Alles auf Anfang: Wie ihr euren Karriereneustart nach der Elternzeit meistert

Ist der Nachwuchs auf der Welt, heißt es für viele Frauen erst mal: Elternzeit. Der Job wird auf Eis gelegt. Statt möglichst alles zur Zufriedenheit der Chef*innen zu erledigen, tut man alles zum Wohle des Kindes. Family first. Nicht selten kommt es vor, dass Frauen in ihrer neuen Rolle feststellen, dass der eigentliche Job nichts mehr für sie ist. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Manche waren schon vor der Elternzeit unglücklich, bei anderen läuft der Vertrag aus und wieder andere können aufgrund des Kindes nicht mehr von A nach B jetten.

Dann stehen alle Zeichen auf berufliche Neuorientierung. Business-Trainerin Yeter Cetinkilic hat die Prozedur selbst durchlebt und bietet nun Workshops für Mütter an, die nochmal neu anfangen möchten. Wir haben mit ihr gesprochen.

Yeter, du hast dich während der Elternzeit beruflich neuorientiert. Wieso? 

Meine Rückkehr in den alten Beruf war ein bisschen schwieriger als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war Führungskraft und während meiner Abwesenheit ist meine Position in der Form, in der ich sie hatte, weggefallen. Nach meiner Rückkehr aus der Elternzeit habe ich festgestellt, dass mein Arbeitgeber und ich uns beide verändert hatten. Die Zeit hatte nicht still gestanden. Wenn ich schon mein Kind in die Fremdbetreuung gab, dann wollte ich etwas machen, wohinter ich stehen konnte, das mich zufrieden machte und mit dem ich mich identifizieren konnte.

Was hast du dann gemacht?

Ich habe mich gefragt, welche Möglichkeiten ich habe und wie eine Lösung für mein Problem aussehen könnte. Um das herauszufinden, habe ich Methoden aus dem Design Thinking an mir selbst ausprobiert. Da gibt es beispielsweise die Emapthy Map. Dabei nimmt man die Perspektive von Kund*innen ein und stellt sich Fragen wie: Was sagen und tun die Kund*innen? Was sehen sie? Was fühlen sie? Was denken sie? Was sind die Pain Points? Das habe ich auf mich angewandt und dadurch meine Ziele definiert.

Und jetzt bietest du Workshops für Mütter an, die auch eine berufliche Neuorientierung anstreben. Wieso kommt es so häufig vor, dass Frauen nach der Elternzeit etwas Neues machen möchten? 

Die Elternzeit ist für viele eine Zeit der Selbstreflexion. In der Regel ist man ja ein bis drei Jahre aus dem Job raus und in einem beruflichen Stillstand. Da hat man plötzlich wieder mehr Zeit, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und sich neu zu entdecken.

Was ist das Ziel deiner Workshops?

Ziel ist nicht, dass man Hals über Kopf kündigt und den Chef*innen den Stinkefinger zeigt. Darum geht es auf keinen Fall. Die Workshops ermöglichen Frauen, eine Bestandsaufnahme darüber zu machen, was sie beruflich erreichen wollen, welche neuen Fähigkeiten sie durch das Muttersein erlernt haben und wie sie diese sie im Job beeinflussen. Veränderungen, die zu mehr Zufriedenheit führen, können manchmal kleine Faktoren sein, wie zum Beispiel, dass man einmal die Woche Homeoffice machen möchte. Es können aber auch größere Veränderungen sein, die mit einer Kündigung einhergehen und dann in die Selbstständigkeit führen.

Wenn man das für sich geklärt hat, geht es darum, wie man seine Ziele umsetzen kann. Dafür entwickeln wir im Workshop konkrete Schritte mit den Frauen. Auch hier kommen Methoden aus dem Design Thinking zum Einsatz. Die helfen den Frauen die Perspektive zu wechseln.

