Wohnungsmarkt: Wir Immobilienluschen verstehen den Kapitalismus nicht

Die irrsinnige Nachfrage am Wohnmarkt lässt manchen fragen: Was mache ich falsch, dass ausgerechnet ich keine Wohnung finde? Unser Autor findet: Wir verstehen den Kapitalismus nicht.

Ein Kommentar von Lukas Zdrzalek

Vor Kurzem war ich auf Twitter unterwegs – und habe mich geärgert. Jemand hatte ein Bild gepostet, das ziemlich viele Menschen zeigte, vor allem junge Pärchen. Sie standen vor einem Hauseingang, es war eine Wohnungsbesichtigung in zentraler Lage einer deutschen Großstadt. Die Urheberin des Tweets moserte über den angeblichen Irrsinn, es gab johlende Zustimmung.

Das Foto steht dafür, was derzeit viele bei der Wohnungssuche erleben – aber auch für eine Logik, mit der viele an das Thema herangehen, die erst der Immobilienboom deutlich macht: Wir haben viel zu hohe Ansprüchen bei dem Thema – und vergessen das wahre Problem.

So kapitalistisch wie keine Generation zuvor

Die dröge Sache mit den Immobilien beschäftigt uns inzwischen so sehr, dass darüber heute auch mal bei Partys gequatscht wird, weil wir ja jetzt alle ewig suchen, bis wir was Passendes finden. Klar, da darf man sich schon mal fragen: Macht man womöglich etwas falsch – oder warum findet man nichts?

Ich finde: Das Gejammer über die ewige Suche hat etwas Ironisches. Wir, die 20- bis 40-Jährigen, sind so kapitalistisch wie keine Generation zuvor. Das zeigt auch ein Kernprinzip des Kapitalismus: Wir können zwischen Anbietern und deren Angeboten auswählen.

Und wir nutzen dieses Prinzip so krass, wie es unsere Eltern und Großeltern nie getan haben: Wir bestellen maßlos im Internet, gerne mal ein Kleidungsstück in drei Farben und vier Größen. Wenn trotz der Vielzahl der Klamotten mal wieder keines gefällt, schicken wir es einfach zurück, der Retourenschein liegt ja bei – und bestellen woanders gleich was Neues. Für Unternehmen ist das Hin und Her ein ordentlicher Aufwand, aber von uns stört sich keiner dran. Wir sind nicht die Betroffenen, sondern die Nutznießer. Der Spaß mit dem Zurückschicken kostet ja nicht extra.

Es geht selten um die Ärmsten

Bei der Wohnungssuche erleben wir dann aber etwas Unbekanntes: Dass wir eben nicht wählen können, sondern ausgewählt werden. Dass sich der Vermieter für einen Interessenten entscheidet wie wir es sonst bei Produkten im Onlineshop tun. Klar, wir wollen das Ein-paar-Klicks-bis-zum-Ziel-Prinzip auch am Immobilienmarkt nutzen können.

Man kann sich ewig auf Twitter darüber beklagen, dass uns dieses Prinzip bei der Wohnungssuche verwehrt bleibt, aber dazu sei gesagt: Erst mal ist eine sozial
durchmischte Stadt wünschenswert, in der Arme und Reiche in einer Nachbarschaft zusammen wohnen. Man muss nur bei vielen Klagen über den Wohnungsmarkt festhalten: Da geht es selten um die Ärmsten, die schon Probleme haben, sich die Randbezirke von Großstädten zu leisten. Die kommen oftgar nicht zu Wort. Vielen – ordentlich bezahlte und gut ausgebildete Jung-Akademiker dürfen sich angesprochen fühlen – geht es vor allem um sich.

Die vergessen gerne mal: Es gibt zwar ein Recht auf Wohnen, aber keines darauf, dass junge Akademiker eine Bleibe mit Nähe zur Innenstadt und zur Szenekneipe finden – die obendrein bitte nicht zu teuer ist, damit wir uns ja bitteschön auch noch den fünften Städtetrip in diesem Jahr leisten können.

Es zwingt uns niemand, in die szenigsten Viertel der szenigsten Städte zu ziehen und eine Wohnung mit der Devise zu suchen: Einmal Altbau mit Stuckdecken, großzügiger Wohnküche und Balkon ohne Parkprobleme in einer ruhigen Seitenstraße. Bestimmt haben auch Essen und Osthessen, Bremerhaven, Chemnitz und vermeintlich unattraktive Viertel in Großstädten nette Ecken und Wohnungen, aber da wollen wir nun mal nicht hin.

Ständig umziehen

Wir ziehen – womöglich ausgestattet mit dem Erbe von Großeltern und Eltern – herdentriebartig in die Großstädte und treiben so erst die Preise, weil Vermieter nun mal die Chance nutzen, wenn die Nachfrage steigt. Sich dann über die hohen Preise zu beklagen – und damit indirekt darüber, dass andere die Idee mit der Großstadt leider auch hatten – offenbart zum einen eine Unkenntnis darüber, wie Kapitalismus funktioniert, den wir so sehr ausnutzen – und ist vor allem bigott.

Was daraus folgt, ist: Wir brauchen einen neuen, einen nüchterneren Blick aufs Wohnen. Wir werden nicht wie unsere Eltern ein Leben lang in ein und derselben Haus leben. Wir sind viel flexibler, ziehen ständig um. Wir sollten eine Immobilie als ein Konsumgut betrachten, die wir nur eine bestimmte Zeit nutzen, ähnlich wie unser Smartphone und unseren Laptop. Und wie das nun mal so ist: Wenn man sich etwas nicht leisten kann, muss man seine Ansprüche senken. Wer das von Anfang an beherzigt, spart sich Zeit und Geld, kann etwa den Kredit flotter abbezahlen. Da ist es auch irgendwie verschmerzbar, dass man mit einer Immobilie in einem nicht ganz so tollen Viertel nicht auf Partys rumstrunzen kann.


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