Grau ist die Zukunft: Tokios Gründer entdecken Rentner als Zielgruppe

Japan hat zwei Probleme: Es gibt zu wenig Startups, und die Bevölkerung überaltert. Doch in der Kombination steckt die Chance. In Tokio entsteht gerade ein ziemlich umtriebiges Ökosystem für Silver-Tech.
Von Felix Lill.

Mit 40 Zentimetern pro Sekunde rast ein brusthoher Plastikeimer durch den Raum. Seine vier 360-Grad-Kameras erzeugen Wärmebilder, sodass er erkennen kann, wo sich Menschen befinden. Sungjae Kim strahlt. „Das ist erst der Prototyp!“, prahlt der Sales-Manager und klopft auf den Bauch des 130 Zentimeter hohen Roboters. „Bis jetzt kann er nur Aufnahmen machen. Als Nächstes wird er Probleme erkennen“, sagt Kim. Bald soll die Maschine um künstliche Intelligenz erweitert werden, die sie in die Lage versetzt, eigenständig Abweichungen von der Norm zu erkennen – Feuer etwa oder unerwartet geöffnete Türen – und wenn nötig Alarm zu schlagen. Läuft alles nach Plan, will der Hersteller Seqsense im Laufe des Jahres 2019 über 100 seiner Roboter an Kunden vermieten. Im Jahr darauf sollen es bereits 300 sein.

Das Büro des Startups liegt im Stadtteil Harajuku westlich des Tokioter Zentrums. In dem als Shoppingmeile für modebewusste Teenager bekannten Viertel hat sich die Firma auf zwei Etagen eingemietet. Im Keller der an eine edel designte Autogarage erinnernden Räume sitzen knapp 20 Mitarbeiter an Computern, im Erdgeschoss basteln weitere an den Robotern. Umgerechnet rund 10 Mio. Euro Wagniskapital hat die Firma eingesammelt, um seine rollenden Plastikeimer zu Assistenzrobotern weiterzuentwickeln, mit denen man die Securitybranche erobern will.

Sungae Kim, Sales-Manager bei Seqsense, dessen Roboter Büros und Alte überwachen sollen. Foto: Deby Sucha

Seqsense hat sich vorgenommen, seine Roboter demnächst nachts durch leere Büros patrouillieren zu lassen. Doch das soll bloß der erste Schritt sein. Kim, der früher für einen Risikoinvestor gearbeitet hat, zweifelt nicht daran, dass viel mehr drin ist: „Die Zahl der Sin­gle­haus­halte steigt schnell an“, sagt er. „Und zu einem großen Teil sind es ältere Menschen, die diese Entwicklung vorantreiben.“ Deshalb will Seqsense einen Industriestandard für intelligente Überwachungsmaschinen etablieren und dann eine Zielgruppe erobern, die in Japan und weiteren Ländern künftig immer bedeutender wird: Senioren.

Der Markt ist groß und wächst unaufhaltsam. Bei Seqsense ist man darum optimistisch, notfalls zusätzliche Investoren überzeugen zu können, sollte die Weiterentwicklung der Roboter doch teurer werden. Kontakte zu potenziellen Geldgebern sollten kein Problem sein. Das Startup wurde vor zwei Jahren von Yoji Kuroda gegründet, Professor an der Tokioter Meiji-Universität und gut vernetzter Experte für autonome Mobilität. Unter anderem hat der Konzern Mitsubishi zugesagt, Seqsense zu unterstützen. „Mit unserem Konzept rennen wir fast offene Türen ein“, sagt Kim. „Heutzutage findet man im Sicherheitsgewerbe keine Arbeitskräfte mehr.“ Es gebe achtmal so viele Arbeitsplätze wie Bewerber. Und dazu komme noch der beständig wachsende Markt der Überwachung gebrechlicher, alter Menschen, die sich nicht mehr ohne Weiteres um sich selbst kümmern können.

