Das gute Geschäft: Diese Gründer versuchen, mit ihrem Business Gutes zu tun

Kuchentratsch, Lemonaid, Social-Bee – viele Startups wollen die Welt verbessern und trotzdem Geld verdienen. So gelingt der schwierige Spagat zwischen Traum und Business.
Von Monika Dunkel.

Dass er bei der Suche nach dem Lebenssinn bei Limettenlimo landete, ist Zufall. Es hätten auch T-Shirts oder Schuhe sein können. Als Paul Bethke entschied, ein guter Unternehmer zu werden, suchte er nach einem marktfähigen Produkt, mit dem er soziale Projekte unterstützen und Geld verdienen könnte. „Ich wollte eine richtige Firma und nicht bloß eine Stiftung oder einen gemeinnützigen Verein“, sagt der 37-Jährige. „Wer das Geld, das er für Hilfsprojekte ausgibt, selbst erwirtschaftet, ist mehr unter Feuer“, findet er. Eine Erfahrung, die Bethke als Entwicklungshelfer für die GIZ, die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, gemacht hatte. Dort werde zwar viel Geld ausgegeben, aber oft zu leichtfertig und unnütz.

Auf Limonade verfiel Bethke schließlich aus einem simplen Grund: Die hatte er als Schüler in Sri Lanka frisch gepresst auf den Märkten getrunken und sich daheim in Deutschland gefragt, warum es hier nur dieses süße Zeug gibt. Noch bevor er eine Rezeptur hatte, fiel ihm ein Name ein. Eines Nachts beim Rumscribbeln am Küchentisch sei der plötzlich da gewesen. Lemonaid, „Aid“ für Hilfe und „Lemon“ für Zitrone, es klingt wie „Lemonade“ und bringt Bethkes Idee auf den Punkt. Trinken für einen guten Zweck oder einfach „Trinken hilft“, so steht es fein eingraviert auf jeder Flasche. Dazu noch einen Tee, Charitea, eine Wortschöpfung aus „Charity“ und „Tea“.

Die Namen waren gut, doch sie machten noch kein Unternehmen. Bethke und zwei Studienfreunde begannen, eine Limo nach ihrem Geschmack zu mixen und Geldgeber für ihre Idee zu suchen. Das Problem: Die Banken waren 2009, kurz nach der Lehman-Pleite, mit sich selbst beschäftigt. „Viele haben uns einen Vogel gezeigt“, sagt Bethke. „Shareholder-Value und soziales Unternehmen“, das ging für die meisten nicht zusammen. Zu ungewöhnlich das Geschäftsmodell, zu unerfahren die Gründer. Erst mit einer staatlichen Bürgschaft gelang es dem Trio, einen Bankkredit von rund 850 000 Euro zu bekommen. Das Startkapital für ihre Lemonaid GmbH.

Fast zehn Jahre ist das her. Die Marke Lemonaid gehört längst zum festen Inventar in Biosupermärkten und Hipsterbars, aber auch Rewe hat sie im Regal. 3 Mio. Euro sind seit ihrer Gründung in Hilfsprojekte geflossen. Und Lemonaid ist zu einem Symbol geworden: gute Unternehmer, irgendwo zwischen Wohltäter und einer modernen Form des „ehrbaren Kaufmanns“, auch Sozialunternehmer genannt. Ihnen geht es nicht um maximalen Profit. Getrieben sind sie von einer Mission zu helfen: etwa die Chancen der Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren oder den CO2-Ausstoß zu verringern. Anders als Vereine, Stiftungen oder karitative Organisationen wollen sie das Geld dafür mit marktwirtschaftlichen Methoden erwirtschaften und nicht von Spenden und Steuermitteln abhängig sein. Als sich im Mai ein neues Netzwerk für Sozialunternehmer und Startups (Send) gründete, beschrieben diese ihr Tun als „Fortsetzung der sozialen Marktwirtschaft mit innovativen Mitteln“.

