Colorist Dado Valentic im Interview: „Der Look muss unsichtbar sein“

Auf welche Ihrer Arbeiten sind Sie besonders stolz?

Die Naturfilme „Earthflight“ und „Flying Monsters“ von David Attenborough, wunderbare Dokus über Vögel, aber auch über den schönen Planeten, auf dem wir leben. Ich persönlich glaube, künftige Generationen werden eine Chance haben, die Zerstörung, die wir verursacht haben, rückgängig zu machen, aber nur, wenn wir ihnen die richtigen Werte vermitteln. Naturdokus können großen Einfluss auf die Bildung von Kindern und ihre Sicht auf die Natur haben. Mit diesen Filmen machen wir nicht nur schönes Kino, sondern helfen auch, den Planeten zu retten.

Welches Projekt bereuen Sie?

Vor Kurzem wurde ich mit der Arbeit an „Crazy Rich Asians“ beauftragt. Zusammen mit dem Kameramann Vanja Cernjul wollten wir einen herausragenden, eindrucksvollen Look kreieren, der dem Film Best-Picture-Nomierungen eingebracht hätte. Als ich jedoch in Malaysia angekommen war, wo der Film gedreht wurde, fingen die Dinge an zu bröckeln. Es gab nur ein einziges Crewmitglied, mit dem ich vorher zusammengearbeitet hatte und das die Besonderheiten des Prozesses, nach dem ich arbeite, verstanden hat. Glücklicherweise sah der Film am Ende gut aus, so wie alle anderen romantischen Komödien auch, und es wurde ein großer kommerzieller Erfolg. Aber nur ich und ein paar weitere Leute, die die ersten Tests gesehen haben, wissen, welches Potenzial in dem Film tatsächlich gesteckt hat.

Warum sehen eigentlich alle Romcoms gleich aus?

Das hängt weniger mit den Coloristen, Regisseuren oder Produzenten zusammen als mit der Art und Weise, wie die Branche organisiert ist. In einem Markt mit hohen Einsätzen gibt es nur sehr wenig Raum für Fehler, sodass alle Beteiligten auf Nummer sicher gehen und den Weg wählen, der sich in der Vergangenheit bewährt hat. Nur sehr wenige Regisseure und Kameramänner haben noch den künstlerischen Mut, Risiken einzugehen, um die Branche voranzutreiben. Sind sie erfolgreich, nimmt der Rest dies zur Kenntnis und beginnt, ihren Look und den Ansatz zu kopieren. So haben wir am Ende Fortsetzungen, nach denen wir nie gefragt haben, und Filme, die genau wie jeder vorherige aussehen.

Wie groß ist der Einfluss der Technologie auf den Look?

Sie ist die treibende Kraft. Aber das Spiel zwischen Technologie und Künstler, in diesem Fall dem Filmemacher, ist interessant. Während die Technologie ein Enabler für den kreativen Prozess ist, kann sie die Kreativität ebenso vollständig zerstören. Wenn die Technologie die Oberhand gewinnt, werden Filme schnell zu nichts anderem als Technologiedemos. Das beste Beispiel dafür war, als Ang Lee nach „The Life of Pi“ beschloss, „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ zu machen, der nichts anderes war als ein Experiment von 120-Bilder-pro-Sekunde-Kino. Zwei technologische Entwicklungen treiben die Entwicklung des Looks derzeit voran: erstens HDR-Fernseher und ihre unglaublichen Details in den Schatten. Zweitens die Erhöhung der Lichtempfindlichkeit digitaler Kinokameras. Diese Innovationen haben zusammen den Look von TV-Serien neu definiert, der das Kino heute so oldschool aussehen lässt.

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Wired magazine has invited me to explain how art and technology work. Thank you @wireduk for this amazing opportunity #vrart https://youtu.be/7SDNsd6SzPw

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Kino und Fernseher funktionieren unterschiedlich. Wie schafft man es, einen Film auf beiden Screens gut aussehen zu lassen?

Wir verwenden einen 2002 entwickelten Ansatz mit dem Namen Scene Based Image Manipulation. Diese relativ neuartige Farbwissenschaft verwendet ein Wahrnehmungsmodell der Bildmanipulation, das es uns ermöglicht, einen Farbgrad zu erzeugen, der automatisch für mehr als einen Bildschirm umgewandelt werden kann. Wir verbessern diesen Prozess ständig, und es ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Industrie heute steht.

Rein visuell betrachtet: Was sind Ihre besten Filme aller Zeiten?

Sie fangen alle mit „D“ an: „Delicatessen“, „Drive“ und „Dunkirk“.

Und welchen Film würden Sie gerne einmal reparieren?

Vor Kurzem war ich in Deutschland und habe dort eine „Tatort“-Folge gesehen. Ich würde gerne den Look überarbeiten und auf Augenhöhe mit großen Netflix-Shows bringen. Der „Tatort“ hat das Potenzial, weit über die deutschen Grenzen hinaus ein Hit zu werden.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Für die Titelstory uhaben wir mit Phil Harrison gesprochen. Er soll mit Stadia den Entertainment-Standard der Zukunft etablieren. Denn: Googles neue Milliardenwette heißt Cloud-Gaming. Weitere Themen: Konrad Bergströms Vision: umweltfreundliche Elektroboote. Der Schauspieler Tyron Ricketts möchte als Produzent das deutsche Fernsehen endlich von rassistischen Klischees befreien. Und: BMW ringt mit der autonomen Mobilität. JETZT AUSGABE SICHERN!


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