Rentnermonarchie 2050

Japan ist nicht das einzige Land, das sich mit der Überalterung seiner Bevölkerung auseinandersetzen muss. Aber nirgendwo ist der in allen Industrienationen zu beobachtende Trend zu einer immer älteren Gesellschaft derart weit fortgeschritten wie hier. Durch geringe Geburtenraten und die wohlstandsbedingt steigende Lebenserwartung nimmt der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung dramatisch zu. In Japan ist schon heute über ein Viertel der Menschen über 65 Jahre alt. Im Jahr 2050 werden vermutlich 40 Prozent der Japaner im Rentenalter sein. Und das hat weitreichende, ambivalente Folgen für die Wirtschaft des Landes.
So problematisch die Finanzierung der Renten wird, so interessant ist der Markt, der hier entsteht. Denn in reichen Staaten wie Japan wächst mit der Zahl betagter Mitbürger eine neue Klasse Konsumenten, Kunden und Patienten heran. Diese Menschen wollen ein gutes Leben. Sie sind bereit, ihre Ersparnisse aufzubrauchen, um sich ihre oft reichlich verfügbare Freizeit angenehm zu gestalten. Vor allem aber müssen diese Personen versorgt werden, wenn sie erst ihre Einkäufe nicht mehr selbst schleppen können und später zunehmend pflegebedürftig werden.

Seit mehreren Jahren macht Japan vor, dass eine alternde Bevölkerung nicht unbedingt Stillstand bedeutet – aber, dass sehr wohl umgedacht werden muss, wie man mit Verbrauchern und Arbeitskräften künftig umgeht. Das beobachten auch die Leute bei Crowdworks. Die Firma entwickelt Plattformen für Jobs und Freizeitangebote. Vor sieben Jahren launchte Seriengründer Koichiro Yoshida das Netzwerk, auf dem mittlerweile 2,25 Millionen Arbeitsuchende und 260  000 Anbieter von Freelancejobs aufeinandertreffen. Beim Matching von kurzfristigen Aufträgen ist Crowdworks Marktführer. Und laut neueren Studien macht diese Art von Jobs in Japan mittlerweile 40 Prozent aller Arbeitsplätze aus. Für jedes erfolgreiche Matching kassiert die Firma eine Provision von den Jobanbietern. Die Firma hat zwar noch immer nicht alle anfänglichen Investitionskosten eingespielt, erwirtschaftet aber bereits einen operativen Gewinn.

Ein Verkaufsregal? Raketenmodell?Nein, das ist der Prototyp für den Überwachungsroboter der Zukunft. Foto: Deby Sucha

Das Geschäft von Crowdworks läuft jedenfalls so gut, dass die Firma vor Kurzem ein neues Büro im schicken Viertel Ebisu bezog. Helles Holz, Trennwände aus Glas, edle Teppiche und viele Pflanzen: Man fühlt sich wie im Wohnzimmer. „So soll das Arbeiten heutzutage ja auch aussehen“, sagt Tomoko Ueno zur Begrüßung. Die PR-Mitarbeiterin ist eine von mittlerweile 340 Angestellten von Crowdworks. „Unser Büro wollten wir so gestalten, wie die Mehrzahl unserer User wohl arbeitet, nämlich von zu Hause aus“, erklärt Ueno, als sie auf ihrem Computer die typischsten Arbeitsprofile zeigt. Projekte für Designer und Ingenieure sind darunter, Aufträge für Texter, aber auch Datenrecherchen im Dienste großer Unternehmen. Und ein steigender Anteil der User, zeigt Ueno, besteht aus Alten. „Wir wollen diese Gruppe weiter erschließen, einfach weil sie in Zukunft wachsen wird“, sagt sie. Derzeit sind drei Prozent aller User über 60 Jahre alt. Auf den ersten Blick mag das wenig wirken, in absoluten Zahlen ist es aber ein beachtlicher Wert: Rund 60  000 Senioren suchen sich über das Internet kleine Jobs. Und ihr Anteil ist höher als jener der 55- bis 59-Jährigen. Die Menschen nehmen also vermehrt nach ihrem Pensionsantritt die Plattform wahr, um sich einen Zuverdienst zu verschaffen. „Viele dieser User sind gut ausgebildet und werden stark nachgefragt“, sagt Ueno, die aus ihren Daten auch erkennen kann, wie die Leute arbeiten. Etwa, dass sich einige auf einfache Tätigkeiten spezialisieren, wie das Ausfüllen von Umfragen. Damit lassen sich in einer halben Stunde umgerechnet knapp fünf Euro verdienen.


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