Nach drei Umzügen hat Lemon­aid seine Büros gleich in den Rindermarkthallen in St. Pauli, die Reeperbahn ist nicht weit, das Fußballstadion in Sichtweite. Bethke, kurze Hose, weißes T-Shirt, verstrubbeltes Haar, sitzt hinter seinem Schreibtisch, sein Skateboard lehnt an der Wand, in der Ecke verkümmert eine Bananenpflanze, der das Hamburger Klima nicht bekommt. 100 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen zu „marktüblichen Löhnen“, betont Bethke. „Denn was hilft es, wenn wir Entwicklungsprojekte fördern, aber unsere Mitarbeiter nachts putzen müssen.“

Bethke zeigt, wo Lemonaid hilft, Schulen in Paraguay (dort kommt der Rohrzucker für die Limonade her), Berufsausbildungszentren in Sri Lanka (dort kommt der Tee her), 5 Cent pro Limo, 10 Cent pro verkaufter Teeflasche, die im Handel rund 2 Euro kostet, gehen an diese Hilfsprojekte in den Anbauregionen. Mit den 3 Mio.  Euro haben sie bisher 22 Projekte unterstützt, Bethke und das Lemonaid-Team haben alle persönlich besucht und mit ausgewählt. Ein Verein, den sie gegründet haben, kümmert sich um die Projekte, ein Beirat berät sie. Das gute Geschäft, es läuft. Nur Gewinn – den hat Lemonaid bisher nicht erzielt trotz 18 Millionen verkaufter Flaschen im vergangenen Jahr und 14 Mio. Euro Umsatz.

Ein Grund zur Sorge sei das nicht, sagt Bethke, Vorrang habe das Engagement. Es ist der kleine, aber entscheidende Unterschied zu einem profitorientierten Unternehmen. „Dort wird erst Geld gespendet, wenn Gewinne da sind. Bei uns gehört es zur DNA.“ Im nächsten Jahr hoffen sie aber auf ein kleines Plus, mit dem sie Kredite weiter abtragen können.

Quartiermeister (Bier), Coffee Circle (Röstkaffee), Polarstern (Ökostrom) oder auch Einhorn (vegane Kondome) – das sind nur ein paar der bundesweit bekannten Sozialunternehmen. Gerade bei Gründern findet die Kreuzung aus klassischem Startup und gemeinnütziger Organisation großen Anklang. Fast jeder fünfte Neugründer wolle mit seinem Unternehmen ein soziales Ziel verfolgen, sagt Dominik Domnik, Finanzchef der Social Entrepreneur Akademie, einem Zusammenschluss der Münchener Hochschulen, der seit sieben Jahren Sozialunternehmer qualifiziert und inzwischen Deutschlands größte Schmiede für Sozialunternehmer ist. „Wir erleben eine Annäherung von Gemeinnützigkeit und kommerziellem Interesse.“ Die klassische Businesswelt verliere ihre Berührungsängste und interessiere sich zunehmend für Investments mit sozialem Anspruch. Ein Trend, der auch „Die Höhle der Löwen“ erreicht hat, wo sich vermehrt Neugründer mit sozialem Anspruch bewerben.

Backen gegen die Einsamkeit

Die Idee zu ihrem Startup kam Katharina Mayer beim Kaffeeklatsch mit ihrer Oma. Deren Leidenschaft: backen, Spezialität: Eierlikörtorte, der Lieblingskuchen der Enkelin. Die Großmutter blühte richtig auf, wenn sie was zu tun hatte, erzählt Mayer. Und so beschloss sie, etwas gegen die Einsamkeit zu tun, unter der gerade ältere Menschen leiden, manchmal so stark, dass es sie krank macht. Ein Problem, so groß, dass sie in England jetzt sogar ein Ministerium für Einsamkeit haben. „Vielen älteren Menschen fehlt einfach eine Aufgabe und Kontakt zu anderen. Einige wollen oder müssen auch ihre Rente aufbessern“, sagt die 29-Jährige.


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