Wie Unternehmen ihre besten Mitarbeiter halten können

Unternehmen sind immer auf der Jagd – und ständig auf der Hut. Einerseits scannen sie nonstop den Arbeitsmarkt nach den besten Köpfen, um maximal souverän auf der Welle „New Work“ und „Industrie-Was-weiß-ich-Punkt-null“ reiten zu können. Auf der anderen Seite befinden sie sich in einem permanenten Alarmzustand: Ihre größten Talente können jederzeit abgeworben werden. Um das zu verhindern, investieren Unternehmen jede Menge Gehirnschmalz und Bares in die Frage: Wie können wir unsere Alphas langfristig halten?

Wer sich darüber ernsthafte Gedanken macht, muss zuerst einen Schritt zurückgehen und wissen: Wer gehört eigentlich zu meinen Zugpferden? Was unterscheidet einen guten von einem durchschnittlichen Mitarbeiter?

Anti-autoritäres Arbeiten

Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Osnabrück, sieht neben der größeren fachlichen Expertise und Leistung vor allem zwei Punkte: „Die Unterschiede liegen vor allem in einer größeren Lernfähigkeit und Leistungsmotivation.“ Will heißen: Fachkenntnis und Abliefern streng nach Vorgabe sind schön und gut, willst du aber zu dem oberen Drittel gehören, musst du draufpacken. Dein Lernpensum tunen und jeden Tag aufs Neue mit dem Biss eines absoluten Beginners und der Ausdauer eines Triathleten die Aufgaben meistern.

Kanning, der seit Jahren zu Themen wie Arbeitszufriedenheit und Leistungsbeurteilung in Unternehmen forscht, verweist auch auf soziale Kompetenzen. Mitarbeiter mit Potential weisen in Bereichen wie Kontakte knüpfen, Konflikte konstruktiv lösen und das eigene Sozialverhalten kritisch hinterfragen höhere Werte auf als andere. Nach dieser Erklärung haben Arschlöcher nur kurze Beine. Eine gute Nachricht.

Bei Zalando, Deutschlands Stern am E-Commerce-Himmel, versucht man seine besten Pferde im Stall durch mehr Selbstbestimmung zu umgarnen. Eigenverantwortliches Arbeiten und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten bilden hier die zentralen Achsen. „Wir sind fest davon überzeugt, dass Talente sich nur dann vollständig entfalten können, wenn man diesen auch mehr Entscheidungsfreiraum überlässt“, sagt Sören Winter, Head of Recruitment bei Zalando. Entscheidungsfreiraum heißt beim Online-Modehändler: flexible Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle. Dazu kommen spezielle Angebote für Eltern wie etwa Eltern-Kind-Räume.

Office-Kultur für Highperformer: Bei der Berliner Agentur Antoni dient ein Mercedes 190E als Meetingraum.

Wichtiger als Benefits ist Winter aber gute Führung. Firmenwagen, Freigetränke, Teamevents und Sportangebote schaffen zwar ein positives Setting, ein cholerisches Biest als Chef ersetzen sie nicht. Bei Zalando wird deshalb viel in Fort- und Weiterbildung der Führungskräfte investiert. Kein Wunder: Laut einer Studie wirkt sich schlechte Führung negativ auf die Leistung der Mitarbeiter aus. Miserable Vorgesetzte sind wahre Motivationskiller.

Das weiß auch die Berliner Kreativagentur Antoni. Sie hat eine eigene „antoniversity“ gegründet, in der Führungskräfte und Mitarbeiter von Experten aus Wirtschaft und Kommunikation beraten werden, wie PR-Manager Henning Beermann berichtet. „Wir bieten Leadership-Trainings und Coachings aller Art“, so Beermann. Regelmäßige Entwicklungsgespräche sind ebenso ein Must-have.

Wohlfühl-Statussymbole

Bei all dem New Work-Lametta um mehr Eigenverantwortung und Sinnstiftung, sollte man die verlässlichen Zwei, wenn es um die Bindung und Motivation von Mitarbeitern geht, nicht ganz vergessen. Nämlich: Aufstieg und Verdienst. Eine höhere Gehalts- und Leitungsposition sind auch in Zeiten der hyperinflationär zitierten Work-Life-Waage für viele immer noch ein Grund zu bleiben – oder eben zu gehen.

Und auch Statussymbole haben in unserer akuten Arbeitswelt immer noch ihren Platz. „Dort wo früher der protzige Dienstwagen oder das große Einzelbüro Zeichen von Macht, Einfluss und Status war, werden heute andere Dinge wichtig“, sagt Stefan Scheller, Personalmarketing-Experte beim IT-Dienstleister Datev, der auf Persoblogger über Trends der HR-Szene schreibt. Wohlfühlaspekte wie das Image oder die Ausstattung eines Unternehmens sind die heutigen Statussymbole. Ohne Benefits wie kostenloses Obst oder gemeinsame Freizeitaktivitäten seien in Startup-Hochburgen wie Berlin kaum mehr junge Menschen für ein Unternehmen zu begeistern.

Auch Uwe Kanning hält nicht viel von der Rede, dass heutige Generationen einen gänzlich anderen Blick auf Arbeit und Karriere haben. Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen einer Generation seien viel größer als die Unterschiede zwischen den Generationen. „Besonders leistungsstarke Leute sind nicht repräsentativ für ihren Jahrgang und waren es auch nie.“ Vielmehr habe sich, so der Professor, die gesellschaftliche Akzeptanz für Top-Leistungsträger, die mehr Rücksicht auf Freizeit und Familie nehmen, verändert.

Letztlich komme es darauf an, sich mit den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Personen auseinanderzusetzen, so Kanning. Nicht jedes Top-Talent will Führungsverantwortung übernehmen. Das unterstreicht auch Beermann von Antoni. „Wir berücksichtigen individuelle Wünsche. Das kann ein Achtsamkeitstraining sein, ein Yogakurs oder auch ein gemeinsames Saufgelage.“ Bei diesem Angebot sollte wirklich für jeden etwas dabei sein.


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René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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