Yeter Cetinkilic ist Business-Trainerin und Mutter von zwei Kindern. ©Privat

Wenn ich mich selbst reflektiert habe und eine grobe Idee davon habe, wie es für mich weiter gehen soll. Was sind dann die ersten Schritte?

Ich würde jedem empfehlen, die Politik der kleinen Schritte zu gehen. Ich habe beispielsweise als Erstes mit Freunden darüber gesprochen, wie sie sich selbstständig gemacht haben, was ihre Tipps und Tricks sind und welche Hindernisse sie sehen.

Wie sieht es aus, wenn ich mich selbstständig machen möchte. Wie gehe ich da am besten vor? 

Das Wichtigste ist sich ein Netzwerk aufzubauen und mit anderen über die eigene Idee zu sprechen. Viele haben Angst, mit ihrer Geschäftsidee rauszugehen, weil jemand sie stehlen könnte. Daran glaube ich nicht. Viel mehr glaube ich daran, dass die Idee durch den Austausch Gestalt annimmt.

Welche Faktoren müssen denn gegeben sein, dass man einen beruflichen Neustart als Mutter wagen kann? 

Als erstes muss ich natürlich eine Idee haben, die sich für mich schlüssig und rund anfühlt. Dann brauche ich ein gutes Zeitmanagement und Planung. Würde ich es schaffen, das Kind rechtzeitig aus der Kita abzuholen, wenn ich einen Job in der nächst größeren Stadt annehme? Habe ich Kapazitäten für die ganzen Behördengänge, wenn ich mich selbstständig machen möchte? Dann würde ich mir immer auch Gedanken über das Finanzielle machen. Wie viel brauche ich im Monat, was ist mir wichtig in Bezug auf Geld? Dann spielen natürlich auch der/die Partner*in und die Familie eine Rolle. Unterstützen sie die Idee und helfen einem bei einem beruflichen Neustart? Wer kann sich in Engpässen um das Kind kümmern? Wie teile ich mir mit dem Vater des Kindes die Betreuung?

Wenn man keine*n Partner*in hat oder die Familie weit weg wohnt, dann ist es um so wichtiger, viele Leute mit ins Boot zu holen, die einen unterstützen können.

Was sind die größten Schwierigkeiten, wenn man sich beruflich neu orientieren möchte?

Ich glaube, dass die negativen Glaubenssätze und die Vorstellungen der Gesellschaft, mit denen wir groß geworden sind, die größten Hindernisse sind. Zum Beispiel, dass eine Mutter immer eine Vollzeit-Mami sein und immer alles perfekt machen muss, weil sie sonst als Rabenmutter gilt. Solche Gedanken können Frauen verunsichern und in ihrem Vorhaben lähmen.

Was müsste sich da ändern?

Vor allem wir Frauen sollten uns gegenseitig mehr ermutigen und unterstützen. Es ist keine Schande, andere Leute um Hilfe zu bitten, damit man sich selbst mehr Freizeit verschaffen kann, weil man beispielsweise Lust hat, schwimmen zu gehen. Ich hoffe, dass die ganze New-Work-Bewegung in der Hinsicht noch viel verändert.

Was sind die Chancen einer beruflichen Neuorientierung?

Mehr Zufriedenheit für dich als Mutter, und dadurch auch für dein Kind. Wenn es dir als Mutter nicht gut geht, dann bist du mit dir selbst nicht im Reinen. Und das spürt dein Kind. Deswegen ist es wichtig, dass Frauen auf ihre Bedürfnisse und ihre berufliche Erfüllung achten und das nicht ganz hinten anstellen, bis die Kinder aus dem Haus sind.

Ich weiß aber auch, dass dieses Thema ein Luxusproblem ist. Du kannst dich erst dann mit deiner beruflichen Neuorientierung befassen, wenn du gesund, vielleicht einigermaßen abgesichert bist und deine Grundbedürfnisse befriedigt sind. Alleinerziehende Mütter haben es da sicherlich schwerer, beruflich einen Neustart zu machen als Frauen, die durch ihre Partner*innen komplett abgesichert sind.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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