Random & Fun Licht per Smartphone steuern: Wie Philips Hue auf die perfekte Automatisierung hinarbeitet

Licht per Smartphone steuern: Wie Philips Hue auf die perfekte Automatisierung hinarbeitet

Individualisierbare Beleuchtung? Techie-Kram! Aber George Yianni, Erfinder des smarten Lichtsystems Philips Hue, sagt: Das geht uns alle was an.

Aus dem Bett heraus das Badezimmerlicht ausschalten, jede Lampe andersfarbig leuchten lassen oder das rötlich flirrende Licht aus dem Videospiel „Red Dead Redemption 2“ ins Wohnzimmer holen und es synchron zum Ritt in den Sonnenuntergang schalten. Moderne IoT-Lösungen machen all das möglich. Einer der First Mover in Sachen Smarthome-Technologien war der Konzern Philips. Dessen smartes Beleuchtungssystem Philips Hue wurde die erfolgreichste Produktfamilie seines Segments. Der Kopf dahinter: George Yianni.

Als der in Cambridge doppelt graduierte Physiker 2007 zu Philips kam, wusste er rein gar nichts über Beleuchtung: „Meine Auseinandersetzung mit Glühbirnen bestand lediglich darin, Ersatz für eine zu beschaffen, die kaputtgegangen war.“ Doch das änderte sich. 2011 gründete er Philips Hue als konzerninternes Startup, ein Jahr später warf er die allerersten per Smartphone steuerbaren Birnen auf den Markt – und machte sich dadurch nicht nur in der Lampenindustrie, sondern auch im Techbiz einen Namen.

Vergesst Diazepam, probiert am Abend mal rötliches Licht

Grundgedanke war damals, die hochspezialisierten Leuchtmittel, die Philips für B2B-Kund*innen und öffentliche Räume herstellte, auch Endverbraucher*innen zugänglich zu machen. „Wir hatten bereits Beleuchtungen für Schulen, die konzentrierteres Lernen unterstützten. Energiesparende Beleuchtungen. Beleuchtungen, die einen Teil der Stadt in Orte zum Kontaktknüpfen verwandeln“, sagt Yianni. „Aber nichts davon schaffte es in die Wohnungen.“ Also machte er sich ans Werk.

Richtiges Lampenverhalten

Heraus kam eben Hue, was übersetzt „Farbton“ bedeutet. Konkret handelt es sich um ein System aus digitalen Birnen, die über eine zwischengeschaltete Bridge via App, Sprachsteuerung oder Smart Switch bedienbar sind. Bedienbar heißt in dem Fall: Die Beleuchtung kann komplett den eigenen Vorstellungen angepasst werden – hinsichtlich Helligkeit und Farbton, aber auch einzelne Birnen können nach Belieben zusammengeschaltet oder bestimmte Blinkmuster programmiert werden.

Die Vision, die dahintersteckt, ist aber deutlich größer: „Der Traum, den wir haben, ist, dass man viel weniger mit seiner Beleuchtung interagieren muss“, sagt Yianni. Das Licht soll automatisch das Richtige machen. Was aber ist das richtige Verhalten für eine Lampe?

Zunächst müssten die Menschen erkennen, wie wichtig Licht für ihr Wohlbefinden ist, sagt Yianni. „Wir als Spezies haben uns unter der Sonne entwickelt, dadurch erwartet unser Körper im Tagesverlauf verschiedene Arten von Licht.“ Tagsüber aktiviert die gleißende Sonne unsere Aufmerksamkeit, abends signalisiert das weiche, sich rötlich verfärbende Licht dem Körper, dass er langsam runterfahren kann. Kurz: Der menschliche Biorhythmus ist ans Licht gekoppelt. Darum ist die Art und Weise, wie die meisten Menschen Licht nutzen, unnatürlich – immer das gleiche Weiß, immer gleich intensiv. Der Körper ist permanent verwirrt, Stichwort Schlafstörungen. Darum ist individualisierbares Licht nicht bloß Spielerei, um bei Bedarf romantische Stimmung zu erzeugen. „Menschen die Möglichkeit zu geben, die Farbtemperatur ihrer Lampen zu verändern, kann einen großen Einfluss auf ihr Allgemeinwohl haben“, sagt Yianni.

