- oder Intersexualität auseinandersetzen?

Eine kurze Recherche auf Youtube mit potenziellen Triggerwörtern wie „schwul“, „homo“ oder „trans“ scheint in meinem persönlichen Feed erstmal vielversprechend viele Videos anzuzeigen, die sich auch inhaltlich mit der Thematik auseinandersetzen. Im Mittelfeld taucht ein „Coming Out“-Video der Drag Queen und Siegessäule-Kolumnistin Candy Crash auf, das jedoch vor einiger Zeit noch nicht so einfach zu finden gewesen sei, wie sie sagt. Es war demonetarisiert.

Screenshot Youtube

Das sind bei Youtube Videos, die nicht werbetauglich oder jugendfrei sind, weil sie bestimmten Kriterien zu vulgärer Sprache oder sexuellen Inhalten nicht entsprechen. „Dabei hat das Video gar nichts mit Sex zu tun“, sagt Candy Crash. Dasselbe gelte für „Candy klärt auf“, eine Reihe Videos, in der sie über Begriffe wie „Gender vs. Sexualität, schwul, gay oder homo“ aufklärt. In all den Videos gehe es um Identität, nicht um Sex, trotzdem hätte es bei vielen davon Restriktionen gegeben.

Auch andere deutschsprachige Youtuber berichten von ähnlichen Erfahrungen. Makeup-Artist Marvyn Macnificent verschlagwortet seine Videos heute zum Beispiel nicht mehr mit „schwul“, da sie sonst im eingeschränkten Modus oft nicht mehr angezeigt würden. Damit lassen sich Videos ausblenden, die möglicherweise unangemessene Inhalte enthalten. Im eingeschränkten Modus hätte er auch sein eigenes Coming-Out-Video nicht mehr gesehen, sagt Marvyn (mittlerweile ist es sichtbar). Solche Inhalte würden oft „mit Sex oder pornographischen Inhalten in Verbindung gebracht oder als Schimpfwörter benutzt. Es gibt auch die Denke, es sei noch zu früh darüber zu reden.“ Daher würde man eben oft altersbeschränkt und rutsche in bestimmte Filter.

Nun ist aber auch richtig, dass man Einspruch erheben kann, wenn ein Video zum Beispiel gesperrt wird und oft werden die Restriktionen dann wieder aufgehoben. Trotzdem scheint es ein systematisches Problem zu sein, wenn immer wieder ähnliche Inhalte gefiltert werden, ohne dass Youtubes Algorithmen dazulernen.

Was sagt Wojcicki dazu?

Im vergangenen Jahr, als die Vorwürfe das erste Mal hochkochten, hatte Jolina Mennen mit anderen reichweitenstarken deutschen Youtubern einmal die Gelegenheit Youtube-CEO Susan Wojcicki dazu zu befragen, als sie sich in Berlin mit ihnen traf. Als Antwort bekam sie sinngemäß: „Die Arbeit am Algorithmus ist ein sehr wichtiger Prozess und wir arbeiten intensiv daran.“ Für Transfrau Jolina muss so eine Antwort enttäuschend sein. Für sie geht es nicht nur um ein potenzielles Triggerwort für einen Youtube-Algorithmus, sondern um ihre Identität, mit der sie sich auch in ihren Videos auseinandersetzt – und die ebenfalls demonetarisiert wurden, nachdem die Schlagwörter „transgender“ und „Coming Out“ benutzt wurden. „Youtube will kommerzieller werden und viele Firmen die auf YouTube werben, wollen vermutlich nicht mit LGBT-Inhalten in Verbindung gebracht werden. Vielleicht erkennt also der Algorithmus, welche Video-Inhalte von Werbepartnern gemocht werden“, sagt sie.

Mittlerweile seien jedoch fast keine ihrer Videos mehr betroffen, obwohl sie immer noch das Gefühl hat, in der Suche nicht besonders gut angezeigt zu werden. Ein Beweis ist das natürlich nicht. Und klar kann eine Zurückstellung, Sperrung oder Ähnliches die verschiedensten Gründe haben, hierzu gibt es mehr oder weniger klare Richtlinien. Sollte es jedoch so sein, dass tatsächlich LGBT-Inhalte systematisch minderbehandelt werden, so kommen eigentlich nur zwei Gründe in Frage: Entweder LGBT wird leichtfertig mit sexuellem Content gleichgesetzt und landet daher in der Explicit-Schublade oder Youtube handelt proaktiv im Sinne von Werbekunden, die nicht damit in Verbindung stehen wollen.

Youtube hält sich dazu ähnlich vage wie bereits im vergangenen Jahr: „Sometimes our systems get it wrong, which is why we’ve encouraged creators to appeal. Successful appeals ensure that our systems get better and better“, sagte ein Sprecher dem Independent. Desweiteren gebe es keine Liste mit „LGBT-related words“, die eine Demonetarisierung triggern würden. Unsere eigene Anfrage blieb unbeantwortet.

Übrigens: Das obige Video von Chase Ross, in dem er sich über die Anti-LGBT-Werbung vor seinen Videos beschwert, ist im eingeschränkten Modus derzeit nicht verfügbar. Es trägt „Trans“ im Titel.

Screenshot vom 19. Juni 2018

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