Der Prototyp aller Influencer*innen: Lernen von Legenden mit Buffalo Bill

Wir alle kennen Durststrecken. Und nutzen sie: Später, wenn alles irgendwie gut ausgegangen ist, strickt man sie um zum Gründungsmythos des eigenen Ichs. Erfolgreich den ersten eigenen Code an einen Softwaregiganten vertickt? Wäre nicht möglich, wenn man nicht zuvor Stunden über Stunden und Wochen über Wochen in der Institutsbibliothek Bücher einsortiert hätte, um am Ende des Monats wenigstens noch das Geld für eine Instant-Suppe in der Tasche zu haben.

Bei Buffalo Bill Cody war das die Existenz als Reiter für den Pony Express. Mit 14 fing er an. Klingt heute nach Abenteuer und Sonnenuntergang, nach Freiheit und Steppe. War aber eher: Sonne, Sonne, Staub, Staub. Dazu sitzen im Sattel, also: exhausting af. Aber eben auch der erste Baustein der Cowboy-DNS, die ihn später einmal berühmt machen wird.

Nächster Karriereschritt: Büffeljagen in der Prärie. Es sind die 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Damals wird in Amerika das Eisenbahnnetz massiv ausgebaut. Tausende Arbeiter müssen versorgt werden. Wer bietet sich da besser für an als jemand, der (fast) alles für Geld macht? Buffalo Bill allein soll um die 10 000 Büffel erlegt haben. Dass er die Tiere damit an den Rand des Aussterbens bringt, wird bei der Verneigung vor dem Mythos fast vergessen.

Ebenfalls alles andere als gut für die Bio: grausame Kriege gegen die amerikanischen Ureinwohner*innen, in denen Cody als Soldat mitmarschiert.

Cody begreift aber schnell, was für ihn zum Erfolg führen kann: harte Zeiten in spannende Geschichten umzudichten. Fake it till you make it: Cody versteht, dass er seine Erlebnisse beim Pony Express, bei der Büffeljagd und in den Gefechten immer und immer wieder nutzen kann – und zwar als Showman. Seine Auftritte machen ihn um 1900 zu einem der berühmtesten und meistfotografierten Amerikaner*innen.

Erst reitete er für de Pony-Express, kämpfte in der US-Army und jagte Bisons in der Prärie. Später zug er mit seiner Wild-West-Show um die ganze Welt und wurde zum meistfotografierten Amerikaner seiner Zeit. Foto: Library of Congress

Mit der Show „Buffalo Bill’s Wild West“ wird er nicht nur zum auf der ganzen Welt gefeierten Star, er wird auch zum Prototyp aller Influencer*innen, Entertainer*innen und Cowboys – und erreicht damit bis heute in Tausenden Cowboy-Reinkarnationen unzählige Menschen. Und das über 100 Jahre nach seinem Tod.

Er machte es aber auch gut: Er stellt Überfälle auf Postkutschen nach und schifft Büffel und anderes Getier aus dem Westen Amerikas um die ganze Welt, um sie vorzuführen. Seinen ehemaligen Gegner*innen im Kampf schustert er Hauptrollen in seiner Show zu. Seine Bühnen baut er in den Me­tro­polen der alten Welt auf: Paris, München, Berlin. Im Publikum sitzen die Größen der damaligen Zeit: Queen Victoria und der spätere Kaiser Wilhelm II. Dem schießt Codys Scharfschützin Annie Oakley sogar die Zigarre aus der Hand.

Nicht nur die Tiere und Ureinwohner*innen Amerikas führt er den Europäer*innen vor, auch das Essen, von dem er sich in der Prärie ernährt haben will, tischt er ihnen auf: Bohnen, Schweinefleisch, gebratenen Fisch. Die Show schlägt ein. Nebeneffekt: Das Bild, das Cody vom Cowboy, von den Native Americans und vom Westen mitbringt, bleibt dauerhaft. Nicht aber das des echten Cody, der sich als Reiter und Jäger durchschlagen musste.

Cody geht so sehr in seiner eigenen Legende auf, dass er völlig hinter seiner Inszenierung verschwindet. Macht nichts: Wer sein Gesicht in jede Kamera hält und am eigenen Image derart feilt, schafft den Superstar-Status.

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