&Charge: Wie ein Loyalitätsprogramm E-Mobility schneller voranbringen will

Was hat man in letzter Zeit nicht alles im Bereich Mobilität mitbekommen: Ride-Hailing. Pooling. Sharing. Ja, ja und ja: Haben wir alles ausprobiert, finden wir richtig gut, aber als echte Fans des Neuen schauen wir gerne nach vorne, ob da nicht etwas lauert, was wir noch nicht kennen und das uns faszinieren könnte.

Und hier kommt das Frankfurter Unternehmen &Charge ins Spiel: Denn das arbeitet an einer Lösung, die die Akzeptanz und Verbreitung von E-Mobilität beschleunigen soll. Der Clou: Es wird dabei nicht auf Fahrzeuge direkt gesetzt, sondern auf den Vorgang des Ladens – „gegen die Ladeweile“, wie Chief Sales Officer und Co-Founder Simon Vogt sagt.

Simon Vogt: So sieht gelebte Überzeugung aus: Der Co-Founder und Chief Sales Officer hat einen E-Mobility-Background durch und durch und war erst bei BMW im Bereich E-Mobility Product Manager, dann Product Owner bei Porsche Charging Services, bevor er sich Anfang des Jahres in Frankfurt mit der eigenen Idee an den Markt wagte.

Er zählt auf, was einem komfortablen Laden des E-Mobils derzeit noch im Weg steht: „Drei Punkte: Reichweite, Infrastruktur und Preis. Das Problem der Reichweite ist zum Teil schon gelöst, indem das E-Auto langstreckentauglich gemacht wird.“ So sollen im Verlauf dieses Jahres neue Fahrzeugmodelle mit adäquater Reichweite auf den Markt kommen. Und auch was die Infrastruktur angeht, sei die E-Mobility-Branche auf einem guten Weg. Vogt sieht, dass die Ladestationen bereits sukzessiv ausgebaut werden. „Aber der Preis ist noch ein großes Problem.“ Vogt meint nicht primär den Anschaffungspreis, sondern auch die Ladekosten. Außerdem liege der Bereich der „Experiences“ brach. Womit er bei seiner Lösung wäre.

Sein Greentech-Startup &Charge ist vergangenes Jahr als erstes „grünes“ Loyalty-Programm gestartet. Also ein Bonusprogramm, bei dem die Kund*innen beim Einkauf Punkte erhalten, um diese anderweitig einzulösen.

Einkaufen und E-Cruisen

Vogt erklärt es so: „Die Verbraucher*innen melden sich in unserer App an. Dann können sie beim Einkauf bei unseren Partnern, die in der App aufgelistet sind, oder durch andere Aktivitäten Bonuspunkte in Form von Mobilität sammeln. Unsere virtuelle Währung sind Kilometer, wobei ein Kilometer acht Cent entspricht.“ Diese Kilometer können dann für diverse nachhaltige Mobilitätsangebote wie E-Scooter-Sharing, Ride-Hailing oder das Laden des eigenen Elektroautos eingelöst werden.

Ein Beispiel: Die Verbraucherin lädt ihr E-Auto an einer Ladestation in der Stadt. Währenddessen geht sie in einem Supermarkt einkaufen, der ihr in der &Charge-App angezeigt wird. Für ihren Einkauf bekommt sie dann die Kilometer gutgeschrieben, die sie anschließend beim Bezahlen einlösen kann. Oder sie kann sich vom oder zum Ladepunkt klimaneutral weiterbewegen, indem sie den Service der &Charge-Mobilitypartner (unter anderem Call a Bike von der Deutschen Bahn oder Uber) in Anspruch nimmt und dort die Kilometer einlöst.

Das Modell funktioniert also als eine Art Vouchering. Vogt rechnet vor, dass man circa zwei bis vier Prozent des Nettoeinkaufspreises bekommt. Bei einer Hotelbuchung über die Plattform kommen so etwa rund 100 Kilometer zusammen, die umgerechnet acht Euro wert sind. Und die reichen dann bequem für das Fahren in der City.

Vogt sagt: „Wir wollen die führende Plattform für Zugang zu nachhaltiger, klimaneutraler Mobilität und Experiences in Europa werden.“

Der Clou liegt auch darin, dass von dem Modell eine Masse an Nutzer*innen angesprochen werden soll. Denn auch Menschen ohne eigenes E-Auto können am Modell teilhaben: &Charge hat sein Angebot vor Kurzem so ausgebaut, dass die Endkund*innen ihre Kilometer auch einfach spenden können. Etwa um ihren ökologischen Fußabdruck zu kompensieren, wie man es vom mittlerweile beliebten Baumpflanzen kennt – die Kilometer gehen dann an ausgewählte Projekte, zum Beispiel im Bereich Wind- oder Solarenergie. Um diese Masse an Nutzer*innen auf die Plattform zu bekommen, hat sich das Team von &Charge Features einfallen lassen. So kann man sich beim Laden von Hörbüchern beschallen lassen. Oder Fotos von der Ladestation machen und sie in der App posten. Vogt spricht von Gamification-Features und einem „Experience Mode“, was sehr sympathisch – und vor allem nach Leichtigkeit – klingt.

Die Endkund*innen sind aber nur die eine Seite der Gleichung. &Charge vernetzt alle Partner*innen, die an der Plattform hängen. So sollen letztlich Ladesäulenbetreiber*innen, Fahrstromanbieter*innen und Einzelhändler*innen miteinander kommunizieren – und natürlich profitieren. „Uns ist wichtig, dass es diesen B2B- und B2C-Service gibt. Durch die hohe Aktivität schaffen sich alle Plattformpartner*innen gegenseitigen Mehrwert“, sagt Vogt.

Game-Changer Ladepreis

&Charge berechnet keine Registrierungskosten, nutzt auch nicht die sonst bei Loyalty-Programmen gefürchtete Datenkrake, um Informationen der Nutzer*innen zu versilbern und weiterzuverhökern. Alles DSGVO-konform. Vogt verfolgt einen fast idealistisch anmutenden Ansatz: „Wir wollen mit &Charge unseren eigenen Footprint setzen und die Verbreitung von E-Mobility beschleunigen. Nachhaltigkeit ist kein Verzicht und E-Mobilität erst recht nicht“, sagt er.

Die Rechnung geht so, dass die Verbreitung von E-Mobilität auch von den Ladepreisen abhängt, die er mit seinem Cashback-Programm senken will. Je mehr Akteur*innen sich auf der Plattform bewegen, desto gewaltiger wird der Schritt Richtung klimaneutrale Mobilität. Vogt ist überzeugt: „Für die E-Mobility gibt es kein Zurück mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Vogt und sein Team wünschen sich von der E-Mobility-Branche vor allem eine offene Diskussion und einen liberalen Markt. „Wir sehen leider immer wieder Tendenzen, dass gewisse Akteur*innen sich verschließen und eher auf den Profit schauen als auf die Kund*innen. Durch die hohen Preise entsteht Unmut im Markt. Das bringt uns nicht weiter.“

Experiences, Gamification: Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Branche der E-Mobilität, die jahrelang auf allen Seiten hart um Anerkennung kämpfen musste, sich jetzt etwas fallen lassen kann und die um die Ecke gedachten Lösungen zulässt. Weil die Kund*innen des Jahres 2020 nun eher von den charmanten und verspielten On-top-Services angezogen werden als von nüchternen, beige gefärbten Lösungen.

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Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.

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