George Yianni: Der Physiker ist Gründer und Head of Technology bei der Beleuchtungsfirma Signify, ehemals Philips Lighting. Zuvor arbeitete er als Softwareingenieur beim britischen Startup Autonomy und beschäftigte sich einst als junger Hacker mit dem iPhone.

Doch hier wird es knifflig. Denn Yianni ist einerseits der Meinung, dass Licht nicht auch noch eine Sache sein sollte, die der Mensch kontrolliert. Es sollte automatisch das richtige Setting haben, angepasst an die persönlichen Bedürfnisse. Andererseits: Will der Mensch wirklich von der Beleuchtung fremdgesteuert werden? „Wir sind uns bewusst, dass das ein sensibles Thema ist“, sagt Yianni. „Die Menschen sind verärgert, wenn die Lichter rot werden und ihnen sagen, dass sie ins Bett gehen sollen.“

Ein weiterer Widerspruch, der vielen Smarthome-Gadgets anhaftet: Zum einen soll alles einfacher werden, sich quasi von selbst erledigen, zum anderen aber muss dafür alles mit Akribie und einem etwas nerdigen Hang zur Perfektion installiert werden. Bei Hue etwa können bis zu 50 Glühbirnen vernetzt werden – eine Beschäftigung, die schnell zur Zwangsstörung ausarten kann. Überhaupt war es eine Herausforderung, nicht nur die technikbegeisterten Early Adopter von individualisierbarem Licht zu überzeugen, sondern die breite Masse. „Wir hatten immer den Ehrgeiz, aus der Geek-Ecke herauszukommen“, sagt Yianni. Darum erfordern Produkte wie Hue schlaues Marketing. Es muss anhand von sehr konkreten Anwendungsfällen kommuniziert werden, warum das für normale Menschen sinnvoll ist.

Seit dem Launch der ersten per App steuerbaren Leuchte hat sich jedenfalls viel getan. Es gibt Produkte für alle Bereiche des Zuhauses: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Flur, sogar für den Garten. Parallel existieren über 700 Drittanbieter-Apps, die an das System andocken. Yiannis Favorit ist eine App für Gehörlose namens Convo, wo einzelnen Anrufer*innen individuelle Lichtszenarien zuweisbar sind und anhand des Blinkens erkennbar ist, wer gerade anruft. „Ein richtiger Power-Usecase, an den wir nie gedacht hätten.“ Privat erfreut er sich am meisten an einem Bewegungssensor im Badezimmer, der beim nächtlichen Toilettengang für ein dunkles, rötliches Licht sorgt – so wird er nicht allzu wach.

Egal, wie zahlreich die Use-Cases inzwischen sind, die Akzeptanz solcher Systeme und der Mehrwert für die Nutzer*innen hängen zu einem großen Teil am perfekten Timing. Denn Licht hat keinen Toleranzspielraum: Geht es im Flur nur einen Augenblick zu spät an, ist man schon über den selbstfahrenden Staubsauger gestolpert. Innerhalb von einer halben Sekunde müsse die Beleuchtung exakt das tun, was man will, sagt Yianni. Sonst wirft man das Produkt genervt weg. Eine große Herausforderung, denn die perfekte Automatisierung sei technisch noch nicht hundertprozentig möglich.

Darauf wird Yianni aber kontinuierlich hinarbeiten. Außerdem will er die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine weiter optimieren, um die Interaktion noch einfacher zu machen. Trotz all des Feilens an der idealen Benutzeroberfläche muss aber letztlich jeder selbst herausfinden, wie er nun am liebsten mit seinen Lampen kommuniziert. Einige Nutzer*innen seien mit Sprachbefehlen zufrieden, andere würden lieber Apps benutzen. Und dann gibt es noch den guten, alten Schalter. Nur ist der heutzutage smart. „Am Ende gibt es nichts Einfacheres und Zuverlässigeres, als einen Raum zu betreten, einen Knopf zu drücken, und die Lampe geht an“, sagt Yianni. „Es gibt einen Grund, warum wir unsere Lichter seit hundert Jahren so steuern.“

Aber kannte man vor hundert Jahren auch schon „Red Dead Redemption 2“? Oder derart spannende Serien, die einen daran hindern, auch nur einen einzigen Schritt vors Bett zu tun? Wohl nicht. Zeit also für neues Licht.


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