Clubkultur: Wie Berlin sein Nachtleben vor dem Untergang retten möchte

Vielleicht, indem man das, was viele Clubs von sich behaupten, tatsächlich einlöst und offene Locations für Anwohner jeden Alters und jeder Herkunft schafft. Kulturzentren mit frei zugänglichen Bereichen, deren Programm über Partys hinausgeht, mit einem Konzept, in das sich Besucher wie Anwohner einbringen können. Der Klunkerkranich auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Neukölln ist einer dieser Orte. „Die Betreiber sind von Anfang an mit den Anwohnern in einen Dialog getreten und haben auf Nachbarschaftsangebote gesetzt“, sagt Leichsenring.

Der Garten, in dem unter anderem Kräuter und Gemüse angebaut werden, und das Restaurant sind im Sommer bereits ab Mittag geöffnet. Kinder spielen im Sandkasten, Senioren treffen sich zu Kaffee und Kuchen, und junge Leute kommen zu den Veranstaltungen oder einfach auf ein Bier. Eintritt wird erst ab Nachmittag genommen und das auch nur, wenn ein besonderes Programm geboten wird. Auf zwei Floors wird von März bis Dezember regelmäßig zu elektronischer Musik, Jazz oder Funk getanzt. Auch Lesungen, Filmabende und Theateraufführungen finden statt. Das Programm auf dem zum Club umfunktionierten Parkhausdach wird gut angenommen, von Touristen wie von Berlinern. Streits mit Anwohnern oder der Politik gab es seit der Eröffnung im Sommer 2013 jedenfalls nicht.

Schluss mit Spontaneität

Für Open Airs, die in der Berliner Techno-Mythologie einen ganz besonderen Platz haben, ist das deutlich schwerer. Je dichter die Stadt bebaut wird, desto anspruchsvoller und konfliktbeladener wird es, einfach ein Facebook-Event rumzuschicken, im Grünen zwei massive Boxen aufzubauen und ein paar Kästen Bier mitzubringen, wie es die Romantik eigentlich will. Insbesondere spontane und unangemeldete Open Airs oder solche, die an beliebten Orten stattfinden, führen häufig zu Ärger. Oft sind das Ordnungsamt oder die Polizei schon vor Ort, bevor die Party überhaupt richtig losgeht.

Damit auch Feiern unter freiem Himmel demnächst nicht nur noch in Berlins Außenbezirken möglich ist, hat die Clubcommission gemeinsam mit der TU Berlin und der Hochschule für Wirtschaft und Recht das Projekt Model Space ins Leben gerufen. Grünflächen werden dabei auf ihre Open-Air-Tauglichkeit hin untersucht: Wie lassen sich Partys im Freien möglichst nachbarschafts- und umweltverträglich organisieren? Um das he­raus­zu­finden, wurden im vergangenen Sommer unter anderem in Spandau, Marzahn und Friedrichshain Testveranstaltungen durchgeführt. Anschließend hat die Clubcommission Anwohner befragt, inwieweit sie sich von den Partys gestört gefühlt haben.

Mit diesem Plakat wirbt der Salon Zur Wilden Renate bei internationalen Immobilienkaufinteressenten für Respekt vor der Clubkultur (Credits: Tobias Heuser).

Zudem arbeitet der Verein auf ein neues Anmeldeverfahren für Open Airs hin. Noch müssen Veranstalter 14 Anträge bei zehn Ämtern stellen. Die Bearbeitung dauert mitunter Wochen, zum Teil fallen hohe Gebühren an. Kostenfreie Anträge mit wenigen Seiten sollen die Legalisierung von Open Airs einfacher machen und die Behörden entlasten. Auch ein sogenanntes Freiluftpartygesetz, wie es bereits in Bremen existiert, könnte Bürokratie und Konflikte abbauen. Es legt genau fest, auf welchen Flächen nichtkommerzielle Veranstaltungen stattfinden dürfen, welche Vorbereitungen getroffen werden müssen und wie das Gelände nach der Party hinterlassen werden soll.

