Die Kolumne des Business Lion: Über Motivationssprüche, die nach hinten losgehen

Vom Business Lion

Es kommt nicht selten vor, dass die Urheber*innen von Motivationsposts, wie sie seit einiger Zeit zahlreich auf Instagram und Facebook geteilt werden, sich einer sehr kraftvollen Sprache bedienen. Dabei vernachlässigen sie jedoch nicht die grundsätzliche Einfachheit, die ihre Aussprüche für ein breites Publikum so anschlussfähig macht. Konkret haben wir es also häufig mit Vokabeln wie Arsch, fick oder fucking, Fresse, Maul, Schnauze, verpissen und natürlich mit sehr viel Scheiße zu tun.

So auch in dem Motivationszitat, dessen Inhalt dieses Mal ergründet werden soll:

„Scheiß auf Menschen, die dich und deine Ziele nicht unterstützen.

– Karl Ess am 20. Oktober 2019

Also, Textanalyse Punkt eins: Wer spricht? Karl Ess, ein junger, kahlköpfiger Mann aus dem Schwäbischen. Gut möglich, dass er sich als eine Art ganzheitliche Autorität begreift, da er sehr viel Zeit darauf verwendet, über Erfolg und Reichtum, Fitness und Ernährung, Kleidung und Stil, Freundschaft und Partnerschaft oder Politik zu dozieren und ansonsten (natürlich) viel und gerne vor teuren Autos zu posieren. 

Und was möchte er uns sagen? 

Mit Hilfe des sehr kraftvollen sprachlichen Bildes des „auf jemanden Scheißens“, fordert er die Leser*innen dazu auf, eine ausgewählte Menschengruppe mit Missachtung zu strafen. 

Die gewählte Metapher ist bemerkenswert, weil sie dazu aufruft, Menschen aktiv zu verachten. Ess sagt nicht „Kümmere dich nicht um sie“ oder „Wende deine Aufmerksamkeit lieber anderen Dingen zu“. Er wählt einen Imperativ der tätigen Herabwürdigung. Es wird planvoll auf jemanden geschissen. 

Und auf wen? Nicht etwa auf die, die ihn und seine Fans daran hindern wollen, ihre Ziele zu erreichen – Gegner*innen, Hater*innen, Konkurrent*innen. Nein, alle Menschen, die nicht helfen wollen, befinden sich im rückwärtigen Fadenkreuz.

Aber wer sind diese Menschen? Wer genau wird hier zur Bestuhlung freigegeben? 

Nehmen wir mal an, dass Herr Ess den Ratschlag, den er so freimütig mit uns teilt, auch selbst beherzigt. Wir wissen nicht allzu viel über sein Handeln oder seine Ziele, aber wir können davon ausgehen, dass alle, die ihn unterstützen sollen, zumindest geschäftsfähig und deutschsprachig sein sollten – denn in einer anderen Sprache teilt Herr Ess sich seinem Publikum nicht mit, und um Geschäfte geht es bei ihm permanent.

Dank dieser Eingrenzung können wir benennen, wer mit Fäkalien bedacht werden könnte. Dazu gehören beispielsweise alle Kinder, alle Menschen mit fortgeschrittener Demenz, Menschen mit einer geistigen Behinderung (alle nicht geschäftsfähig), über 99 Prozent der Bevölkerungen Turkmenistans und Uruguays (nicht deutschsprachig) und natürlich alle Toten (weder geschäftsfähig noch deutschsprachig). 

Ein Satz wie „Scheiß auf alle uruguayischen Grundschulkinder“ wäre demnach eine inhaltlich völlig korrekte Teilmenge des Ausgangsstatements, da wir getrost davon ausgehen können, dass kein Mitglied dieser Gruppe irgendeinen aktiven Beitrag zur Erreichung von Karl Ess‘ Zielen leistet. Oder das in Zukunft vorhat.

Das ist natürlich eine Aussage, die sich niemand gerne auf die Fahnen schreibt. Es kann natürlich sein, dass sie völlig unzutreffend ist. Nämlich dann, wenn der Autor seine eigene Ratschläge nicht befolgt und der Meinung ist, man solle jedem Menschen so viel Respekt und Achtung entgegenbringen, wie man sich selbst wünscht.

Dann würde jedoch die große Frage im Raum stehen, weshalb ein solcher Menschenfreund derartig misanthropische Handlungsanweisungen veröffentlicht? Möglicherweise befindet er sich noch auf der Suche nach seinem wahren Selbst, schwankt aber noch zwischen verwirrtem Samariter und pietätlosem Raubtierkapitalisten. In diesem Fall kann dieser Text ihn vielleicht bei seiner Selbstfindung unterstützen und damit eine weitere Person vor seinem Auswurf bewahren.

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