Aliya Prokofyeva plant eine gigantische Raumstation – für 10.000 Menschen

Satellitenflotten und Asteroidenbergbau

Zumindest bisher scheint Prokofyevas Kalkül aufzugehen. Mit Galaktika gründet sie Startups und nimmt bereits existierende Unternehmen auf, die Fundings und erfolgreiche Projekte mitbringen. So wie Sputnix, ein auf Mikrosatellitentechnologie spezialisiertes Unternehmen, das 2014 den ersten privaten Fernerkundungssatelliten Russlands in die Umlaufbahn gebracht hat. Unter dem Dach von Galaktika arbeitet es am Pulsar-Programm, einer 200 Satelliten starken Flotte, die das Internet der Dinge im All ausbauen soll. Oder Anisoprint, das ein 3D-Printverfahren mit Kompositmaterialien entwickelt hat, die robust genug für eine Verwendung in der Raumfahrt sind. Solche Technologien seien wichtig, sagt Prokofyeva, um Produktionsmittel direkt im All herzustellen. Das werde notwendig, wenn die Entfernung Versorgungstransporte nicht mehr zulässt, etwa beim Bergbau auf Asteroiden.

Sputnix und Anisoprint sind in Skolkowo angesiedelt, einem vom Staat mit 4 Mrd. Dollar geförderten Innovationszentrum bei Moskau, mit dem die Regierung zum Silicon Valley aufschließen will. So gesehen sind die Bedingungen günstig, Russland will aufholen im All. Ambitionierte Unternehmen wie das von Aliya Prokofyeva sind darum willkommen.

Prokofyeva hält weltweit Vorträge auf Konferenzen und promotet russische Raumfahrttechnologie bei jeder Gelegenheit. Mit Sputnix hat Galaktika etwa ein Educational Kit für Ingenieure zur Entwicklung von Satelliten gebaut. Anisoprint hat sich für einen Test auf der „ISS“ beworben. Vor allem aber kümmert sich Prokofyeva um das Narrativ ihres Unternehmens – und um ein schlüssiges visuelles Konzept, das stark auf sie selbst zugeschnitten ist. Auf ihrem persönlichen Instagram-Account und dem der Firma wechseln sich immer wieder Rot- und Purpurtöne mit kaltem „Blade Runner“-Blaugrau ab. Oft zeigen die Bilder Prokofyeva als futuristische Fashion-Ikone, umgeben von Planeten, im eleganten Abendkleid vor Raketen, in einer silbern schimmernden Steppjacke in einem Kontrollraum oder vor bunten Satellitenaufnahmen und alten Illustrationen sowjetischer Kosmonautik.

Popkulturmix zwischen Retrofuturismus, „Alien“ und „Blade Runner“.

 

Das Steve-Jobs-Prinzip

Für Prokofyeva ist diese Art von Personal-Brand-Building essenziell: „Menschen bauen auf Science-Fiction. Ich will, dass Science-Fiction real wird.“ Es gehe darum, die Menschheit auf das Kommende vorzubereiten und eine globale Space-Community aufzubauen. Letztlich ist es das Steve-Jobs-Prinzip: Das schnöde Tagesgeschäft wird mythisch überlebensgroß aufgeladen und um eine Person herum zentriert, die eine irrwitzige Vision verkörpert. Prokofyeva hat diese sehr amerikanische Logik des Kapitalismus erkannt und auf den Privatsektor der russischen Raumfahrt übertragen. Sie hat sich eine Erzählung zugelegt, die unmittelbar mit ihr verbunden ist, und ein Markenzeichen – wie Steve Jobs mit seinen schwarzen Rollkragenpullis oder Lenin mit seiner Schiffermütze.

So ist es am Ende vermutlich gar nicht so entscheidend, wie viel über das operative Tagesgeschäft des Unternehmens hinaus bislang nichts als reine Fantasie ist oder bereits konkrete Formen annimmt. Ob ihre Mutter tatsächlich Astrophysikerin am Pulkowo-Observatorium war, dessen Chefdesignerin oder doch eher eine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das nämlich variiert je nach Publikation, mit der Prokofyeva spricht. Aber wie schwer wiegen solche Details auf dem Weg ins All?

Menschen wie Prokofyeva, Elon Musk oder Lenin haben das Prinzip Vision verstanden. Megalomanische Ziele sind langwierig in der Umsetzung. Das dämpft den Druck, tatsächlich abzuliefern. Manchmal gelingt das nie. Die UdSSR ging unter, ehe ihr Versprechen wahr wurde, doch die Idee einer gerechten Welt blieb. Und wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann eine Orbital City. Ob Prokofyeva sie baut oder vielleicht jemand anderes, wird sich zeigen. Auf jeden Fall hat die russische Weltraumvisionärin neulich mal wieder bei Instagram ein Bild gepostet. Mit dickem, dunklem Lidstrich.

Der Text stammt aus unserer Ausgabe 04/18. Darin widmen wir uns ausführlich neuen Trends in der HR-Branche. Cover-Story: Ex-StudiVZ-Chef Michael Brehm. Der will Menschen von KI coachen lassen, damit Bots sie nicht abhängen. Außerdem: Eine Stadt im Weltraum, der Coworking-Gigant Wework im Optimierungswahn und ein Dossier zum Thema HR. Mehr Infos gibt es hier.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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