„Bisher fiel das Feedback sehr positiv aus“, sagt Leichsenring. „Aber wir haben auch bewusst nichts im Görlitzer Park gemacht, der schon ein Pulverfass ist, wo viele Veranstaltungen stattfinden und die Anwohner sehr sensibel sind.“ Die Clubcommission wählte Areale mit geringem Konfliktpotenzial. Nun werde man mit den Behörden über weitere Flächen sprechen. „Es gibt Bezirke, die gerne mehr junge Leute anziehen möchten“, sagt Leichsenring optimistisch. Helfen würde ein Tool, das aber nur die Stadt Berlin selbst zur Verfügung stellen kann: Ein Baulückenkataster, in dem Freiflächen und Eigentümer strukturiert aufbereitet werden, wünscht sich der FDP-Abgeordnete Luthe. „Bisher finden wir eigentlich immer nur per Zufall raus, wo es tatsächlich Brachflächen gibt, die in irgendeiner Weise genutzt werden können.“

Eine Vision endet im Zank

Doch selbst wenn Clubbetreiber und Open-Air-Veranstalterinnen bemüht sind, sich an die immer dichter werdende Stadt anzupassen, hat das Grenzen. Irgendeinen Nachbarn, irgendein Neubauprojekt wird es immer geben. Was aber wäre, wenn sich nicht die Clubs ändern müssten, sondern einfach die Stadt, die sie umgibt? Das Holzmarkt-Kollektiv zum Beispiel hat um den Club herum ein öffentliches Stadtquartier gebaut. Auf dem angrenzenden Grundstück an der Kreuzung sollte außerdem ein Gebäude namens Eckwerk entstehen – ein Komplex aus modernen Holzhochhäusern mit flexiblen Räumen für Wohnen und Arbeiten, die auf Zeit an Menschen vermietet werden sollten, die in Berlin ankommen und sich ausprobieren wollen.

Das Projekt hätte zeigen können, wie sich ein Club, Wohnraum und Arbeitsflächen miteinander vereinbaren lassen. Was als chaotischer Technoschuppen begonnen hatte, wäre damit zum vorzeigbaren, städtebaulichen Gesamtkonzept geworden. Doch es droht, begleitet von wechselseitigen Vorwürfen und langen Texten in der Lokalpresse, zu scheitern. Auch fünf Jahre nach den ersten Plänen hat der Bezirk kein Baurecht erteilt, der Projektpartner aus dem städtischen Wohnungsbau hat sich im Clinch zurückgezogen, die Schweizer Pensionskasse den Erbbaurechtsvertrag für das Eckgrundstück gekündigt. Aber nicht nur das: Weil das Holzmarkt-Team viel Geld in das Projekt investiert hat, kämpft es nun auch noch gegen die Insolvenz – und hat das Land Berlin auf 19 Mio. Euro Schadensersatz verklagt.

„Dabei geht es aber eigentlich nicht ums Geld, wir kämpfen um eine Idee des toleranten Miteinanders in der Stadt“, sagt Husten. „Außerdem müssen wir wissen, wie es mit dem Grundstück weitergeht. Wenn dort jetzt zum Beispiel ein Wohnhaus gebaut wird, müssen diejenigen, die dann langfristig dort leben, damit klarkommen, dass nebenan Kultur stattfindet.“ Derzeit läuft ein letzter Vermittlungsversuch, Mitte März wird das Ergebnis verkündet. Wer weiß, vielleicht gelingt doch noch ein Kompromiss, der etwas von der Kultur rettet, die Berlin ausmacht.

Nachtrag der Redaktion: Am 13. März 2019 fand eine Pressekonferenz des 90-Tage-Rats statt. Der 90-Tage-Rat besteht aus drei unabhängigen Personen, die in der verfahrenen Situation um den Holzmarkt vermitteln und innerhalb von 90 Tagen eine Lösung präsentieren sollten. Eine konkretes Ergebnis konnten sie bei der Pressekonferenz jedoch nicht vorstellen. Dennoch zeigten sich die Personen optimistisch. „Das Eckwerk wird gebaut“, so Wolfgang Wieland, Mitglied des 90-Tage-Rates.

Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titel-Story: Der japanische E-Commerce-Unternehmer und Milliardär Yusaku Maezawa und warum er mit Elon Musk zum Mond fliegen wird. Außerdem gibt es ein Dossier zum Thema „Future City“. Darin besuchen wir eine Gruppe aus Architekten, Tüftlern und Gründern, die in Rotterdam gerade ein halbverottetes Spaßbad saniert und ausprobiert haben und zeigen, wie man alte Häuser neu nutzen kann. Für mehr Infos hier entlang.

 


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