Staff-Picks: Die Netflix-Serie „Tiger King“ zeigt, dass nichts so wahnsinnig ist wie die Realität

Es gibt ihn immer noch, den Netflix-Effekt: Man klickt sich ahnungslos durch die Videothek, bleibt bei einem vielversprechendem Teaserbild hängen und lässt einfach mal laufen. Nach einer Folge ist man in heller Begeisterung, bingt die Serie komplett durch und stellt beim Blick auf die gängigen Meme-Instagram-Channel fest, dass es Millionen Menschen weltweit ähnlich ging.

Genau das ist mit „Tiger King“ passiert, der True-Crime-Miniserie, die seit dem 20. März auf Netflix verfügbar ist. (Der deutsche Titel lautet „Großkatzen und ihre Raubkatzen“, was ähnlich gut über die Zunge rollt wie eine Rasierklinge.) Sie erzählt die Geschichte von Joe Exotic und seiner Erzfeindin Carole Baskin.

Joe ist ein exzentrischer Privatzoo-Besitzer in Oklahoma, der auf Country-Musik, Waffen und Polygamie steht, aber vor allem sich selbst liebt. Carole betreibt in Florida auch eine Art Zoo – mit dem Unterschied, dass sie ausrangierte Tiger und Löwen aufnimmt und entschieden gegen die Zucht neuer Tiere kämpft. Sie wird verdächtigt, ihren millionenschweren Mann umgebracht zu haben.

Außerdem gibt es da noch Joes späteren Geschäftspartner Jeff Lowe, der Tigerbabys in Koffern in Hotels schmuggelt, um private Kuschelpartys abzuhalten. Und Doc Antle, der eine Art Kult betreibt und Hollywood mit exotischen Tieren versorgt. Und den früheren Drogendealer Mario Tabraue, der die Vorlage für Tony Montana aka „Scarface“ gewesen sein soll. Und … Die Liste skurriler Nebenfiguren ist lang.

Raubtiere und ihre Großkatzen

In sieben Folgen werden wir fast minütlich mit Joe Exotics wahnwitzigen Projekten, seinem bunten Haufen aus Ex-Häftlingen und Überlebenskünstler*innen und absolut nicht artgerecht gehaltenen Großkatzen konfrontiert. Egal, ob einem Mitarbeiter der Arm von einem Tiger abgebissen wird, Joe einer Carole-Baskin-Puppe in den Kopf schießt, oder er immer mehr den Schulden und Paranoia verfällt: Alles wurde mitgefilmt und hinterlässt einen oft schlicht fassungslos.

Wie sagt eine Figur irgendwann so treffend: „Diese Geschichte hat so viele Wendungen, man müsste Bücher darüber schreiben, was alles schief lief und wo gelogen wurde.“ Zwar bezieht sie sich dabei auf Carole Baskins toten Ehemann, eigentlich könnte die Aussage aber auch die Prämisse der Serie sein. Alle Akteur*innen verdrehen die Wahrheit und am Ende weiß man nicht, wer hier eigentlich die größten Verlierer*innen sein sollten.

Bei den ganzen Absurditäten kann man leicht übersehen, welches Problem „Tiger King“ auch überdeutlich anspricht: In den USA leben fast doppelt so viele Tiger wie weltweit in freier Wildbahn. Laut Guardian ist es in manchen Bundesstaaten sogar einfacher, einen Tiger zu kaufen, als einen Hund zu adoptieren. Mike Tyson gefällt das.

Warum ausgerechnet jetzt, in Zeiten der Coronakrise, alle über „Tiger King“ reden? Vielleicht, weil wir alle Zuhause sitzen und eben nichts Besseres zu tun haben. Also werden Memes gebastelt und spekuliert, was mit Carole Baskins Mann passiert ist. Möglicherweise wäre es auch ohne Selbstisolation und allein dank der einzigartigen Story ein riesiger Erfolg geworden. Wahrscheinlich ist es aber auch einfach so, wie der Telegraph bemerkt hat: Selbst in den dunkelsten Zeiten sehnen wir uns danach, das Schlimmste im Menschen zu betrachten.

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