Gründen im Hinterland: Warum viele Startups auf die Provinz setzen

Startups gibt es in Berlin. Vieleicht noch in Düsseldorf und in München. So sagt man. Dass gerade in Bielefeld und Umgebung viele neue Firmen entstehen, haben die wenigsten auf dem Schirm. Doch genau dort bildet sich gerade ein Ökosystem für Tech-Startups, von denen viele das Potenzial mitbringen, Deutschlands Wirtschaft langfristig umzukrempeln. Aber warum Bielefeld?

Ostwestfal*innen an sich geben sich gerne bescheiden. „Anstatt darüber zu reden, wie viel eine Firma wert ist, fragt man hier: wie viel Umsatz, machst du eigentlich Gewinn?“, sagt Sebastian Borek. Borek ist der Chef der Founders Foundation und hat vor einigen Jahren die Konferenz Hinterland of Things gegründet, mit der er neue Firmen mit alteingesessenen in Kontakt bringen will. Startup meets Mittelstand, sozusagen. „Wir bringen hier die Wirtschaft zusammen. Und das Schöne ist: auf einem relevanten Zukunftsthema“, so Borek. Aber das ist nur ein Mittel zum Zweck. Zukunftsgestaltung nennt er das, was er mit seiner Konferenz wirklich machen will. Gründen für die Region also.

Sebastian Borek ist Gründer der Founders Foundation. Er will der Region Zukunftsoptimismus geben. Foto: Bastian Hosan

Einer der Bielefelder Gründer*innen auf der Hinterland of Things ist Torsten Bendlin. Gemeinsam mit zwei weiteren hat er die Valuedesk aufgebaut, eine Firma, die der Industrie dabei helfen will, nachhaltige Kostensenkungsprozesse zu implementieren. „Wir gehen der Frage nach, was die Industrie braucht, um aus eigener Kraft Geld zu sparen“, sagt er. Salesforce for savings nennt er das Geschäftsmodell.

Bielefeld biete sich für so ein Produkt an: „Hier sitzen Tausende Mittelständler*innen, von kleinen Maschinenbauer*innen, bis Dr.Oetker, Miele, Claas und so weiter.“ Das Kund*innenpotenzial sei riesig, manche besuche er mit dem Fahrrad. „Die sind zwei Kilometer entfernt. Was ein Wettbewerbsvorteil!“ Zudem könne man in Bielefeld die Mitarbeiter*innen bezahlen. „In Berlin muss man viel mehr Geld bezahlen.“ Dass die Founders Foundation den Gründer*innen beim Start hilft, tue sein übriges, sagt Bendlin.

Einer der Gründer, die die Founders Foundation hervorgebracht hat: Torsten Bendlin. Valuedesk will Firmen beim Sparen helfen. Foto: Bastian Hosan

Auch Janik Jaskolski ist einer der Gründer*innen, die eng mit Boreks Foundation zusammenarbeiten. Seine Firma Semalytix agiert im Healthcare-Bereich und arbeitet daran, Ärzt*innen, Patient*innen und die Pharma-Industrie enger zusammenzubringen. Zwar hat sich Semalytix schon 2015 aus der Uni heraus gegründet – den globalen Ansatz hat die Firma aber erst durch die Founders Foundation bekommen. „Bielefeld ist für uns ein toller Standort, weil es hier drei Universitäten gibt“, so Jaskolski, Bielefeld, Paderborn und Osnabrück.

An jeder dieser Unis gebe es gute Programme, die Nachwuchs für ein KI-Startup wie seines ausbilden. Auch er sagt: „Wenn wir in Berlin oder San Francisco säßen, würden wir schon allein das Fünffache für wahrscheinlich schlechtere Leute raushauen.“ Neben den etablierten, großen Firmen, die das Netzwerk bieten, in denen sich die Startups der Region einbetten können, ist also auch der viel geringere Konkurrenzdruck ein Grund, in Bielefeld zu gründen – und dann auch da zu bleiben. Und auch wenn Jaskolskis Firma Semalytix technische Lösungen für Kunden auf der ganzen Welt entwickelt, sagt er: „Unser technischer Nukleus ist ganz klar Bielefeld.“

„In Berlin oder San Francisco würden wir das Fünffache für schlechtere Leute ausgeben“, sagt Janik Jaskolski. Foto: Bastian Hosan

Es sind also die Gründerstorys, mit denen sich die Founders Foundation schmückt. Der Antrieb ist jedoch ein anderer. „Für uns ist es wichtig, dass wir uns auf Hochtechnologie konzentrieren“, sagt Borek. Er nennt das „dicke Bretter bohren“. Digitalisieren, was zu digitaliseren ist – ohne Digital Bullshiting zu betreiben. „Das ist ja kein Selbstzweck.“

In Deutschland werde im europäischen Vergleich viel zu wenig gegründet, und in den Regionen schon gar nicht. Aber ohne neue Firmen schaffen die alten den Sprung in eine moderne Arbeitswelt oft nicht. Also hat Borek mit seiner Stiftung ein Angebot geschaffen, um dieses Defizit auszubügeln. 45 Startups sind inzwischen direkt aus seiner Foundation heraus entstanden, 75 sind es in der Region insgesamt. „Wir haben also einen Nerv getroffen“, resümiert er. Die Bielefelder Bescheidenheit gebietet es zwar, auf dem Boden zu bleiben, trotzdem sagt Borek: „Die Firmen hier wissen um ihren Wert.“ Und sie werden selbstbewusster und behaupten sich gegen die Konkurrenz. Die DNA der Region sei aber eben der Mittelstand und der gebe sich eben von Natur aus eher skeptisch. Das übernehmen die Neuen in der Region gerne.

Dabei müssten sie das aber gar nicht. Inzwischen ist die Bielefelder Connection so groß, dass sie von alleine weiterwächst. „Oft müssen wir gar nicht mehr so viel tun“, so Borek. Die jungen Firmen bringen Venture Capital in die Stadt, an den Unis gibt es inzwischen Speaker*innen, die er selbst nicht mehr kenne. Und das Potenzial für die Region, „ist immer noch nicht ausgeschöpft“. Die Technik stecke noch immer in den Kinderschuhen. Fünf Prozent seien geschafft, da ist also noch Luft nach oben. Seinem größten Ziel, Zukunftsoptimismus in der Region zu etablieren, kommt das natürlich entgegen. Da geht also noch was.

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